Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 55 (1891)
- Issue
- Heft 37 (11.9.1891)
- Date
- 1891-09-11
- Page
- Seite 436 (sequence 4)
- Language
- German
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436 lich jeden Einfluß auf den Besitz der Gläubigen abzusprechen gesonnen ist. Und auch das Priesterthum unserer Religion hat seine Einnahmen an Hab und Gut aufzuweisen. Aber sie sind zunächst, wie alle derartigen Abgaben, durch den damit verbundenen Zweck der Dankesweihung an Gott und von diesem an seine speziellen Diener — denn das bedeutet das hebräische Wort „Koben" eigentlich — selbst von erziehlichem Einflüsse, abgesehen davon, daß sie die Vermittler zwischen Gott und seinen Geschöpfen in Stand setzen, ungestört ihre heiligen Funktionen zu üben. Dieses Bedürfniß, diese Empfindung spricht sich schon in der einer eigenen Initiative entspringenden Handlungsweise des ersten geistigen Stammvaters der Menschheit ans. Abraham reicht dem Diener des höchsten Gottes den Zehnten seiner Beute dar. Es lohnt sich wahrlich, den Gedanken, die sich in diesem Vorgänge aussprechen, nachzugehen. Es dürfte nicht schwer sein, dem Worte „b’rächäh“, das im gewöhnlichen Sprachgebrauche die Bedeutung „Segen" hat, auch den Inhalt der Verantwortlichkeit zu vindiziren, mit der begreiflicherweise auch der Besitz der Macht und Fähigkeit, seinen Obliegenheiten zu genügen, verbunden sein muß. Dadurch werden unsere Patriarchen, die vom Vater auf den bedeutendsten, verheißungsvollsten Sohn die „b’rächäh“ vererben, nicht nur zu Nutznießern des göttlichen Segens, der patriarchalischen Macht, sondern zu den verantwortungsvollsten Leitern der Menschenerziehung! Demnach entnehmen wir den Worten des ersten, uns in der heiligen Schrift begegnenden Priesters (1. B. M. 14, 19 f.) jene hochbedeutenden Worte, durch welche Abraham an seine Stellung Gott gegenüber erinnert wird: „Und ermahnend sprach er zu ihm: Verantwortlich in seiner Macht, in seinem Siege ist Abraham dem höchsten Gotte, dem Eigner des Himmels und der Erde; denn allmächtig ist nur der höchste Gott, der deine Feinde in deine Hand gegeben! — Und Abraham gab ihm, da er den Urheber seines Besitzes erkannte, als dem wahren Diener Gottes, den Zehnten seiner Beute." — Es wäre offenbar abgeschmackt, dem Malkizedek den Gedanken einer Schmeichelei unterzuschieben, deren er sich etwa durch die Begrüßung und Erfrischung, mit Speise und Trank schuldig ' gemacht hätte. In jener alten Zeit, da der Glaube an Einen Gott sich erst durchrang, war man noch gar sehr von Ehrfurcht gegen dieses höchste Wesen erfüllt, als daß man seine Anrufung zu niederen Zwecken gebraucht hätte. Auch macht sich ja die priesterliche Mahnung in ihren erziehlichen Folgen als jedes Vorwurfs entbehrend erkenntlich, indem Abraham seinen uneigennützigen Sinn dem Könige von Sodom gegenüber bald darauf bewährt. — Malkizedek zeigt sich uns aber auch in jeder anderen Beziehung als Vorbild und Muster für das in den übrigen Bibeltheilen näher beschriebene Priesterthum. In seiner hehren Gesinnung, in seinem sicherlich uneigennützigen Benehmen lädt er den erziehungsbedürftigen Menschensohn zur Tafel des höchsten Gottes ein, an der Jener zugleich mit der Erquickung des Körpers eine geistige Erhebung erfährt. Man forsche den Anordnungen für das gesetzlich lebende Priesterthum nach, man belausche ihre Handlungsweise — man wird kaum andere Eharakterzüge in ihrem Thun aufzusinden vermögen! Welch' anderer Gedanke spricht sich etwa in der Darbringung der Opfer der vermittelnden Uebernahme von Habe und Erstlingen, in der anbefohlenen Verzichtleistung auf Besitz, den Urheber weltlicher Uebermacht, in der Verpflichtung, das Volk zu belehren und in den religiösen Geboten zu unterweisen, in der Theilnahme der Laien an gewissen Opfern, in dem Bekenntniß bei der Darbringung der Erstlinge aus? Und rechnet man noch das grundlegende Moment, die Erkenntniß und das Bewußtsein von der schöpferischen Allmacht eines Urwesens, das keine Philosophie wegzustreiten vermag, dem aber der Mensch mit seiner ganzen Umgebung sein Dasein verdankt, so wird man es als eine schätzen?- und wünschenswerthe Aufgabe der Priester betrachten müssen, daß sie die übrige Menschheit zur wahren Erkenntniß und zur Aneignung gerader und edler Gesinnung so lange erziehen, als die Menschheit dessen bedarf! Wir stimmen füglich mit der ersten Forderung der Freidenker überein, nur daß wir es dem Urtheile unseres allwissenden Schöpfers überlasten, die Zeit zu bestimmen, wann eine Aufhebung der göttlichen Erziehungsgesetze angebracht erscheint. Sie ist durch das Prophetenwort mit der Ankunft des Messias verbunden! Von diesem erkannten Gesichtspunkte aus, der augenscheinlich grundlegend für die ganze Lebensanschauung ist und eine Schwäche des Freidenkerthums enthält, bauen wir unsere Erklärung der übrigen einschlägigen Grundsätze auf. Der zweite derselben lautet: 2. Der Freidenker will, daß der Mensch anfange zu denken und aufhöre, ohne eigenes Urtheil zu glauben, was man ihm von Jugend auf vorgesprochen hat. Es giebt im Leben Dinge, deren Kenntniß der Mensch nicht seiner Erfahrung, sondern der Mittheilung früherer Geschlechter verdankt. Soll etwa ein Jeder selbst versuchen, ob der Genuß arg giftiger Kräuter lebensgefährlich ist? Oder wollen wir, so lange wir nicht selbst das Gegentheil erfahren haben, behaupten, der Mensch sei dem wilden König der Thiere an Körperkraft überlegen? Mit Nichten! Wo das Leben, aber wohl gemerkt: nur das physische Leben, in Gefahr gerathen könnte, gestattet man sich das Zugeständniß zu einer Ueberlieferung, den Glauben; denn das Leben ist Wahrheit! O, selbst bei theoretischen Fragen giebt man die Annahme feststehender Begriffe zu, aber nur, wenn es dem (sicherlich noch nicht endgiltig erprobten) Menschengeiste nicht allzu unbequem ist, der etwa zugestandenen Anschauungsweise sich unterzuordnen. Ja, der Mensch ist frei und sprengt die Ketten, in denen er geboren. Schon von Geburt an soll, wie wir weiterhin sehen werden, der Wahn des Glaubens zerstört werden, und der neugeborene Säugling soll prüfen, ob ihm die Ammenbrust nicht Wermuth statt nährender-Milch reicht. So weit führen die Forderungen des Katechismus! Freidenker, merk' dir's wohl! denn 3. der Freidenker will, daß jeder Mensch sich redlich mühe, dasjenige selbst zu prüfen, was ihm als wahrgelehrt wird, um durch selbstständiges Urtheil zur Wahrheit zu gelangen. Also fort mit induktiver und deduktiver Lehrmethode! Woher aber den Prüfstein für unsere Erkenntniß nehmen, um „selbst zu prüfen, was als wahr gelehrt wird?" Müh' dich nur redlich, du wirst ihn schon finden. Doch schwer, gar schwer scheint es zu sein, den Maßstab für unser Handeln, für die Grenzen des Guten und Bösen zu finden. Woher soll auch die brüderliche Liebe der Menschen kommen, wenn nicht aus dem „allein seligmachenden" Gedanken, daß ein Gott uns geschaffen, geschaffen zum hohen Lebenszweck der gegenseitigen Bildung, unter dem Gesichtspunkte der bislang nur Gott eignen Gerechtigkeit und der Zusammengehörigkeit und Gleichberechtigung als Geschöpfe eines Gottes. Mich wenigstens will es bedünken, daß die Menschheit in ihrer Totalität erst eine minimale Richtigkeit der Erkenntniß besitzt; denn sowohl die Statistik der Verbrechen, der Anblick verfehlter Lebensberufe, als auch die Betrachtung des gegenseitigen Lebensverhältnisses der Menschen drängt uns dieses Urtheil auf. Noch besteht eine bald bewußte, bald ahnungslose Zurücksetzung des Armen von seiten des Reichen, eine Verfolgung des Juden durch christliche Mitmenschen und die Gefährdung des Lebens beider Religionsgemeinschaften von Seiten des Muselmannes, und noch immer nicht ist das Heidenthum gänzlich vom Erdboden getilgt!