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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1891-09-04 · Heft 36 (4.9.1891) · p. Seite 4

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
55 (1891)
Issue
Heft 36 (4.9.1891)
Date
1891-09-04
Page
Seite 4 (sequence 16)
Language
German
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4 Palästina benachbarten Lande, von welchem ans sie rege Beziehungen-zu Palästina unterhalten könnten, anstedle. Als solches bezeichnet Dr. d'Arbela die Palästina ungemein nahe liegende Insel Cypern. England, dem die Insel gehöre, werde, wie er sich dessen versichert habe, die Kolonisation daselbst mit Freuden begrüßen. Dr. d'Arbela bezeichnet diesen Plan als einen für die Gegenwart und die Zukunft des Zionsgedankens segensreichen. — In Palästina treffen wöchentlich 200 bis 300 arme jüdische Familien aus Rußland ein. Jerusalem ist der Sammelpunkt der Flüchtlinge, unter welchen Arbeitsmangel und in Folge dessen Nahrungsnoth Krankheiten erzeugen. Das große Elend der BedauernTwerthen, welche sich trotz aller Warnungen nach Palästina aufmachten, ist an sich schon beachtenswerth genug. Es darf aber auch nicht übersehen werden, daß durch diese planlosen 211X511) cutfcmtuam der Kolonisation Palästinas die größte Gefahr droht. Um diese abzuwenden, sind vor Allem zwei Dinge nothwendig: erstens die Einleitung einer momentanen Hilfsaktion zu Gunsten der bereits in Palästina befindlichen armen und beschäftigungslosen russischen Glaubensbrüder; zweitens eine verstärkte Thätigkeit im Dienste der Kolonisationssache selbst, damit es einmal möglich werde, arme Auswanderer in großer Anzahl mit Grund und Boden und Ackergeräthen zu versehen. * Aleppo, im August. Ueber eine neue Blutbeschuldigung theilt der Monatsbericht der A. D. U. von hier mit: Am 3. Juni halten sich zwei junge Leute in eine Vorstadt von Aleppo begeben, die zumeist von Kesselschmieden bewohnt ist, um daselbst altes Eisen anzukaufen. Sie hatten einen Esel mit den Säcken beladen, in die sie ihre Waare stecken wollten. In einer Straße des Viertels wurden sie von Gassenjungen als Juden erkannt und mit Steinen beworfen; einer der jungen Leute wurde verwundet und drohte seinem Angreifer, daß er ihn verklagen würde. Um sich der zu erwarteten Strafe zu entziehen, wußte dieser keinen anderen Ausweg, als sein Opfer des Kindesraubes anzuklagen. Er rief die Menge herbei durch sein Geschrei: „Seht," sagte er, das kleinste der anwesenden Kinder bezeichnend, „was ich in seinem Sack gesunden habe." Alsbald wird der Unglückliche zur Erde geworfen, getreten und mit Stockschlägen überschüttet. Trotz des Dazwischentretens einiger vernünftiger Leute, wird er nach dem Polizeibüreau geschleppt, und von dort unter Bedeckung zweier Gendarmen nach dem Serail. Mehrere Leute traten in roher Weise aus, um gegen den jungen Mann Zeugniß abznlegen. Der General-Gouverneur, um die Geister zu beruhigen, ordnet die Festnahme der beiden jungen Leute an. Der Ober-Rabbiner, sobald er den Vorgang erfahren, begiebt sich zu dem Vali, um die Freigebung der beiden Gefangenen zu fordern, da dem Befehl des Sultans gemäß nicht einmal eine Untersuchung bei einer solchen Anklage erhoben werden darf. Der General-Gouverneur antwortet, daß er von der Unschuld der beiden jungen Israeliten vollständig überzeugt ist, daß er jedoch richtig zu handeln glaubt, wenn er sie in Gewahrsam behält, bis die erregten Gemüther beruhigt sind. Dennoch legte sich die Erregung nicht so bald; mehrere Juden wurden gemißhandelt, Frauen, Kinder, Greise wurden geschlagen; man versuchte es, einen armen Grubenausleerer zu erwürgen und ihn in die Grube zu werfen. Er verdankte sein Leben nur der Dazwischenkunft mehrerer Leute, die fein Geschrei herbeilockte. Die traurige Angelegenheit fand ihren Abschluß durch die Freisprechung der Angeklagten, deren Unschuld vom Gericht laut verkündet wurde. Afrika. * Algier, 17. August. Am 6. d. M. Abends traf hier die auf der Fahrt nach Alexandrien begriffene, in Glasgow von Herrn Ludwig v. Ptak für die Kolouisationszwecke des Barons Hirsch angekaufte Dampf- Uacht „Israel" ein. Der Kapitän des Fahrzeuges, Herr Sbutega, stellte sich dem im Seebade Tivoli bei Algier weilenden österreichischungarischen Generalkonsul Grafen Wimpffen vor, der eben in großer Gesellschaft beim Abendessen saß. Graf Wimpffen empfing den Kapitän auf das Herzlichste und brachte zum Schluffe des Mahles folgenden Toast aus: „Während wir uns hier an frohem Scherze vergnügen, ist der Ernst des Lebens an mich herangetreten, indem ich den Besuch des Führers eines Schiffes erhielt, das sich zur Ehre der österreichischen Flagge in den Dienst der Humanität gestellt hat. Es steht in dem Dienste des Baron Hirsch in Paris für dessen großes Werk zum Schutze der bedrängten Angehörigen des israelitischen Glaubensbekenntnisses. Ich erhebe mein Glas auf den energischen und klugen Menschenfreund Baron Hirsch!" Uon Nah und Fern. ----- Vielfach geäußerten Wünschen Folge gebend, wird die jüdische Reformgemeinde an den bevorstehenden hohen Feiertagen in ihrem Betsaale einen zweiten Gottesdienst einrichten, für welchen Eintrittskarten auch an Nichtmitgliedex abgegeben werden. — Herr Professor Dr. Martin Philippson, der frühere Rektor der Brüsseler Universität, hat seit dem ersten September in Berlin seinen Wohnsitz genommen. — Seit mehr als einem Jahrhundert besteht unter der Aufsicht der Berliner jüdischen Gemeinde eine Wohlthätigkeits-Gesellschaft, welche bei jeder Niederkunft einer Vereinsgenossin — arm oder reich — derselben zwei Büchsen ins Haus sendet. Die eine ist offen, mit freiwilligen Gaben und aus den Fonds des Vereins gefüllt, und muß von der Emfängerin geleert werden; will dieselbe nur einen Theil des Inhalts oder gar nichts für sich verwenden, so hat sie den Rest oder das Ganze, und nach Belieben oder Vermögens-Umständen eine freiwillige Gabe, in die zweite, verschlossene und von den Vorstehern der Anstalt zu öffnende, nur an diese zurückzusendende Büchse zu stecken. Daher erfährt Niemand, ob und wieviel der Arme empfangen, ob und wie viel der Reiche gegeben hat. Möchte die Einrichtung hier und da Nachahmung finden! — In Bromberg ist bis zur difinitiveu Wahl eines neuen Rabbiners Herr Kandidat Dr. Walter vom Breslauer Seminar zur Ausübung der rabbinischen Funktionen und zur Ertheilung des Religionsunterrichtes angestellt. — Auf Veranlassung des Herrn Rabbiners Dr. Wiener aus Oppeln wurde im Bade Cudowa von zwei Berliner Damen unter den dort anwesenden jüdischen Badegästen eine Sammlung zu Gunsten der russischen Juden veranstaltet, welche einen günstigen Ertrag erzielte. Wenn die bei solchen Gelegenheiten gespendeten Summen mit einer gewissen Absichtlichkeit namentlich in politischen Blättern veröffentlicht werden, so ist dies nach mancher Richtung hin schädlich. — Der von dem jetzigen Rabbiner in Schweh, Herrn Dr. Nordheimer, vor vielen Jahren in Emden gegründete Verein „Derech Zedakah" spendete der dortigen Synagoge einen dem sel. Moses Montefiore gewidmeten kostbaren Vorhang. — In seinen „Beiträgen zur Förderung der Religion der Humanität", welche unter dem Titel „Es werde Licht!" erscheinen, bringt Karl Scholl in Nürnberg einen lesenswerthen Aufsatz, welcher die Wallfahrten nach Trier und die Judenverfolgungen in Rußland unter einem gemeinsamen Gesichtspunkte behandelt. — Die bayerische Militärkapelle, welche sich an der Huldigung antisemitischer Studenten für den Fürsten Bismarck in Kissingen betheiligte, ist telegraphisch nach Regensburg zurückgerufen. Nach einem scharfen Verweis des Obersten soll ihr in höherem Aufträge die Fortsetzung ihrer Konzertreise verboten sein. — Zum Rabbiner der Gemeinde Sulz ist Herr Dr. Bloch, Zögling des Berliner Rabbinerseminars, erwählt worden. — Die Führer der jungczechischen Partei in Prag lehnen jede Zusammengehörigkeit mit den Wiener Antisemiten in bestimmter und entschiedener Weise ab. — Die israelitische Kultusgemeinde in Papa hat den reformirten Bischof Gabriel Pap zum Ehrenmitglied gewählt. Eine Deputation der Gemeinde hat dem ausgezeichneten Priester am Dienstag in Komorn das Diplom überreicht. — Eine Deputation von Bürgern Rustschnks hatte Stambulow ersucht, die Einwanderung russischer Juden nach Bulgarien zu verhindern, allein dieselben erhielten eine ablehnende Antwort. Der Premierminister erklärte, daß er in dieser Sache nichts thun könne, da die unglücklichen Juden die Opfer der barbarischen Ungerechtigkeit Rußlands seien. — Herr Samuel Korb, Rabbiner in Nantes, der durch mehrere Jahre seine Muße den medizinischen Studien gewidmet hat, erhielt von der dortigen medizinischen Fakultät das Diplom als Doktor der Medizin. Dr. Korb belebt aufs Neue die Tradition von den jüdischen Aerzten im Süden Frankreichs während des Mittelalters, die gleichzeitig Theologen und Mediziner waren. — Neue Vereine zur Kolonisation Palästinas sind jüngsthin in Birmingham und Antwerpen gegründet worden. — Der Verein Schowe Zion in New-Uork hat den Präsidenten der „Zionsfreunde" daselbst, Herrn Rechtsanwalt Adam Rosenberg, und Herrn Maier London zum Ankauf von Ländereien nach Palästina delegirt. Der Verein hat die in Aussicht genommene Anzahl von 500 Mitgliedern längst erreicht. Druck und Verlag von.Rudolf Mosse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Mar Bauchwitz in Berlin.

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