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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1891-09-11 · Heft 37 (11.9.1891) · p. Seite 444

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
55 (1891)
Issue
Heft 37 (11.9.1891)
Date
1891-09-11
Page
Seite 444 (sequence 12)
Language
German
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- 444 - Mrsoelten. v Fast gleichzeitig mit dem Franzosen Raymond und dem Italiener Solliui wurden auch zwei Eingeborene aus Salonichi von Räuberbanden entführt und gefangen gehalten. Das Lösegeld für diese beiden türkischeil Unterthanen wurde aber nicht von der Pforte gezahlt, sondern mußte von ben Verwandten der beiden Gefangenen aufgebracht werden, lieber das Schicksal derselben in der Gefangenschaft wird aus Salonichi vom 30. August berichtet: Vor etwa zwei Monaten begab sich ein gewisser Inda Akoem, der Sohn eines Rohjeidenhändlers, eines spanischen Inden in Salonichi, in die Bahnstation Gumendschje, um dort in der Umgegend von den Bauern und Cislikbesitzern, die sich mit Seidenzucht befassen. Cocons zu kaufen. Nachts, als er in Gnmendschje schlief, kamen mehrere Rällber ins Dorf und all das Haus, wo er eingekehrt war, klopften an die Thür unb verlangteil unter Drohungen die Qeffnung derselben. Nachdem dies erfolgt war, zwangen sie Jllda, sich anzukleiden und ihnen ins Waldgebirge zu folgen. Der Allführer dieser Räuberbande, der sich Kapitän Vasili nanntef verlangte von Judas Vater ein Lösegeld von MO türkischen Goldlire. Als der Vali der Provinz Macedonien dieseil frechell Ueberfall in dem stark bevölkerten bulgarischen Dorfe Gull'.endschje erfuhr, feubete er in die Bahnstationen der Salonichi-Uesküb-Bahn Militär, um die Räuber anszuforschen; die Truppen thaten ihre Pflicht, lind bei einem Scharmützel wurdeil Räuber und Soldaten verwundet, aber um die Räuber zu umzingeln nnb festzunehmen, waren diese Abtheilungen, zu schwach, weil die erfteren hoch im Gebirge banften, das im Vardarfltißthale vperireilde Militär stets beobachtetell Ulid sich in fein Gefecht entließen. Auch wechselten sie an einem und dernselbeil Tage oft zwei- bis dreimal ihre Verstecke, wozil sie stets einen mit undurchdringlichem Dickicht umgebenen Platz wählten. Durch Kundschafter waren sie von bcu Bewegungen des Militärs genau unterrichtet und hatten Zeit, mit den Familien ihres Gefangenen zu verhandeln. Judas Vater, der and) Häuser in Salonichi besitzt, wollte sich anfangs nicht herbeilassen, 5000 türkische Lire zu zahlen, sondern bot nur 1000 türkische Lire (ca. 18,000 Mark). Darauf ging Kapitän Vasili nicht eilt und die Verhandlungen zögert sich in die Länge. Beständig gingen die Boten ab und zu, um das Geschäft zu Stande zu bringen,' beiderseits rvrtrde endlich nachgegeben, bis das Lösegeld mit 1500 türkischen Lire festgesetzt war, welche dec Vater zahlte und die in der Gegend der Station Gewgeli abgeliefert wurden, worauf die Räuber den Inda zur Bahnstatiort Gewgelt begleiteten. Dienstag, den 25. August, Abends um 9 Uhr 35 Minuten, kam Juda mit der Bahn an. Die spanischen Juden, meistens seine! Verwandten und Bekannten, hatten sich vor der Station Salonichi ver-! sammelt, und als Juda ans dem Waggon stieg, wurde er von seinem ■ greifen Vater unter Thränert umarmt, desgleichen vort seinen Verwandten! begrübt und von der jüdischen Bevölkerung mitHändeklatscheit uudHurrah-! schreien bewillkommt.! * Heb ec den Baron Hirsch lesen wir in einem Karlsbader; Briefe der Hamb. Nachr.: „Einer der in letzter Zeit meistgenannten Beschützer des vieltributirten Volks, Baron Hirsch, weilt gegenwärtig mit Frau und zwei Kindern in der Pension Königs Villa; in der Kurliste ist er als Gutsbesitzer ans Paris eingetragen. Ein Depntirter des italienischen Parlaments, der Marchese Raphael Cappelli, gehört allmorgendlich zu dem Frühstückstisch des Barons in dem schön gelegenen j Jägerhanse Carls IV., dem beliebtesten Erholungsaufenthalt der Kur-! güste, vor Allem des englischen Viertels. Baratt Hirsch ist die Einfach-! heit in Person; er hat ein sehr gutes, wohlwollettdes Gesicht; er ist von j übermittler Größe; sein schwaches Haupthaar ist im Ergrauen; bagegen j ziert sein scharfgeschnittenes, iticht eigentlich jüdisches Profil ein starker,! schwarzer Schnurrbart, der ihm sehr gut steht. Er kommt und geht j mit einem kleinen weißen Bologneser Hündchen, das er auf dem Arm j trägt, und das, wie man wissen will, ein Andenkett au seinen verstorbetten! Sohn ist. Wenn an dent Frühstückstisch deutsch gesprochen wird, geht es gewöhnlich voit ihm ans; die Uebrigen sprechen zumeist englisch, doch springt die Unterhaltung auch oft ins Französische um,' er scheint alle drei Sprachen gleichmäßig zu beherrschen. Die zwei Kinder gelten für adoptirt und dürften englischen Ursprungs sein. Ter Knabe hat das Aussehett eines elfjährigen, das junge Mädchen ist vielleicht 16—17. : Unter allen Kurgästen ist es wohl, seiner Kleidung ttach, das unansehn- 1 lichste; es trägt eilte Art dunkles Bergsteigekostüm und bedient sich beim Marschireit nach dem Druttnetttrittken eines derben Stockes. Auch in dem hier üblichen einsitzigen Eselsfuhrwerk ist es bei Ausflügen der Familie und einiger der wenigen Bekannten als schonungsbedürftiges Mitglied des Kreises häufig zu sehen, während das rüstige Oberhaupt zu Fuße wandert." * lieber die Sekte der „Sabbathianer" in Rußland berichten die „Mosk. Wed.": Bei Berathung über die Schädlichkeit der rationalistischen Sekten wurden dem Moskauer Kottgreß der Missionäre gegen den Raskol interessante Mittheilnngen über die Sekte der Säbbathianer gemacht, welche sich im Kaukasus und int Gouvernement Astrachan befindet nnb ansbreitet. Die Bezeichnung der Sabbathianer haben sie erhalten, weil sie nicht den Sonntag, sondern den Sonnabend feiern. Sie nentien sich das Volk Gottes, Jndäer, Juden, Israel, Fremdlinge in Israel. Das Wunderbarste ist aber dies, daß die Sabbathianer echte geborene Nusseil sind, welche sich von Christus, dem Christenthltm und von der russischen Nationalität losgesagt haben. Alle Hoffnungen der Sabbathianer sind nach ben „Mosk. Wed." an die Erde, tticht an den Himmel gefesselt. Alle Männer sind beschnitten. Gestützt auf das Beispiel Abrahams, Jakobs, Jsmaels, Davids und Anderer lasseit die Sabbathianer die Vielweiberei zu, und einige unter ihnen haben zu gleicher Zeit zwei und drei Frauen. Die Sabbathianer sind so vom jüdischen (!!) Geist durchtränkt, daß sie sich des Ackerbaues entwöhnen und sich auf den leichten Erwerb, die Geschäftsmacherei, das Schankwesen u. s. w. werfen. Jedes Sabbathianerdorf hat seinen Rabbiner, welcher vott der ganzen Gemeinde aus den besten Vorlesern gewählt wird. Die Sabbathianer beobachten alle jüdischen Feiertage und Fasten. Vor Eintritt der Ostern versieht sich jedes Haus mit ungesäuertem Brod auf acht Tage, und kurz vor Ostern wird das ganze Hatls von allem Säuern gereinigt. Während der ganzen Osterzeit sacht Tage) genießen sie ungesäuertes Brod und bittere Kräuter: Zwiebeln, Knoblauch, Pfeffer und Rettige. Am Versöhnungstage sind sie traurig, beim an diesem Tage hält Gott Gericht über sie wegen ihrer Handlungen im Laufe des Jahres. Sie feiern das Purimfest zum Andenken an die That Mardochais, welcher das Ränkenetz Hamans zerriß. Dett Sabbath feiern sie vom Untergang der Sonne am Freitag bis zum Untergang der Sonne am Sonnabettd; am Sonttabend beschäftigen sie sich mit feiner Arbeit und gönnen ihrem Vieh Ruhe. Wenn sich Jemand unterwegs befindet, so ist er bemüht, zur Sabbathrnhe in eilt Quartier zit gelangen. Wenn dies nicht gelingt, so hält er an und verbringt 24 Stunden da, wo ihn der Untergang der Sonne überraschte. In Betreff der Speise halten sich die Sabbathianer streng an die Theilung der Thiere in reine und unreine, und sie sehen die Schweine und Krebse für besonders verabscheuungswürdig an. — Wie die Juden, erwarten auch die Sabbathianer die Ankunft des Messias, welcher die Juden nach Palästina führen soll. Gegenwärtig sind die Stämme Jttda, Benjamin und Levi auf der ganzen Erde zerstreut; die zehn anderen Stämme sind vom Herrn in ein unbekanntes Land verbannt. Messias wird nun alle diese Stämme in Palästina sammeln und dort das jüdische Königreich gründen, wo er selbst regieren wird, während alle anderen Völker seine Sklaven sein werden. * Eine merkwürdige Geschichte zwingt das Matrikelamt der israelitischen Kultusgemeinde in Wien, in einer sehr heikligen Angelegenheit die Entscheidung der niederösterreichischen Statthalterei anzurufen: Einem im Bezirk Leopoldstadt wohnhaften Schuhmachermeister wurde vor circa vierzehn Jahren ein Mädchen geboren, welches den Namen Gisela erhielt. Dieser Name erscheint auch in den Matrikeln eingetragen. Die Angehörigen wunderten sich indessen über das Wachsthum des Mädchens, über die rauhe Stimme und den Anflug eittes Bärtchens, der sich zeigte. Aerztliche Untersuchung ergab, daß im gegebenen Falle ein'Naturspiel vorliege — im Laufe der Zeit war aus dem Mägdelein ein Junge geworden. Der Vater des Kindes verlangt die Eintragung seines Kindes als Knabe und Umwandlung des Namens Gisela in Gustav. Die erforderlichen Schritte wurden bereits eingeleitet. Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin. — Verantwortlich für die Redaktion Max Bauchwitz in Berlin.

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