Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 55 (1891)
- Issue
- Heft 37 (11.9.1891)
- Date
- 1891-09-11
- Page
- Seite 437 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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437 Soll man da etwa den ethischen Werth der religiösen Erziehung verschmähen? Und nur deshalb, weil er an den bedeutungsvollsten Erziehungsmomenten festhält, die durch die Geschlechter geheiligt und darum geglaubt wurden? Und dann — es kann das nicht oft genug betont werden — vermag bis heut keine Philosophie, keine Naturforschung die Annahme einer Gottheit, die in gewissem Sinne ihren Einfluß auf ihre Schöpfung behält, endgiltig zu bestreiten. Die geschichtliche Vergangenheit des Judenthums hat vielmehr gelehrt, daß seine Bekenner gerade im angestammten Glauben der Ahnen erstarkten und den Stürmen der rohesten Anfeindungen Stand hielten; das muß manschätzen und beachten zur weiteren Anwendung! Es wäre wahrlich besser, und das Ziel der Menschheit hinsichtlich der Erkenntniß der Wahrheit wäre weit eher erreicht, wenn man sich Mühe gäbe, den Geist des Judenthums mit seinen Lehren und Satzungen zu erfassen, als sich aus leidigen Bequemlichkeitsrücksichten und im Bewußtsein des menschlichen Herrscherberufes über das erhaben, ideale Erziehungsprinzip hinwegzusetzen und jeden Versuch einer durchaus religiösen Lehrmethode zu verschmähen, weil man nach neuester Mode de» ganzen Glauben für die ihm im Laufe der Zeit angehängten, aber nicht im Entferntesten angehörigen falschen Vorstellungen verantwortlich zu machen und cum grano salis ganz zu verwerfen geeignet ist. Geniach! Auch die Bibel verkündet uns die Freiheit des Gedankens! „Noch sollt ihr nicht handeln, wie es hier heut geschieht, daß ein Jeder thut, was recht ist in seinen Augen. Denn noch seid ihr nicht zu der geistigen Ruhe und Erfahrung, zur lmgestörten, festen Erkenntniß und zum Verständniß des Bestehenden gelangt, die euch Gott verheißt." (5. B. Mos. 12, 8. 9.) 4. Der Freidenker (ebenso der Jude) will, daß er Theil habe an den Errungenschaften der Wissenschaft. 5. Der Freidenker will, daß diese Wissenschaften auch auf den Volksschulen in geeigneter Form gelehrt werden, und daß man aufhöre, sie im Widerspruch mit diesen Lehren, z. A. von der Erschaffung der Welt in sechs Tagen und dergleichen mehr, den Kindern vorzureden. Es ist ein schweres Stück Arbeit, dieser Forderung gerecht zu werden. Wenn wir auch den ersten Theil voll und ganz unterschreiben können, können wir uns bezüglich des Schlußsatzes gewisser pädagogischer Bedenken nicht erwehren. Es mag richtig sein, daß die Anregung zur Frage und zum Zweifel belebend auf die geistige Forschung einwirkt. Es wird sich zweifelsohne im reifenden Verstände das Bedürfniß Herausstellen, nach den Prinzipien der Welt zu forschen; er wird sich nicht begnügen, ohne weitere Ueberlegung den Glauben an die Ewigkeit der Weltmaterie festhalten zu können, ebenso wenig, als er sich von der Ewigkeit des Weltschöpfers eine Vorstellung zu machen vermag. Aber das Kind wird allzulange ohne bestimmte Grundsätze, ohne bestimmtes, grundlegendes Wissen umherirren, und das ist gefährlich; denn gar viel Zeit wird verloren, manche Irrlehre prägt sich bisweilen gar zu fest ein, als daß sie vollständig und dauernd wieder ausgerottet werden könnte. Und zu dem Allen kommt noch, daß die Annahme sehr nahe liegt, der denkende Mensch werde nothgedrungen zur Voraussetzung eines ewig in der Vergangenheit und Zukunft existirenden Demiurgos und somit auch zu denjenigen Anschauungen gelangen, d. h. zurückkehren, die wir bei der Besprechung des ersten Paragraphen angedeutet. Bei der Beibehaltung der bisher verbreiteten und gelehrten Schöpfungsgeschichte gewinnt man schließlich weit mehr Zeit und Erfolge hinsichtlich der Zucht und sittlichen Erziehung und übertrifft so sicherlich den Werth einer auf immerhin nicht genügend gesicherte Resultate gerichteten, wissenschaftlichen Anregung. Graconro Meyerbeer und dos Iubenthum. Zum hundertsten Geburtstage des Komponisten, 5. September 1891. Von Dr. Adolph Kohut. (Schluß.) Giacomo Meyerbeer, einer der bedeutendsten, interessantesten und reichsten Tonschöpfer, welche gelebt, wurde, namentlich in seiner Jugend, von zahlreichen Frauen, auch hochstehenden Aristokratinnen, unlschwärmt, die gern ihm die Hand zum Lebensbunde gereicht hätten, aber er zeigte nie die geringste Lust, die Religion zu changiren. I. Schucht erzählt uns in seiner Biographie des Meisters, daß dieser, als er mit 29 Jahren, 1820, seine „Margarita d’Angin“ in Mailand zur Aufführung brachte, von einer jungen Dame der höchsten Aristokratie oft eingeladen wurde; er mußte oft mit ihr musiziren, spazieren fahren, und sie erwies ihm so viele zarte Aufmerksamkeiten, daß man an ihrer Liebe für ihn nicht zweifeln konnte. Die Eltern der Dame waren damit ganz einverstanden und förderten die Annäherung; aber Meyerbeer ging auf die ihm gestellte Bedingung, das Judenthum abzuschwören und katholisch zu werden, nicht ein; er erwiederte gelassen alle jene Aufmerksamkeiten mit weltmännischer Bildung und feinem Taktgefühl, aber zu einer Ehe kam es nicht. Die Dame, welche er heirathete, eine geborene Minna Masson, war seine Cousine und eine Jüdin. Auch mit Prinzessinen kam er oft in nahe Beziehungen, aber der Glanz blendete ihn nicht, daß er auf Kosten eines Religionswechsels eine Verbindung hätte herbeiführen sollen. Seine festen, strengen Grundsätze bewahrten ihn vor jedem „Schritt vom Wege" und gönnten der Romantik des Herzens nur einen geringen Spielraum. Sein jüdischer Sinn bewährte sich auch in seinem letzten Willen. So vermachte er dem jüdischen Krankenhause 1000 Thaler und dieselbe Summe dem Auerbach'schen Waisenhause in Berlin. Meyerbeer stand mit den namhaftesten seiner Zeitgenossen in Berbindung, natürlich auch mit zahlreichen Glaubensgenossen und Genossinnen, doch würde mich deren Aufzählung zu weit führen. Der ehemalige Rabbinatskandidat und spätere deutsch-französische Schriftsteller Alexander Weil! in Paris berichtet uns zahlreiche ergreifende Züge von dem Wohlthätigkeitssinn des Meisters, den er auch ihm gegenüber reichlich und diskret zugleich bethätigte. In seinen „Briefen hervorragender verstorbener Männer Deutschlands" erzählt Weill u. 21: „Lange, lange Jahre wurde er in Deutschland als Jude beschimpft und seine Musik als jüdische „Schabesmclodei" bekrittelt. Wagner, dem ich selbst von Meyerbeer 500 Franken brachte, als er kein Brod in seinem von Zank und Hader erfüllten Hause hatte, stellte in dem Feuilleton einer Baseler Zeitung die Behauptung auf, „die Juden könnten keine Musik komponiren, weil sie kein Herz Hütten! „Es giebt nur zwei Meisterwerke von einer musikalischen christlichen Messe, und diese zwei musikalischen Juwelen sind das Werk zweier Juden. Das Tedeum im ersten Akt der „Jüdin" von Halevi und der religiöse Kirchenmarsch iin 3. Akt des „Propheten" von Meyerbeer." Hier sei nur noch erwähnt, daß Meyerbeer mit dem Dichter Ludwig August Frankl in Wien mannigfache Beziehungen unterhielt. Der gütigen brieflichen Mittheilung L. A. Frankls verdanke ich hierüber die nachstehenden interessanten Mittheilungen. Bei seinem Aufenthalt in Wien wurde der Komponist außerordentlich gefeiert. Saphir, Eduard Hanslick u. v. A. brachten über ihn sehr sympathische 2lrtikel. Zu Ehren Meyerbeers wurde eine Medaille geprägt, dieselbe erfolgte auf Anregung Frankls; der Komponist lud diesen ein, zu seiner „Struensee-Musik" einen verbindenden Text zu schreiben, wobei der Tonkünstler dem Dichter das Ganze vorspielte.