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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1891-09-11 · Heft 37 (11.9.1891) · p. Seite 438

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
55 (1891)
Issue
Heft 37 (11.9.1891)
Date
1891-09-11
Page
Seite 438 (sequence 6)
Language
German
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Beide verkehrten in Wien sehr intim mit einander, und der Poet mußte der Einladung Meyerbeers, nach Berlin zu kommen. Folge leisten, wo er von dem Künstler u. A. bei Alexander von Humboldt, mit dem er eine Stunde lang sich sehr anregend unterhielt, eingeführt wurde. Als die neue Wiener Synagoge eingeweiht werden sollte, wurde der lebhafte Wunsch gehegt, daß Meyerbeer einen Psalm für die Einweihung komponire: da Frankl damals in litterarischer Absicht nach Berlin reiste, erbat sich der Gemeindevorstand die diesfällige Vermittelung des Letzteren. Gesprächsweise fragte der Komponist, ob man eine Orgel plane? Der Dichter verneinte es, und bei diesem Anlaß sprach er sich gegen die Einführung einer solchen in die Synagoge in geistreich motivirter Weise aus. — „Sie werden doch keine Orgel in der Synagoge einführen?" rief er aus, „ich rechne es mir als ein großes Verdienst an, daß ich in Uebcreinstimmung mit Mendelssohn-Bartholdy im protestantischen Dome in Berlin nur einen singenden Chor eingeführt habe. Der betende Mensch soll ohne alle Vermittelung zu Gott sprechen. Und so halren es die Juden seit der Zerstörung des Tempels, cs ist so eingebürgert durch zwei Jahrtausende. Wir sollen keine Neuerung machen. Wenn aber durchaus nach anderer Musik verlangt wird, so müßte es nach meiner Ansicht eine von Posaunen und Flöten herrührende sein, wie sie im salomonischen Tempel erscholl. Die Menschenstimme ist das Erschütterndste!" Das ist ganz vom Standpunkte des Opernkomponisten gesprochen, welcher vor Allem die Menschenstimme berücksichtigte und für sie schrieb. Richard Wagner hat bekanntlich seinen großen Wohlthäter, ohne den er in Paris rettungslos zu Grunde gegangen wäre und dessen Protektion er cs in erster Linie zu verdanken hatte, daß sein „Rienzi" in Dresden aufgesührt wurde, später beschimpft, er hat ihn mit Ausdrücken belegt, die nicht dem Beleidigten, sondern dem Beleidiger zur Unehre gereichen. Wahrlich! Meyerbeer braucht sich seines Judenthums in der Musik nicht zu schämen, wohl aber der undankbare „Nibelungenring"-Komponist, welcher in späteren Jahren ganz und gar vergessen hat, daß er einst die nachstehenden Worte an seinen Gönner und Förderer geschrieben:') „Mein hochgeehrter Herr und Meister! Zwei Worte von Ihnen haben mich aufs Neue glücklich und gründlich mit meinem Schicksal ausgesöhnt! Eben hatte der gottlose Chef der Gazette musicale Sie unwillkürlich nach Baden versetzt, wodurch ich verleitet worden war, Ihnen eine demüthige Bitte zu adressiren, als er mir die Nachschrift Ihres letzthin an ihn gerichteten Briefes zeigte, worin Sie mir abermals zu meiner innigsten Rührung bezeugten, daß Sie nicht aufhörten, mit schützender Sorgfalt meiner eingedenk zu sein. Ach, wenn Sie wüßten, welch' unermeßlichl' Wohlthat Sie mir dadurch angedeihen ließen! Wenn Sie empfinden könnten, zu welch' überschwenglichem Dankgcfühl Sie mich durch diesen so einfach an den Tag gelegten und deshalb so hoch ehrenden Beweis Ihrer Theilnahme hinreißcu! Ich werde in alle Ewigkeit nichts Anderes gegen Sie aussprechcn dürfen, als: Dank! Dank! Ihre beglückenden Zeilen haben in und um mir (?) eine ganze Revolution bewirkt. Ich armer Narr, der ich immer nur in die Zukunft hineinarbeite, in der Gegenwart aber nichts sehe und höre, ja, kaum darin existire — saß nur in meinem Stübchen bei meiner armen, von mir und äußeren Sorgen gequälten Frau und sah auf die Früchte des lctztvcrlebten, oder vielmehr durchgemarterten Sommers. Diese Früchte, ein dummes Textbuch und ein ziemliches Stück Partitur, lagen vor mir und fragen mich, was mit ihnen werden sollte? Mir fiel nichts Gescheidteres ein, als sie einzupackeu und sie nach Berlin einzuschicken und ihnen einen unterthänigsten Brief an den Grafen von Redern mitzugeben: — ich wußte, sie würden dort verfaulen, und doch fiel mir nichts Besieres ein. Da ging mir das Evangelium auf, denn von Ihrer gepriesenen Hand geschrieben stand: Ich werde dasselbe bei dem Grafen Redern zu erlangen suchen. Gott mache Ihnen jeden Tag Ihres schönen Lebens zur Freude und trübe Ihr Auge nie mit Kummer. Dies das aufrichtige Gebet Ihres alleraufrichtigsten Schülers lind Dieners R. Wagner." Obschon Meyerbeer seinen Glauben nicht abschwor und als Jude lebte und starb, zogen ihn doch die Mächtigen der Erde in ihre Nähe und schmückten ihn mit Orden und Titeln. Was das Leben an Glanz, Ehre und Auszeichnung bieten kann, ist ihm in verschwenderischer Weise zu Theil geworden. Die Schatten des Todes neigten sich über den 73jährigen Greis: am 2. Mai 1864 hauchte er in seiner zweiten Heimath, in Paris, seine große Seele aus. Sein Todtenlager umstanden seine beiden jüngsten Töchter, die aus Baden-Baden eingetroffen waren, und sein Neffe Dr. Julius Belo. Er starb sanft und schmerzlos. Seine letzten Worte waren: „Auf morgen! Ich wünsche Euch Allen eine gute Nacht!" Was D. Fr. Strauß sich beim Tode erbat, ging auch bei ihm in Erfüllung: Heute heißt's verglimmen, Wie ein Licht verglimmt, In die Luft verschwimmen, Wie ein Ton verschwimmt. Möge schwach wie immer, Aber hell und rein, Dieser letzte Schimmer, Dieser Ton nur sein! Meyerbeers Leiche wurde nach Berlin überführt, um im Erbbegräbniß der Beer'schen Familie auf dem jüdischen Friedhof vor dem Schönhauser Thor beigesetzt zu werden. Die Trauerfeier begann mit einem Chor, den Meyerbeer für gemischte Stimmen und zu dieser Gelegenheit der Musikdirektor Radecke für Männerstimmen in Musik gesetzt hatte. Hierauf hielt der aus Breslau herbeigerufene, leider nunmehr auch verstorbene Rabbiner Dr. Joel eine ergreifende Trauerrede, indem er unter Anderem sagte: An der Bahre eines Mannes von Weltruhm, der das Höchste erreicht hat und deffen Leistungen jede Stufe der Anerkennung erstiegen, sei es nicht angethan, Klagen zu erheben. Mancher, sagt das alte Wort, erringe sich seine Wirksamkeit in einer Stunde, von dem Verewigten könne man sagen, jede Stunde seines Lebens habe ihm die Wirksamkeit erringen helfen; sei ja doch der Erdball Zeuge seiner Erfolge, denn die Sprache, die er gesprochen, bedürfe keines Dolmetschers, sie verlange keine Begrenzung durch Nationalitäten, sie bezaubere die Herzen der Hörerund bewege sie in ihren tiefsten Tiefen; seine Davidsharfe klang die lieblichsten Weisen und brauste zugleich den Sturm der gewaltigsten Empfindungen, mit jenem Sänger; dessen Alter er auch erreicht, könne er sagen: „Ans mir redet der Hauch göttlicher Begeisterung und sein Wort lebt auf meiner Zunge." Es sei überflüssig, auf sein Leben hinzuweisen, was er gewollt und erreicht, das hat jedes fühlende Herz verstanden und werde es verstehen bis in die entfernteste Zukunft. Habe er doch im weitesten Umfang Anerkennung gefunden, die Gnade seines Königs habe ihm geleuchtet, und Aller Herzen, vom Throne bis zur Hütte, hätten ihm zugejauchzt. Nicht um ihn sollten wir klagen, sondern um uns, die wir ihn verlieren. Wann werde wieder ein Jünger deutscher Kunst erstehen, dem willig und huldigend andere Nationen den Lorbeer um die Stirne winden? Wann werde aus der Gemeinschaft der Bekenner der mosaischen Religion ein Genie wieder hervorgehen, um dar- ') Aus dem Tagebuch Richard Wagners.

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