Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 55 (1891)
- Issue
- Heft 37 (11.9.1891)
- Date
- 1891-09-11
- Page
- Seite 434 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Fortschritt, der mm auch den schwarzen Söhnen der Mittagsgluth das unveräußerliche Menschenrecht der freien Selbstbestimmung bringen foü; Europa will noch, bevor die Sonne des 19. Jahrhunderts ins Meer gesunken, die Schmach von sich abwaschen, verdammenswerthen Menschenfchacher weiter zu dulden. Angesichts dieses Antisklavereienthusiasmus mochten wir, variirend, mit Goethe ausrufen: „Warum in die Ferne schweifen, sieh das Böse liegt so nah." Sind die Söhne des Nordens, deren Menschenrechte nicht minder mit Füßen getreten werden, nicht der gleichen Sympathie würdig, wie die mißhandelten Kinder des heißen Mittags, oder sollt.' nur die Knechtung Weißer in unserem erleuchteten Jahrhundert erlaubt sein? Menschenfreundlicher Sinn und werkthätige Hilfsbereitschaft haben weit wirksamere Mittel gefunden Zur Bekämpfung der afrikanischen Unmenschlichkeiten als zur Rettung der unglücklichen Opfer russischer Greuel. Das große Berliner Gartenfest in der Philharmonie hat trotz der imposanten Theiluahme der Elite der Gesellschaft, der Kunstspenden der Reichen, der zahllosen poetischen Grüße, womit Dichter und Sänger den Wohlthätigkeitssinn der immer schenkungsfrohen Berliner befruchteten, ein im Ganzen doch nur kleines Ergebniß — 18,000 Mark — geliefert, so daß es gerathen scheint, nach neuen Quellen zu graben, die ein reichlicheres Zuströmen von Geldmitteln versprechen. Was für die Neger in Afrika möglich ist, das kann für die Jubelt in Rußland nicht unmöglich sein. Wie wäre es mit einer Lotterie zur Bekämpfung der russischen Sklaverei? Mögen diejenigen, itt deren Hand das Heil tlnserer russischen Glaubensgenossen gelegt wurde, den Plan jedenfalls itt Erwägung ziehen und bedenken, daß der Trieb des Eigennutzes immer gewaltiger ist als alle Opferfreudigkeit. Es wurde bereits aufmerksam gemacht, daß die Ansprüche an unsere Mildherzigkeit keine vorübergehenden, sondern, entsprechend der chronischen Art des Leidens, dauernde sind, und daß darum noch gatlz andere Summen, wie sie die Sommernachtsfeste gebracht haben, ein verschwindendes Nichts gegenüber der zu bewältigenden Aufgaben bedeuten. Mögett diese Sammluttgen immerhin fortgesetzt werden, so manches Herz wird weiter das Bedürfniß fühlen, in dieser von eigennützigen Nebenabsichten freien Weise seiner Antheiluahme Ausdruck zu geben, aber die Resultate einer Lotterie müssen doch ganz andere sein als die Erfolge von noch so zahlreich besuchten Konzerten. Freilich mußte England uns hierin vorangehen, dann könnte man der Hoffnung sein, daß die übrigen freien Staaten dem Beispiel des wackeren Jnselvolkes willig folgen werdet!. Möge diese Anregung auf fruchtbaren Boden fallen und eine vornrtheilslose Aufnahme finden. B. T. Der zweite Vorschlag, der, wie uns scheinen will, eher Aussicht auf Verwirklichung hat, lautet folgendermaßen. II. Gewiß regt es sich itt allen Landen zum Werk der Wohlthätigkeit für die russischen Juden; überall finden sich Menschenfreunde, die ans dem Wege der Privatwohlthätigkeit und durch die verschiedensten Arrangements dem CentralkomiteeSpeitden ztlr Unterstützung der russischen Juden zuzuführen beabsichtigen. Auch der ergebenst Unterzeichnete hatte vor mehreren Monaten ein solches Komitee zusammenberufen, und der Erfolg des damals arrattgirten Sommerfestes war durch Energie eitles jeden Komiteemitgliedes ein immerhin nennenswerther. Es wurden wohl etwas über 6000 Mark erzielt. Doch was nun? frage ich, denn allzu oft darf mein dem Publikum mit dergleicheit nicht kommeit. Auch ist es für den Privatmann eilte schwierige Aufgabe und eine undankbare zugleich, mit dem Hut in der Hand von Haus zu Haus zu wandern, um als eilte Gnade eine Mark oder im günstigsten Falle drei Mark für eine Anzahl Billets zu eitler Wohlthätigkeits-Vorstellung dankend entgegenzuttehmen. Doch in der Nummer 34 Ihrer geschätzten Zeitung vom 21. August d. I. macht ein Jehudi einen Vorschlag, der mir vortrefflich scheint, und ich bitte Sie im Interesse unserer russischen Glaubensgenossen, so lange auf dieseit Vorschlag zurückzukommen. bis alle Ge-- meindevorstände demselben zustimmen und danach handeln. Ich beispielsweise zahle bei der jüdischen Gemeinde nur eine geringe Steiler, ich gebe auch zu, daß sie eigentlich meinem Einkommen angemesseit ist, indessen ich würde mich gern verpflichten, das Doppelte, ja das Dreifache dieser Steuer jährlich zum Bestell des Centralbüreans zu zahlen, und ich glaube, mit mir werden wohl die meisten unserer Glaubensgellossen benfen und handeln, ja, sie müssen es, benn vernehmlich genug pocht der Feind auch alltäglich an unsere Thüren, und nur dem gesunden Sinn unserer Bürger haben wir es zu danken, wenn nicht viele von Nlls das Schicksal unserer russischeil Glaubensbrüder Iheilen. Ist aber eine solche Nothsteuer einmal ausgeschrieben und angenommen (dieselbe kann gar nicht hoch genug bemessen werden!), dann hat das Centralkomitee eine Ueberficht der ihm zu Gebote stehenden Mittel und kann danach seine Einrichtungen treffen. N. J. Anders. U Eine jüdische Encyklopädie. Berlin, 7. September. Wir freuen uns, heute unfern Lesern Mittheilungen über ein Unternehmen machen zu können, das, wenn es in der geplanten Weise zur Ausführung gelangt, ein Werk werden wird, auf welches das moderne Judenthum stolz zu sein Ursache haben dürfte. Es handelt sich nämlich um nichts Geringeres, als um eine „Allgemeine Encyklopädie für Geschichte und Wissenschaft des Judenthums", die der bekannte Schriftsteller I. Singer in Paris herauszugeben beabsichtigt. Schon zwei Mal wurde an ein derartiges Unternehmen gedacht: das erste Mal in den fünfziger Jahren von Moritz Steinschneider und David Cassel, das zweite Mal in den sechziger Jahren von Ludwig Philippson. Das Werk kam aber beide Mal nicht zu Stande. Um so dringender muß man wünschen, daß das neue Unternehmen sichern Erfolg habe. Die Art und Weise, wie Herr Singer an dasselbe herangetreten, läßt in der That das Beste hoffen. Das Direktions-Komitee der „Allgemeinen Encyklopädie" besteht aus folgenden Herren: Dr. H. Adler, Chief Rabbi of the British Empire (London); Dr. A. Berliner, Dozent am Hildesheimer'schen Rabbinerseminar. (Berlin); Dr. David Cassel (Berlin); Joseph Derenbourg, Membre de l’Institut de France (Paris); Hartwig Derenbourg, Professeur ä i’Ecole des Hautes-Etudes (Paris); I. H. Dreyfuß, Grand-Rabbin de Paris; Adolvhe Franck, Membre de l'Tnstitut de France (Paris); Dr. Frank, Rabbiner (Köln); Ludwig August Frankl (Wien); Professor Dr. L. Geiger (Berlin): Dr. M. Güdemann (Wien); Dr. Adolf Jellinek (Wien); Zadoc Kahn, Grand- Rabbin de France (Paris); Dr. Gustav Karpeles (Berlin); Professor Dr. M. Lazarus lBerlin); Israel Levi, Adjoint au Grand-Rabbin de Paris (Paris); Dr. Jmmanu el L oew, Oberrabbiner (Szegedin); Eugene Manuel, Inspecteur general de l’instruction publique (Paris); Dr. S. Maybaum (Berlin); Jules Oppert, Membre de l’Institut de France, Professeur au College de France (Paris); Albert Räville, Professor der protestantischen Theologie und der vergleichenden Religionsgeschichte am College de France (Paris); Theodore Rein ach, Präsident de 1a Socidte des Etudes Junes; Dr. I. M. Seberiuy, Universitätsprofessor, Militärsuperintendent (Wien); Professor Jules Worms, Membre de l’Academie de. Medecine (Paris). Der Doppelzweck des Werkes ist der, einerseits die Resultate der jüdischen Forschung zusammenzufassen, andererseits im Einzelnen den Antheil nachzuweisen, welchen das Judenthum im Laufe der Jahrhunderte auf den verschiedensten Gebieten menschlicher Thätigkeit (Wiffenschaft, Liiteratur, Kunst, Handel und Industrie) an der allgemeinen Kulturentwickelung genommen hat. Das Werk wird rein wiffenschaftlich gehalten sein und jeder religiösen Polemik ängstlich aus dem Wege gehen. Die Allgemeine Encyklopädie für die Geschichte und Wiffenschaft des Judenthums wird zwar die Epochen des Alterthums und des bis gegen das Ende des 18. Jahrhunderts währenden jüdischen Mittelalters (also Bibelexegese, hellenistische Liiteratur und alexandrinische Philosophie, talmudische und rabbinische Liiteratur, jüdisch-spanische Liiteratur, jüdisch-arabische Liiteratur, Geschichte der Juden in den einzelnen Ländern rc.) mit der gebührenden Ausführlichkeit behandeln, jedoch ihr besonderes Augenmerk auf die Dar-