Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 55 (1891)
- Issue
- Heft 37 (11.9.1891)
- Date
- 1891-09-11
- Page
- Seite 435 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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stellung der nach-mendelssohn'schen Zeit richten (Eingreifen der Juden -in die verschiedenen nationalen Litteraturen und deren Antheilnahme an dem fokalen und politischen Leben der Nationen, also Lebensskizzen der hervorragendsten Gelehrten, Dichter, Künstler, Aerzte, Techniker und Großindustriellen jüdischer Abstammung; Organisation des modernen Judenthums und Darstellung der religiösen und sozialen Wandlungen innerhalb desselben, also Geschichte der bedeutenderen Kultusgemeinden, Biographien der hervorragendsten jüdischen Theologen und Kanzelredner rc. rc.). Die Allgemeine Encyklopädie für die Geschichte und Wissenschaft des Judenthums soll jedoch nicht blos ein Kompendium der jüdischen Wissenschaft für die Gelehrten bilden, sonder» auch dem großen jüdischen und christlichen Publikum, das sich über das wahre Wesen des Judenthums unterrichten will, ein nützlicher Führer sein. Das Werk wird in 12 Bänden erscheinen, und zwar in alphabetischer Ordnung. Es wäre überflüssig, die Bedeutung eines Werkes, wie des hier geplanten, des Längeren auseinandersetzen zu wollen. Es ist ein weitausgreifendes Unternehmen, zu dem Herr Singer sich entschlossen hat; er darf jedoch mit Zuversicht auf die Opferwilligkeit unserer Glaubensgenossen rechnen, welchen Nationen und religiösen Parteirichtungen sie immer auch angehörrn mögen. Denn die Allgemeine Encyklopädie für die Geschichte und Wissenschaft des Judenthums kann mit Recht den Charakter eines internationalen Werkes für sich in Anspruch nehmen. Gern benützen wir die Gelegenheit, um alle unsere Leser aufzufordern, dahin zu wirken, daß der „Allgemeinen Encyklopädie für die Geschichte und Wissenschaft des Judenthums" diejenige materielle Unterstützung zu Theil werde, welche nothwendig ist, um das Unternehmen in finanzieller Hinsicht vor allen Wechselfällen zu schützen. In dem eben ausgegebenen Prospekt des Unternehmens sagt der Leiter desselben: Das Judenthum steht heute an einem der entscheidendste» Wendepunkte seiner Geschichte. Vier Jahrhunderte, schier Jahr um Jahr, sind verflossen, seitdem unsere Glaubensgenossen aus der iberischen Halbinsel vertrieben wurden, und heute bereitet sich, unter unseren Angen, eine neue, weit umfassendere jüdische Völkerwanderung, diesmal von Osten nach Westen, vor, welche eine für die künftigen Schicksale des Judenthums hochbedeutsame Verschiebung unserer Kräfte bedeutet. Fünf Millionen Israeliten, also zwei Dritttheile unserer Gesammtziffer, verlassen allmälig den Zustand der Hörigkeit, um sich in freie Bürger großer und angesehener Staatswesen zu verwandeln. Das Zeitalter der Judenhetzen und Judenverfolgungen neigt — hoffentlich für immer — seinem Ende zu, und eine neue Epoche scheint für das Judenthum anzubrechen. Der Zeitpunkt erschien daher als ganz besonders geeignet, an die Abfaffung einer Encyklopädie zu gehen, welche dokumentarisch den Beweis erbringen soll, daß wir Juden überall dort, wo man der Entfaltung unserer Thatkraft keine hindernden Schranken entgegensetzt, voll und ganz in der nationalen Kultur unseres Vaterlandes aufgehen. Begehen ferner gerade in unserem Jahre die Juden Frankreichs die 100jährige Jubelfeier ihrer Emanzipation, welche, wie bekannt, für die mitteleuropäische Judenschaft den Reigen der Freiheit eröffnet hatte! Können wir aber diesen zweifach wichtigen Abschnitt in der Geschichte des modernen Judenthums würdiger abschließen , als durch die Errichtung eines litterarischen Denkmals von dem Charakter und Umfange der Allgemeinen Encyklopädie? Und indem wir dies thuu, erfüllen wir nur eine Pflicht der Dankbarkeit gegen unsere in den Gräbern ruhenden Vorfahren, welche trotz aller grausamen Verfolgungen das jüdische Banner hochhielten, welches als Devise das einzige Doppeldogma des Judenthums enthält: Höre, Israel, der Ewige, dein Gott, ist ein einig-einziger Gott, und: Liebe deinen ehrlich denkenden und ehrlich handelnden Mitmenschen wiedich selbst. Die Allgemeine Encyklopädie für die Geschichte und Wissenschaft des Judenthums soll endlich das in unseren Tagen leider so sehr vernachlässigte Studium der jüdischen Litteratur und Wissenschaft innerhalb des Judenthums neu beleben und das Selbstbewußtsein unserer Glaubensgenossen in der einmal von uns durchzumachenden kritischen Uebergangsperiode aus der alten in eine neue Zeit hebeüund kräftigen. Es ist klar, daß die ungeheure Mehrzahl unserer heutigen Glaubensgenossen angesichts der dringenden Anforderungen ihres weltlichen Berufes nicht wie ihre Vorfahren Zeit und Muße haben, sich in die Foliobände des Talmuds und in die gelehrten Bibelkommentare der Vergangenheit zu vertiefen. Es wird dies fortan nothwendig die Domäne der Theologen und Kulturhistorikcr bleiben. Es ist jedoch andererseits von allen Gesichtspunkten aus mehr als wünschenswerth, daß die heutigen Juden nicht mit einem Male die Bande zerreißen, welche sie mit ihrer Vergangenheit verknüpfen. Unsere Ahnen haben es wahrlich nicht verdient, daß wir, einmal zur Freiheit gelangt, sie so schnell verleugnen. Es ist daher sehr bedauernswerth, daß unsere Jugend, mit sehr geringen Ausnahmen, kaum den Pentateuch im Originale zu lesen vermag und schier keine Ahnung hat von den späteren Epochen der jüdischen Geschichte und der an Meisterwerken jeder Art so überaus reichen jüdischen Litteratur. Diese Unkenntniß der jüdischen Vergangenheit ist es vor Allem, welche unserer Generation die Unbilden, welche wir zum Theil noch heute, als Märtyrer der Gewissens- und sozialen Freiheit in der Geschichte, erdulden müssen, noch schmerzlicher empfinden läßt. Denn sie weiß nicht, warum sie duldet, wofür sie kämpft. Es giebt nun allerdings einige unzweifelhaft ganz vortreffliche Handbücher für jüdische Geschichte und Litteratur und eine Unzahl gelehrter Monographien über das gesammte Gebiet des jüdischen Schriftthums. Doch es fehlte bisher an einem Werke, welches in encyklopädischer Form und mit der von unserer fieberhaften Epoche verlangten Raschheit über alle das Judenthum betreffenden Fragen sicheren Aufschluß gäbe. Diese seit Jahrzehnten von allen Theologen, und im letzten Dezennium, wo die Judenfrage wieder einmal aufgerollt wurde, auch von der internationalen Publizistik tief enipfundene Lücke soll nun durch die Allgemeine Encyklopädie für die Geschichte und Wissenschaft des Judenthums ausgefüllt werde». Der Preis des Werkes (250 Mark -- 150 fl. ö. W.) ist ein verhältnißmäßig hoher; da jedoch die einzelnen Bände der Encyklopädie in Zwischenräumen von ein bis zwei Jahren erscheinen dürften, so schrumpft der jährliche Beitrag, den die künftigen Subskribenten des Werkes werden zu leisten haben, zu einer selbst für bescheidene Kassen nicht unerschwinglichen Summe zusammen. Wir sind gern bereit, Subskriptionen auf dieses große Werk zu übernehmen, dem wir das. beste Gedeihen aus vollen: Herzen wünschen. U Ber Katechismus der Freidenker. Von Bernhard Königsberger in Kattowitz. II. Es könnte vielleicht angebracht erscheinen, das jüdische Priesterthum aus der Zeit des Tempelbestandes mit dem anderer Konfessionen in mehrfacher Hinsicht zu vergleichen. Wohl hat — man darf cs nicht leugnen — das reiche Besitzthum der Kirche, in dessen Genüsse vornehmlich und fast ausschließlich die Geistlichkeit steht, Anlaß zur Verurtheilung solch eines weltlichen Verfahrens gegeben, zumal vom Standpunkte des Freidenkers aus, der der priesterlichen Macht eigent-