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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1891-09-04 · Heft 36 (4.9.1891) · p. Seite 3

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
55 (1891)
Issue
Heft 36 (4.9.1891)
Date
1891-09-04
Page
Seite 3 (sequence 15)
Language
German
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3 finden können und wie dort die klimatischen Verhältnisse beschaffen sind, namentlich ob dieselben für den Ackerbau günstig sind. Der Baron erzählte sodann, daß nach ben Berichten der Kommission die Bodenverhältnisse Argentiniens die denkbar günstigsten sind und bei rationeller Bearbeitung eine Ergiebigkeit wie das ungarische Alsöld versprechen. Der größte Theil der russischen Juden sei für den Ackerbau geeignet und werde sein Auskommen dort finden, wenn die Ansiedler sich nur mit Feldarbeit beschäftigen und produktive Bürger des neuen Staates werden wollen. Auf die Frage, ob durch die Einwanderung so großer Massen Juden in Argentinien nicht auch dort der Antisemitismus erwachen werde, antwortete Baron Hirsch, daß er davor keine Besorgnisse hege, da Argentinien, welches hundert Millionen aufzunehmen im Stande sei, heute nur von vier Millionen Menschen bewohnt sei. Seit jeher leben dort die unterschiedlichsten Konfessionen in größter Eintracht. Ueber die Durchführung seiner Pläne sagte Baron Hirsch: In Argentinien wirke eine Durchführnngskommission mit allen Vollmachten, dieselbe werde kolossale Gebiete ankausen und dort den geplanten Ackerbaustaat begründen. Ein- bis zweitausend Familienoberhäupter werden iu den ersten Jahren dort Kenntnisse erwerben, die für ihre Bedürfnisse uothwendig sind, und sodann den Unterricht der Anderen beginnen. Eine „Kolonisationsbank" wird in Paris oder London gegründet werden-.das hierzu erforderliche Gesammtkapital giebt Baron Hirsch. Die Aktien werden später auf die besten jüdischen Gemeinden übertragen werden. Der Reingewinn des Unternehmens wird für die weiteren Kolonisirungen verwendet. Die Ansiedler übernehmen die Kolonie als Halbpächter, und von ihrem Fleiße wird es abhängen. so bald als möglich Herren der Kolonie zu werden. Mit der russischen Regierung hat Hirsch ein Uebereinkommen, wonach dieselbe die Organisirung der jüdischen Auswanderung gestattet. Irr Petersburg wird eine Central-, in den größeren Provinzstädten je eine Lokalkommission errichtet, welche die Auswandenuig leitet. In den ersten Jahren dürften durch die außerhalb Rußlands befindlichen Exekutivkommissionen zwei- bis dreitausend Familien nach Argentinien befördert werden, denen bald die anderen je nach den Erfolgen in größeren Massen Nachfolgen werden. Frankreich. <p Paris, 29. Augnst. Zur Feier des achtzigsten Geburtstages Josef Derenbourgs hatten die verschiedenen Wohlthätigkeitsanstalten und wissenschaftlichen Institute, denen der Jubilar angehört, Deputationen zur Beglückwünschung eutfaubt. Die Alliance israelite universelle ließ durch Herrn R. Leven eine Glückwunschadreffe verlesen und überreichen. Die Societe des etudes juives widmete dem verdienstvollen Gelehrten eine Biographie aus der Feder Zadoc Kahns, des Oberrabbiners, begleitet von einem trefflichen Portrait. Dieselbe wurde von Hartwig Derenbourg in seiner Eigenschaft als Vicepräsident der Societe verlesen. Die Zöglinge der Bischoffsheim-Stistung richteten Glückwnnschbriefe an den Jubilar, und der Direktor dieses Instituts, Herr Moritz Bloch, veröffentlichte ein treffliches Gedicht zu Ehren des Achtzigers. Außerdem erschienen znr Ehre des Tages mehr als 25 Artikel und Broschüren, von denen wir folgende hervorheben: Philipp B erge r, die punische Inschrift von Altiburos; Dr. Berliner. Auszüge aus Josef Derenbourgs Briefen; August Carriere, Moise de Khoren et les genealogies des patriarclies; Henri Cordier, die Juden in China; James Darm steter, ein jüdisch-persisches Gebet; Hartwig Derenbourg, die sabäisch und himyaritischen Denkmäler der Nationalbibliothek; Ä. Epstein, über Mose Ha-Darschan; Friedländer, die Sozialisten int Judenthum; Ludwig Geiger, aus Leopold Zunz' Nachlaß; M. Gnttmann, die Philosophie des Thomas von Aquino und ihr Verhältniß zum Rabbinismus; Josef Jastrow. Transposed steins in talmudic, hebrew and ehaldaic; Israel Levi, die Juden und die Inquisition in Süd-Frankreich; Isidore Loeb, la Vie des Metaphores dans laBible; Ad. Nenb auer, eine hebräische Grammatik aus Jemen; Salomon Reinach. eine Episode aus dem Leben der polnischen Juden im 18. Jahrhundert; Moses Schwab, zwei jüdischbabylonische Vasen mit magischen Inschriften; Steinschneider, die arabischen Übersetzungen von Werken griechischer Aerzte; Steinthal's Brief in der „Allgemeinen Zeitung des Judenthums" über Psalm 92; VictorWidal, Mousba lefou, eine algerische Geschichte; Henri Weil, die Hermokopiden und das athenische Volk, ferner Schriften von Harkavy, von Jellinek und Prof. Oppert. Mit welchem Stolz muß es den verehrten Jubilar erfüllen, bei der Entstehung all dieser trefflichen Erscheinungen Pathe gestanden zu haben. Großbritttttnien. # London, 29. August. Es ist in weiteren Kreisen nicht bekannt, daß der Prinz von Wales nach einem eingehenden Studium der russischen Judenfrage sich zum Besten der russischen Juden in so ausgedehnter großartiger Weise verwandt hat, daß Se. königl. Hoheit Anspruch auf die Dankbarkeit jedes Juden iu Europa und Amerika besitzt. Tie Frage ist eine außerordentlich delikate, da Rußland tu Hinsicht auf seine inneren Angelegenheiten eine übertriebene Empfindlichkeit an den Tag legt. Es war dem Prinzen deshalb nicht möglich, direkte Schritte zur Besserung der Lage der russischen Juden zu unternehmen. Der Prinz von Wales hat indessen indirekt und in einer Weise, welche auch bei dein reaktionärsten Beamten keinen Allstoß erregell konnte, die Bemühungen unterstützt, welche jetzt zum Besten der armen nothleidenden hebräischen Bevölkerung in Rußland unternommen werden. Von wohlunterrichteter Seite erfahre ich, daß der Prinz voll Wales die ganze Frage mehr als eillmal mit Herrn Arilold White durchgesprochen, und die Prinzessill von Wales, welche mit ihrem Gemahl in der Angelegenheit Halld in Hand geht, Herrn White mit Empfehlungsbriefen an den russischen Hof ausgerüstet hat, welche die Lösung der Frage wesentlich erleichtern dürften. Der Prinz von Wales legt in der Allgelegenheit eine besondere Großmuth und Nachsicht all ben Tag, da er erst kürzlich von Herrn Arnold White in einem Buch in ungerechter und gehässiger Weise angegriffen wurde. Es werdell sehr viele Unwahrheitell über den Prinzen von Wales verbreitet, während seine vielen Handlungen, welche nicht allein Herzensgüte, sondern auch Weisheit verratheil, ullbekanilt bleiben. Es ist nicht mehr als billig, wenn die Juden erfahren, wer der Mann ist, welcher ihnen wirksame Freundschaftsdienste und in so hochherzigem, nachsichtigem Geiste erweist. Rußland. * Petersburg, 27. August. Die Negierung hat Befehl gegeben, im ganzen Reich in strengster Weise die Regeln anzuwendeil, welche durch die Gesetze vom 10. Juli 1865 und vom 3. Mai 1882 festgesetzt sind, sowie darauf zu achten, daß Juden in keinem Falle Land, Fabriken, Tnchwalkereieil, Wasser- und Windmühlen, sowie andere Etablissements ungesetzlicher Weise besitzen. Alle Pachtkontrakte, laut welchen die vorsteheild genannten Immobilien von Juden, die außerhalb von Städten und Ortschaften leben, arrondirt unb die nach der Veröffentlichung des Gesetzes vom 3. Mai 1882 abgeschlossen worden sind, fiub als ungesetzlich zu vernichten. — Die in Rußland herrschende Getreiden oth giebt dem Pöbel aufs Neue Veranlassung, seine Wuth gegen die Juden auszulassen. So fand am 19. d. M. in Witebsk eine Revolte statt, welche eine so große Ausdehnung annahm, daß Truppen aus dem Lager aufgeboten werden mußten, welche scharf auf die Aufrührer feuerten. Die anfgeregten Massen hatten vorher Hunderte von verschlosseneil, mit Roggen beladene Güterwagen erbrochen und die Säcke mit Getreide auf die Bahnlinie geworfen,, so daß das lose Getreide auf dem Bahnhof zerstreut umherlag. Die Bahnbeamten, sowie alle Juden, welche ihnen in den Weg kamen, wurden mißhandelt und das Haus des reichsten jüdischen Getreidehändlers vollständig geplündert. Was den Aufrührerischen in die Hände fiel, wurde zerstört. Die Truppen feuerten Anfangs nur blind, dann aber scharf. Von den Unruhestiftern wurden viele verwundet, zwei starben seitdem. Der angerichtete Schaden soll sehr beträchtlich lein. Türkei. Jerusalem, 15. August. Die Arbeiten der Jaffa-Zerns alem- Eisenbahn schreiten rüstig vorwärts. Die Theilstrecke zwischen Jaffa und Ramleh ist fertig und läuft bereits zwischen den zwei Städten die Lokomotive. Herr Temkin, Leiter des Exekutivkomitees, und Herr Chankin haben sich nach Chaifa begeben, um dort den Kaufbrief über eine größere Landstrecke ausfertigen zu lassen. — Herr Chankin hat weitere hunderttausend Dnnam, ca. 18 Millionen Quadratmeter Boden im Thale Esdraelon gekauft und theilweise schon parzellenweise verkauft. — Herr Dr. Jsak d'Arbela. Leiter des hiesigen Rothschild-Hospitals und einer der eifrigsten Glanbensgenossen, empfiehlt in der hier erscheinende!! Wochenschrift in Anbetracht der plötzlich über die russischen Juden hereingebrochenen Katastrophe, welche sie zu Tausenden nach dem heiligen Lande treibt, wo dieser unerwartete unvermittelte Andrang die Bodenpreise ins Unendliche steigern und das Kolonisationswerk zu gefährden droht, daß man einstweilen die russischen Flüchtlinge in einem

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