Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1891-09-11 · Heft 37 (11.9.1891) · p. Seite 440

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
55 (1891)
Issue
Heft 37 (11.9.1891)
Date
1891-09-11
Page
Seite 440 (sequence 8)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/3224737-3227877-3227915--48228-3270737
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

440 „Und womit beginnen Sie da?" „Theater natürlich." „Schön, schließe mich Ihnen an," sagte der Kompagnon, nebenbei bemerkt, ein eingefleischter, alter Junggeselle, „vorausgesetzt, daß Sie nichts dagegen einwenden?" „Aber ich bitte Sie ..." „Gehen wir in den „Fall Clemenceau?" „Angenommen. Will sofort meiner Frau telephoniren." „Eh, eh, was haben Sie denn?" fragte der Kompagnon, als' Daniel mehr wie lebhaft „Schluß" gefordert hatte, „Sie schneiden ja. ein fürchterlich wüthendes Gesicht." „Dummes Zeug," brummte Daniel. „Stellen Sie sich vor: meine Frau lehnt ab." „Wie? Ihre Frau ist aus der Provinz und verschmäht cs, ins Theater zu gehen? „Rundweg abgeschlagen. Sie will nicht." „Aber sie wird doch wohl einen Grund vorschützen," forschte der Kompagnon hartnäckig; „erfahrungsgemäß giebt es bei Frauen kein nein saus jtlirase. „0, die Phrase wär' schon da, sie hat keine Zeit." „Waaas?! Na, so begleiten Sie mich allein." „Unmöglich. Sie wartet mit dem Abendbrod auf mich." Der Kompagnon schüttelte den Kopf. ... „Hören Sie mal," sagte er nach einer Weile, „das kam aber schnell." „Was?" fragte Daniel unbehaglich. Na, Sie schrieben zwar, Sie Hütten einen Engel an Güte und Sanftmuth gefunden, aber? . . ." Daniel beantwortete dieses „aber" nicht mehr. Er nahm Hut und Stock und empfahl sich mit all den schönen Redensarten eines gewandten Mannes, innerlich diesen Fragekasten von Kompagnon zum Teufel wünschend. Er war furchtbar böse. Ueber zwei Stunden ging er planlos die Straße auf und ab. Er grollte mit sich selbst.... Warum hatte er seine Freiheit geopfert? Um den Launen eines kleinen, eigensinnigen Geschöpfes zu Danke zu leben. Oder was anders, wenn nicht Laune, hatte ihre Weigerung, sich zu amüsiren, heut wieder verursacht? ... Ueber die Kleinstädterin! Und er sollte wieder und immer wieder sich von ihr tyrannisiren lassen? Nichts da, er wird ihr den Herrn zeigen. Jetzt geht er allein ins Theater, den ganzen Abend bleibt er fort, die ganze Nacht.... Mittlerweile war cs dunkel geworden, und siehe, durch der Himmel weiß welche närrische Macht dahergetrieben, stand er in der Friedrichstraße vor seinein Hause. Er stieg die Bel-Etage hinauf, noch beim Klingeln nach gehöriger Schürfe der Ausdrucksweise ringend, durch welche er die Widerspünstige schon gebührend zähmen wollte. Er stürmte nach dem Wohnzimmer, die Thür weit aufreißend — ein Lichtmeer fluthete ihm entgegen. Geblendet trat er einige Schritte zurück. „Gebe ich denn ein Fest?" fragte er sich unwillkürlich. Und wahrlich, festlich war der Anblick, der sich ihm bot. Die schöngeschwungenen großen Glockenblumen des Kronleuchters strahlten in röthlichem Licht auf die schimmernd weiß gedeckte Tafel und spiegelten sich in den silbernen Geräthen und krystallenen Gläsern, die beiden mächtigen siebenarmigen Tischleuchter erwiederten mit hellleuchtenden Kerzen die Flammengrüße von oben. Das ganze Zimmer roch wunderhübsch nach Veilchen; ein wenig später entdeckte er, daß die lieblichen Blüthen in einer kleinen Schaale auf dem Tische dufteteir. Ein feines Aroma von frischem Backwerk mengte sich mit dem Veilchengeruch des goldgelben Ungar, der vornehm mit gläsernem Mützchen paradirte, das blinkende, mit zierlichen Blümchen bemalte Tafelgeschirr, Alles weckte die angenehme Vorstellung von allerhand kulinarischen Ueberraschungen bei einem köstlichen kleinen Festschmause. Rosa stand am Tisch, ihr Helles Kleid schützte eine große, weiße Schürze, die den Hausfrauen zugleich ein so würdevolles wie appetitliches Aussehen verleiht, ihr schwarzes Haar war von einer allerliebsten weißen Haube bedeckt. Sie stand mit erhobenen Armen, ihre Hände breiteten sich flach gegen die Kerzen, der Widerschein der Lichter huschte und spielte auf weißen Handrücken. Daniel wagte nicht, sie anzureden, geschweige sie hart anzufahren. Eine betende Frau zu stören — unmöglich! Und mit geheimer Rührung betrachtete er ihr frommes, keusches Gesicht. Sie erschien ihm wie eine jener poesieumfloffenen Frauengestalten, die auf den Oppenheim'schen Bildern so holdselig, so süßer Demuth voll uns entgegenschauen. Noch Anderes ward in ihm wach. Er entsann sich seiner Kindheit, da er als Knabe am Freitag Abend das Haus seiner frommen Großeltern besuchte. Just in derselben Haltung hatte die alte Frau betend gestanden und die Hände gebreitet gegen das Licht. Rosa hatte ihr Gebet beendet und blickte auf. Da sie ihn am Thürpfosten gewahrte, flog ein Lächeln über ihr freundliches Antlitz. „Gut Schabbes," rief sie fröhlich wie ein Kind und ging ihm entgegen. „Du willst Dich waschen, nicht wahr? Komm, mein Freund, und sprich mir den Segen über den Wein uud die Sabbathbrode." Nun saß er, eigentlich sehr gegen seinen Willen und Gewohnheit; denn von Ceremonien war er wahrhaftig kein Anhänger, auf dem hausherrlichen Ehrenplatz und sagte mit leisem Unmuth: „Aber Kind, Du bietest und verlangst des Absonderlichen für mich doch ein Bischen zu viel. Da bringst Du mich in eine heillose Verlegenheit. Ich weiß wirklich nicht, ob... Es ist so lange her, daß ich dergleichen Formalitäten gesagt und erfüllt habe...." „O das schadet nichts," fiel sie mit sanfter, aber sehr bestimmter Ueberredung ein. „Hier in meinem Siddur stehen die Worte, ablesen wirst Du sie ja wohl noch können." Und siehe da, es traf sich, daß er noch mehr konnte, als sie ablesen; er wußte die schönen, alten Segensprüche richtig noch auswendig herzusagen, und inehr noch wie seine eigene Eitelkeit freute ihn die Bewunderung seiner Frau. „Heute will ich Dir noch den Gefallen thun, kleine Zelotin," scherzte er gutmüthig, „aber ich hoffe, künftighin läßt Du mich nach meiner eigenen Fayon unselig werden." Sie gab keine direkte Antwort, sie war zu sehr beschäftigt, ihren Gatten zu bedienen und ihm von allerhand leckeren Dingen anzubieten. Es klingelte, Besuch ward gemeldet. „Ein Gast am Sabbath," rief sie vergnügt, „das mag ich gern." Es war der Kompagnon. „Himmel, ist das hier hübsch," sagte er erstaunt, „feiern Sie Geburtstag oder sonst ein festliches Ereigniß?" „Ist die Vorstellung schon beendet?" fragte Daniel, dem es bei dem unvermutheten Erscheinen des alten Spötters ein wenig ungemüthlich wurde. „Noch lange nicht, aber daß ich mein Eindringen nur entschuldige." er verneigte sich verbindlichst gegen die junge Frau, „mich plagte die Neugier, zu erfahren, was Sie, meine werthe Frau Daniel, vom Theater zurückgehalten haben möge." „Rathen Sie," sagte Daniel, „sie versteht es, Räthsel aufzugeben, diese Frau." Man scherzte und schmauste und war ungeheuer vergnügt dabei. Rosas Schönheit eroberte im Fluge des Kompagnons altes, aber keineswegs ausgebranntes Herz. Ein so hartnäckiger Eheverächter, am so mehr vielleicht wußte er Frauenliebreiz zu schätzen. „Nun begreife ich, warunl Sie das Schauspiel verschmähten," bemerkte er mit einem bewundernden Blick auf Rosa zu Daniel, „allerdings haben Sie in Ihrer Häuslichkeit das molligste Paradies-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.