Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 55 (1891)
- Issue
- Heft 36 (4.9.1891)
- Date
- 1891-09-04
- Page
- [Seite] (sequence 13)
- Language
- German
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55. Jahrgang. Nr. 36. iöerlm, 4. September 1891. Der Gemeindevote. Weilcrge zur „Allgemeinen Zeitung des ZuöenLHums". Korrespondenten und Nachrichten. Deutschland. * Berlin, 2. September. Gestern starb hier der Geheime Sanitätsrath Dr. Carl Lehfeldt, einer der ältesten Berliner Aerzte, im fast vollendeten 80. Lebensjahre. Trotz seines vorgerückten Alters übte Dr. Lehfeldt noch bis in die letzte Zeit die ärztliche Praxis; insbesondere war er als Vertrauensarzt viel beschäftigt und geschätzt. Bis vor wenigen Jahren hatte er seinen Wohnsitz im Centrum der Stadt, zuletzt praktizirte er im Westen am Schöneberger Ufer. Dr. Lehfeldt's Praxis war eine der ausgiebigsten in Berlin überhaupt. In jüngeren Jahren nahm Dr. Lehfeldt auch an der wissenschaftlichen Arbeit in der Medizin Theil. Insbesondere beschäftigte er sich niit Forschungen über Stimme und Sprache. Einzelnes davon hat sich bis heute, trotzdem die Forschungsmethoden seither wesentlich verbessert worden sind, in Geltung erhalten. Die ärztliche Praxis hat Lehfeldt viel mehr als ein halbes Jahrhundert lang betrieben. Sein 50jähriges Doktorjubiläum, das er vor einigen Jahren beging, gab zu reichen Huldigungen Anlaß. Promovirt hatte Dr. Lehfeldt seiner Zeit in Berlin, wo er auch studirt hat. <3u feinen Lehrern gehörten noch die Berliner Professoren, die bei der Gründung der Universität und kurze Zeit später berufen worden waren, wie Nudolfi, Bartels, Graefe, Hufeland. X Berlin, 2. September. Wie man uns mittheilt, hat Herr Rabbiner Dr. G. Deutsch in Brüx einen Ruf als Professor der Litteraturgeschichte und Bibelexegese an das Hebrew Union College in Cincinnati erhalten. Wie wir in der „Breslauer Zeitung" lesen, ist Herr Rabbiner Dr. Braun in Pleß in gleicher Eigenschaft nach Cincinnati berufen worden. Da aber unseres Wissens nur eine Professur ausgeschrieben, so muß hier ein Mißverständniß vorliegen, oder einer der beiden Herren hat bereits abgelehut. Amerika würde freilich in beiden Männern eine ebenso treffliche Requisition machen, als Europa ine solche verlieren würde. (JD Berlin, 31. August. Unter dem Titel „Israelitischer Franen-Verein der Orallienburger Vorstadt" hat sich vor einiger Zeit hier ein Verein gebildet, der einem oft gefühlten Bedürfnisse abhelfen soll. Das uns vorliegende Cirkular und Statut giebt in Kürze Allskunft über den Zweck dieses jungell Vereins. Es wird darin gesagt, daß der Verein für notorisch Arme, Kranke und Wöchnerinnen der Stadtiheile Wedding, Moabit und Gesundbrunnen, sowohl durch entsprechende Unterstützullgen in baarem Gelde, als durch Gewährung ärztlicher Hilfe eintreten will. — Im Weiteren übernehmen die Vorstandsmitglieder ihren Vereinsmitgliedern gegenüber die Verbindlichkeit, in bedrängten, trüben Zeiten, bei eintretenden Krankheits- oder Todesfällen'durch Besuch uiib Zuspruch tröstend und helfend zur Seite zu stehen Der Verein hat bedauerlicherweise gegenwärtig nur eine kleine Zahl von Mitgliedern, weshalb auch die Mittel nicht in dem Maße vorhanden sind, um beit all ihn gestellten Ansprüchen in erwünschter Weise genügen zu köllllen. Im Hinblick nun auf den wohlthätigen Zweck, dem sich der junge Verein widmell will, wäre ein Zutritt von neuen Mitgliedern sehr erwünscht. Gaben unb sonstige Zuwendungen, wie Korrespondeilzen, sind an die Vorsteherill des Vereins, Frau Lina Koch, Fennstraße 48 ll., gn richten. * Berlin, 1. September. In der Strafsache gegen den Schriftsteller Dr. Christoph de Jonge und den Freiherrn v. Hammerstein, Chefredakteur der Kreuzzeitung, wegell Beleidigung des Bezirksphysikus Dr. Baer ist nunmehr, wie die Saale-Ztg. mittheilt, von der königlichen Staatsanwaltschaft das Hauptverfahrell gegen die beiden Angeklagten eröffnet wordell. Die öffentliche Verhalldlnllg findet am 16. Oktober vor der Strafkammer des Lalldgerichts 1 statt. * Berlin, 2. September. Die Antisemiten wenden in jüngster Zeit den armen russischen Auswanderern ein besonders rührendes Interesse zu. So berichtet das „Volk": „Die jüdisch-russischen Auswanderer, deren Zuzug iu verstärktem Maße sortdauert, werden vom Berliner Komitee auf Grulld wichtiger Vereinbarungen nach Brasilien gesandt. Die dortige Regierung hat sich, wie hiesige Judenblütter verkünden, in dieser Beziehung überaus entgegenkommend benommen. Die zur Ansiedelung erforderlichen Terrains befinden sich in gesunder Lage und sind bereits dem jüdischen Bevollmächtigten angewiesen worden. Glückliche Reise!" — Soviel Worte, soviel Unrichtigkeiten! Das Rührendste aber ist der innige Ausdruck von Nächstenliebe! * Berlin, 1. September. Einen charakteristischen Beitrag zu der Frage: „Wohin führt der Antisemitismus'?" liefert der Mord des Kaufmanns Hirschfeld in Spandau. Das dortige Lokalblatt sieht sich nämlich veranlaßt, gegen die Gemüthsrohheit, die sich auch selbst bei diesem entsetzlichen Anlaß kundgegeben, mit folgender Abfertigung aufzutreten: „Das schreckliche Ereigniß von Sonntag Abend hat natürlich die Gemüther in nuferer Stadt aufs Heftigste erregt. Wohl überall hört man tiefen Abscheu über die That aussprechen, mitunter geschieht dies aber in einer so leichtfertigen, fast frivolen Weise, daß jeder anständige Mensch dadurch verletzt werden muß. Mail begegnet, mit Bedauern muß es hier gesagt werden, Scherzen, die an die Konfession des so jäh und auf so entsetzliche Art Dahingerafften geknüpft sind, angeblichen Scherzen, die eine große Rohheit des Herzens bekund eil. Gewiß in letzter Linie, wenn überhaupt, hat der Mordbube an die Koilfession seines Opfers gedacht, er ivürde beit offenbar allmälig in ihm herangereiften Plan auch ausgeführt haben, wenn der zu Beraubende Christ oder Heide gewesen wäre. Die Hauptsache war ihm das Geld, mit welchem er einer schiffbrüchigen Existenz aushelfen wollte oder ein Faulenzerdasein fortzusetzen beabsichtigte. Wohl noch nie hat ein Verbrecher voll derartig erworbenem Gute Segen gehabt, und auch den Verüber des scheußlichen Mordes tit der Breitenstraße wird der Arm der Gerechtigkeit früh oder spät erreichen. Es ist aber zu beklagen, daß ein so trauriges Ereigniß, an welchem menschlich die ganze Einwohnerschaft betheiligt ist, zum Ausgangspunkt der Verhetzung eines Theiles derselben genommen wird. Niemand wird sagen dürfen, daß er gegen die Zufälle menschlichen Geschickes gefeit sei, uitb Niemand weiß, wie seine Tage einst enden werden. Es kann nur Jeder wünschen, daß ihn der Himmel vor einem solchen Schicksal bewahre, wie es den Kaufmann Siegfried Hirschfeld, der zufällig Jude war, betroffen hat." — Die Beerdigung des in so entsetzlicher Weise ermordeten Hirschfeld hat dagegen am 26. d. M. unter außerordentlich großer Betheiligung der gesammten Bevölkerung Spandaus auf dem israelitischen Kirchhof in der Schönwalderstraße stattgefunden. Der imposante Trauerzug, der etwa 800 Personen und eine fast unübersehbare Reihe voll Equipagen nufwies, setzte sich von der Leichellhalle ans in Bewegung nach der Potsdamerstraße, wo vor dem Hause Nr. 8 derselben, der Wohnung des Ermordeten, kurzer Halt gemacht wurde. Alsdalln begab sich der Zug durch die von Tausenden von Zuschauern besetzten Straßen llach obigem Friedhof hinaus, wo der Rabbiner der dortigen jüdischen Gemeillde eine ergreifende Trauerrede hielt; nach deil üblichen Ceremonien wurde der einfache Sarg der Erde übergeben. K. 31. August. Als ein erfreuliches Zeichen iittttger Kollegialität unter den Lehreril verschiedener Konfessionen in hiesiger Gegend einerseits imb als Beweis für die echt patriotische Gesinnung der jüdischen Lehrerschaft darf wohl die Thatsache gellen, daß gesteril der hiesige jüdische Lehrer I. Koerpel in einer von etwa 100 Lehrern des Kreises Samter hier abgehaltenen Versammlullg, an welcher nur zwei jüdische Lehrer theiluahmen, damit betraut wurde, die Versammlung zu eröffnen und im Anschluß daran ein Hoch auf beit Kaiser anszubringen, welche ehrenvolle Ausgabe der Genannte dann auch in geschickter und erhebender Weise ausführte. In derselben Versammlung, in welcher die Absendung einer Deputation an die Köiligliche Regierung im Jllteresse sämmtlicher Lehrer des Kreises beschlossen wurde, war Koerpel der erste, der als Deputirter iu Vorschlag gebracht und allch hierzu gewählt worden ist. Koerpel ist ein Zögling des unter Leitung der Herrn Direktor Dr. Holzmann stehenden jüdischen Lehrerbildungsanstalt zu Berlin. — Der hiesige Kantor Dubowski ist für sofork als erster Kantor nach Krotoschin berufen worden.