Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 55 (1891)
- Issue
- Heft 37 (11.9.1891)
- Date
- 1891-09-11
- Page
- Seite 439 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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439 Kuthun, daß diese Religion nicht hindert, theilzunehmen ■an allem Hohen, Schönen und Edlen, was die Menschen erfreut, indem es sie fördert? Hervorgegangen aus einer Familie, die mehr als einen Söhn zur Ehre des Vaterlandes und der Menschheit erzogen, welche sich stets durch ideales Streben ausgezeichnet, und begabt mit einem Genie, welches sich schon in frühester Jugend bekundet, zeige Meyerbeer ein Zusammentreffen glücklicher Verhältnisie, welche ihn zu einer Lichterscheinung am Himmel deutscher Kunst gemacht hätten. Sein Andenken und seine unvergleichlichen Werke seien der einzige und beste Trost für seinen Verlust, und dieser Trost werde belebend fortwirken, so lange Menschen am Schönen sich erfreuen und am Idealen sich emporranken. Beruhigend und ermahnend leuchte sein Vorbild der Mit- und der Nachwelt, denn nicht äußerer Glanz und Ruhm hätten ihn geblendet, in selbstschöpferischein Drange habe er gerungen und gestrebt, das Höchste zu erreichen, was er in seiner Kunst erreichen konnte. So wird sein verklärter Geist die Seinen trösten und Segen spendend für alle Zukunft wirken. Als der Zug, der eine dichte Menschenmaffe herbeigeführt hatte, am Opernhause anlangte, ward eine riesige Trauerfahne auf dem Dache sichtbar, der Opernchor trat auf die Rampe heraus und sang hier: „Was Gott thut, das ist wohlgethan" sowie Bernhard Anselm Webers tiefergreifende Komposition des bekannten Liedes: „Rasch tritt der Tod den Menschen an." Rabbiner Dr. Joel rezitirte die hebräische Trauerliturgie und sprach ein ergreifendes Gebet. Dann ward der Sarg in die Familiengruft getragen und hier beigesetzt. Die Sonne, welche die Laufbahn des Meisters erleuchtet, strahlte hell und mild wärmend auf seinem letzten Gange. Einige Wochen nach dem Tode des unsterblichen Tondichters gastirte Albert Niemann am königlichen Opernhaus als Prophet, und der General-Intendant Botho von Hülsen benutzte diesen Anlaß, um jene Glanzvorstellung zu einer Art von Trauerfeier für den einstigen königlichen General-Musikdirektor zu gestalten. Die Wittwe Hülsens erzählt darüber in ihrem Buch: „Unter zwei Königen" unter Anderem: „Es war die erste Meyerbeersche Oper, welche nach dem Tode des Komponisten in Berlin zur Aufführung gelangte und somit eine würdige Veranlassung zur Glorifikation des Verblichenen bot. So hatte sich denn Hülsen eine Ovation erdacht, welche dem Publikum und den Verehrern des Meisters eine schöne Genugthuung bereitete. Am Schluß des vierten Aktes entrollte sich der Vorhang vor einem wundervoll gestellten „lebenden Bilde", welches die Hauptfiguren der Meyerbeerschen Oper, wie „Selica", „Alice", „Valentine", „Bertha" u. s. w. zeigte. Ueber demselben war die Büste Meyerbeers aufgestellt, welche die schöne de Ahna mit einem Lorbeerkranz krönte. Es war eine glückliche Idee, und der schon durch Niemanns wunderbaren Gesang und dessen vollendete Darstellung der Titelrolle aufs Höchste gesteigerte Enthusiasmus der Zuschauer wußte sich nicht genugsam zu bethätigen." Doch nicht allein in Berlin und Paris huldigte man den Manen des Verblichenen; auch in zahlreichen anderen Städten wurden zu seinem Andenken sinnige Erinnerungsfeierlichkeitcn veranstaltet, und in Wort und Schrift fanden seine Leistungen und Verdienste lebhafteste Anerkennung. Die Stadt Montauban schrieb einen Preis für das beste Gedicht auf Meyerbeer aus; in Berlin und Paris wurden ihm Büsten errichtet, Straßen nach ihm genannt — kurz, alle jene ruhmvollen Akte, womit eine dankbare Nachwelt ihre großen Söhne feiert, wurden auch zu Ehren des großen Tonmeisters ins Werk gesetzt, dessen Andenken die jüdische Gemeinde stets Hochhalten wird. U FEUILLETON Prinzessin Sabbath. Novellette von C. Berg. (Fortsetzung.) Daniel fuhr, mit Lachthränen kämpfend, fort: „Sicherlich, es giert noch Juden in Berlin und manche Leute wollen behaupten, es seien deren sogar zu viele, aber diese vorsündfluthlichen Speiscordonnanzen, unter deren Tyrannei Du mich armen, sündigen Gourmet jetzt zu beugen gedenkst, respektiren höchstens noch die kleinen Leute des seligen Mühlendamm oder die zugewanderten Provinzler. Die moderne Gesellschaft, in welcher Du mit mir leben und Dich bewegen wirst, verlangt gebieterisch Fleischfreiheit und Buttersauce." Rosa war ungeduldig geworden. „Das klingt Alles sehr luftig, was Du da vorbringst, aber ich bin jetzt durchaus nicht zum Spaßen aufgelegt. Willst Tu mir endlich Antwort geben oder nicht?..." „Nein, ich will nicht," rief er ärgerlich, „ich erlaube nicht, daß Du mit diesem orthodoxen Krimskrams unsere Wirthschaft beschränken willst." „Ueber die Wirthschaft verfügt die Frau," entgegnete sie mit großer Bestimmtheit, „das Hauswesen leite ich. Also Du weißt nicht Bescheid? „Nein," wiederholte er mürrisch. „Frage einen Bekannten." „Lächerlich, werd' mich so blamiren." „Gut, ich werde mir allein Rath schaffen." Sie band eilig Hut und Mantel um, bedeutete die Köchin, sie zu begleiten, und ging auf die Straße. „Bin doch neugierig, was sie anstellen wird," sagte sich Hermann und folgte ihr in einiger Entfernung. Er beobachtete sie scharf. Sic war zum ersten Mal in Berlin; ganz unbekannt mit allen Straßen und Wegen, würde sie schnell genug umkehren und klein beigcben. Möglich auch, daß sie dem Mädchen befehlen würde, sich bei irgend wem zu erkundigen. Nichts von alledem. Anfangs schien sie freilich ein wenig schwankend, welcher Weg wohl einzuschlagen wäre. Mit einem Male faßte sie festen Cours, steuerte die Friedrichstraße hinauf den Linden zu quer über den Schloßplatz, die Königstraße lang, bog in die Klosterstraße ein und betrat mit geradezu sieghafter Sicherheit den bekannten Breslauer'schen Fleischladen. „Siehst Du," sagte sie triumphirend zu dem Gatten, den sie am Ausgang ihrer wartend fand. Er fragte scherzend, welcher unsichtbare Engel mit flammendem Schwert ihr denn den Weg gewiesen habe. „Gar keiner," antwortete sie einfach, und dann, mit einem etwas verschämten Lächeln, fügte sie hinzu: „Auf der Friedrichstraße bemerkte ich einen polnischen Juden, dem bin ich auf's Gerathewohl nachgegangen." Diese Lösung überwältigte ihn. Hermann Daniel war gerührt, er machte seiner jungen Frau die weitgehendsten Zugestündniffe, seinetwegen möge sie eine so hyperkonservative Küche führen, daß sie alle Tage den Wunderrabbi von Sadagnra zu Gaste laden dürfe, er wolle ihr derohalbcn nie wieder etwas in den Weg legen. Er ahnte nicht, daß der Gläubiger schon vor seiner Thür lauerte, der ihm die Erfüllung seiner übermüthigen Versprechungen abfordern würde. Der nächste Tag war ein Freitag. Zum ersten Male seit seiner Verchlichung ging Daniel wieder seiner gewohnten Beschäftigung nach, er war Thcilhabcr in einem sehr angesehenen Bankhause. „Was unternehmen Sie heute, Daniel?" fragte ihn sein Kompagnon. „Meiner Frau Berlin zeigen."