Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 55 (1891)
- Issue
- Heft 37 (11.9.1891)
- Date
- 1891-09-11
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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55. Jahrgang. Ar. 37. Allgemeine Berlin, 11. September 1891. ettung öes Audenchums. Gm unparteiisches Organ für alles Mische Interesse. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements-Preis: Durch Buchhandel, Post oder direkt von der Expeditionen Berlin unter Streifband bezogen Vierteljahr!. 3 M. Redacteur: Gustav Karpeles. Begründet von Nabbtner D* Ludwig Pihilippson-Sonn. Verlags-Expedition: Lerlin, Jerusalemerstr. 48/49 Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judenthums", Berlin SW., Jerusalemer Straße 48/49 zu richten. Verlag von Rudolf Mosse, Berlin. Leitartikel: Professor Dr. H. Graetz 's. — Neue Vorschläge. Von L. 1. und N.J. Anders. — Wissenschaft und Litteratnr: Eine jüdische Enchklopädie. — Der Katechismus der Freidenker II. Von Bernhard Königs - beraer. — Giacomo Meherbeer und das Judenthum. Von Dr. Adolph Kohut (Schluß). — Feuilleton: Prinzessin Saovath. Novellette von C. Berg (Fortsetzung). — Bärkochba. Von Dr. M. Levin (Schluß). — Litterarische Mittheilnngen. — Miseelten. , Der Gemeindevote. Korrespondenzen und Nachrichten: Berlin, Breslau, Filehne, Trier, Wien, Budapest. Kopenhagen. Sofia. — Don Rah und Fern. — Sprechsaal. — Bei der Redaktion eingegangene Bücher. Professor M H Graetz. Berlin, 8. September. Eine erschütternde Trauerkunde kommt uns soeben aus München zu. Professor Graetz, der dort zum Besuch bei seinem Sohne weilte, ist am 7. d. M. plötzlich gestorben. Noch fehlt uns die Fassung, um das Leben und Schaffen des großen Historikers gebührend zu würdigen; nur unserer innigen und tiefen Trauer um den unersetzlichen Verlust können wir heute wehmüthigen Ausdruck verleihen. Mit Profeffor Graetz ist einer der letzten jener großen Generation von begeisterten Männern dahingegangen, die man als die Begründer der jüdischen Wissenschaft feiern wird. Und innerhalb dieser Generation war er einer der Ersten und Bedeutendsten. Seit vierzig Jahren hat er unermüdlich am Aufbau der jüdischen Geschichtswissenschaft mitgewirkt. Alle Kraft und seines Geistes reiche Fülle hat er auf dieses Werk konzentrirt. Mit nie ermattendem Fleiße hat er Stein an Stein gefügt, bis der große Bau seines elfbändigen Geschichtswertes vollendet dastand. Und dann hat er mit nicht geringerem Eifer der Erforschung des Bibelwortes sich zugewendet. Noch in den letzten Wochen hat er den Plan eines neuen und umfaffenden Werkes, die Herausgabe eines kritischen Bibeltextes, gefaßt und sofort auszuführen begonnen. Und wie viele und berechtigte Einwendungen man auch gegen sein Geschichtswerk wie gegen seine Bibelkritik gemacht hat — Graetz gehörte ja zu den am meisten angefeindeten jüdischen Gelehrten — den weiten historischen Blick in die Gänge des Geschichtslebens,' die umfassende Gelehrsamkeit, die glänzende Erzählungskunst, die geniale Stoffbeherrschung hat man dem Meister doch nicht absprechen können. Das Geschichtswerk von Graetz hat im Einzelnen wie in der Gesammtauffaffung zahlreiche, zum Theil berechtigte Angriffe erfahren; es hat aber nichtsdestoweniger einen tiefen und nachhaltigen Eindruck hervorgerufen, dessen Wirkungen die Litteratnr und das Leben der Judep in der Gegenwart mächtig beeinflussen. Es war mehr als ein geschichtliches Werk, es war eine geschichtliche That! Daneben hat Graetz achtunddreißig Jahre lang als Lehrer am jüdisch-theologischen Seminar und vierundzwanzig Jahre lang als Professor an der Universität zu Breslau gewirkt. Fast die ganze jüngere Rabbinergeneration gehört zu seineil begeisterten Schülern, die von ihm Belehrung und Anregung empfangen, die von seinem Geiste sich genährt und die ihm in Treue lind Dankbarkeit verbunden bleiben. Ja, er war ein großer Gelehrter und ein großer Lehrer! Sein Forscherblick ist in die Tiefe der Zeiten gedrungen, sein reicher Geist wußte die Fülle der Gesichte zu bewältigen, das Ferne mit dem Nahen zu verknüpfen, die Regungen und Beweguilgen des Geschichtslebens zu ergründen. Ueber Allem stand ihm aber sein Judenthum. Er war begeisterter Jude, weil er die Geschichte seines Volkes kannte, und er schilderte die Geschichte seines Volkes, weil er begeisterter Jude war. Fest und unerschütterlich lebte der Glaube an die Zukunft des jüdischen Stammes in seiner Seele, lind er hat diesem messianischen Gedanken gar oft einen erhabenen, an die Prophetenreden gemahnenden Ausdruck verliehen. Und wie als Jude, so war er auch als Mensch voll heiligen Eifers für die Freiheit, von unerschütterlichen Grundsätzen, von begeisterter Liebe für die Menschheit erfüllt. So war er, so lebte und schaffte er, so wird sein Andenken fortleben in unserer wie in der Erinnerung aller kommenden Geschlechter. Wenn irgendwo, so gilt hier das Trauerwort des Talmuds: „Wehe um die Dahingeschiedenen, die nie vergessen werden können!" Das Judenthum ehrt sich selbst, wenn es das Andenken des Mannes ehrt, der seine Geschichte zu Ehren gebracht hat! d Neue Vorschläge. Berlin, 8. September. Wir haben in voriger Nummer die Frage: Wohin? erörtert. Nicht minder nöthig aber ist die Frage: Woher? Das heißt: Woher sollen die Mittel genommen werden, um auch nur einen jener großen Kolonisationspläne wirksam durchzuführen. Aus einer Fülle von Vorschlägen und Anregungen, die uns fast alltäglich zugehen, haben wir die beiden folgenden, als die vielleicht beachtenswerthesteil, herausgegriffen und empfehlen dieselben der Erwägung maßgebender Kreise. I. Wir leben in der Epoche der Antifklavereibewegnng, man läßt sich begeistern von den Ideen der Freiheit iliid Gleichheit, deren Licht auch in das dunkle Afrika getragen werden soll, man schwärmt für den