Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 55 (1891)
- Issue
- Heft 36 (4.9.1891)
- Date
- 1891-09-04
- Page
- Seite 430 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Sie hatte also methodisch auf der Hochzeitsreise gehungert, und darum, nur darum hatte er an manchem sonnigen Frühjahrssonnabend die schönsten Spazierfahrten entbehren müssen. Mtt dem Brustton aufrichtigster Empörung wandte er sich zu ihr: „Um Himmelswillen, Kleine, was fällt Dir ein, Du willst mich doch nicht etwa mit einer rituellen Wirthschaft beglücken? Aber Kind, dieses höchst zweifelhaften Vorzugs bin ich wirklich seit zwanzig Jahren entwöhnt. Geh doch .., So lebt man in Polen, in Posemuckel vielleicht, aber hier in Berlin..." „So lebt man überall, wo Juden wohnen," antwortete sie ruhig, „ich denke doch, es giebt noch Juden in Berlin." „Ob cs noch Juden in Berlin giebt? Gewiß, il y a des juifs a Berlin!" Er brach in ein tolles Gelächter aus. Sie verstand den unmittelbaren Ausfall seiner Heiterkeit nicht und sah beleidigt zur Seite. (Fortsetzung folgt.) Barkochba. Trauerspiel in fünf Aufzügen von Dr. M. Levin. Vierter 21 u fzug. Vor Dositheos' Gartenhaus«?. Im Hintergrund Blick auf Jerusalem. Eine Ballt und mehrere Stühle. Erste Szene. Naamah (auf der Ballt sitzend und die Laute spielend). Pflicht oder Liebe? Was ist Pflicht? Ein Zwang, Von Allen auferlegt! Und was ist Liebe? Ein Zwalrg, der nur vom eignen Herzen kommt. Wer muß der Pflicht gehorchen? Jedermann. Wer darf der Liebe folgen? Nur der Held, Der Anderen gebieten kann wie sich! (Spielt.) Dich zwingen, einem Mädchen zu entsagen, Well Samarias Kreisen sie eiltstammt — Wer köllnte das als Pflicht dir aufertegeu? (Spielt.) Das hehrste Diadem, es ist die Krone, Das höchste Postament, es ist der Thron! Ulld doch, das Glück giebt einzig nur die Liebe! Ihn glücklich machell! wer vermag's gleich mir? Wer? Niemand! Niemand! Ich allein, nur ich! Um seinetwillen rief lnich Gott ins Dasein — Und nimmer find' ich einen andern Zweck. (Spielt.) Zweite Szene. Na am ah. Barkochba (von zwei Kriegerll begleitet). Barkochba. Naamah! N a a m a h. Mein Herr und König! Barkochba (zu den Kriegern). Begebt euch vor den Eingang. (Die Krieger ab.) Seh ich dich wieder Wie zu der Zeit, da Alleil luibetaunt, An deiner Seit' ich saß, den Weisen folgelld, Die deiner Laute schmerzlich du entlocktest! Naamah. Jetzt darf ich froh zlim Spiele greifen, Herr! Deml frei ist unser Land, Judäa frei! Barkochba. Ja frei! und nicht zum kleinsten Theil durch dich! Naamah. Durch mich? Barkochba. Wer wär' es, nächst Akiba. sonst, O Naamah! der mich geweckt zum Manne? Gar oft. wenn du die gold'nen Saiten rührtest, Entflammtest du in mir den Kriegermuth, Der mich berief zum Netter meilles Volks! Na amah. Dell einz'geil Netter sah ich stets in dir! Barkochba. Du sangst einmal ein Lied mit bebender Stimme, Mein Herz war tief bewegt, die Lieb' erglühte — Schon wollt' ich dir zu Füßen fafleu — Da hielt ich plötzlich inne, wuthentbrannt: Als Roms Vasall willst um ein Weib bu frei'n? Niemals! niemals! Kein glücklich Loos verdient, Den solche Weiber nicht zur Thatkraft spornen. Das fremde Joch zu brechen, das uns schändet. Dein Bild, o Holde,^war mir Talisman — Ulld mm, als freie Tochter seh' ich dich. In deiner Hand die Laute! Naamah. Ulld die Münze, Tie du prägtest, ward mein erster Schmuck.... Barkochba. Mein erster und mein höchster Schmuck heißt Naamah! Die Kön'gin meines Herzens, Fürstin von Judäa! (Unlarmt sie.) Und jetzt, mein freies Kind, sing mir das Lied! (Seht sich zil ihr auf die Bank.) Naamah. (Singt nach einer alten Melodie.) All Babels Strömen saßell wir, All Weiden hing das Spiel. O Zioll, wir gedachten dein, Und weinten ohne Ziel. Es fordern uns die Dränger auf: „Singt uns ein ZionsUed! Siilgt uns ein Lied von eurer Stadt, Für die ihr so erglüht!" Wie köllnten öffnen wir den Mund, Da mls der Herr verbannt' — Das Lied des Herrn ertöne nur In seinem heil'gen Land! Versagen soll die Rechte mir, Vergaß' ich jemals dein; Es dorre mir der Gaumen aus, Vergäß' ich jemals beiit. Nur bit giebst mir die Lebenslust Allein, Jerusalem! Ja, über meine höchste Freud' Setz' ich Jerusalem! (Stürzt sich in seine Arme.) Barkochba. (Nimmt sie auf seinen Schooß.) Mein gallzes Seeleuglück umarm' ich in dir! In dir umarm' ich auch mein ganzes Volk! Naamah. So muß denn ich, so muß denn auch, o König! Dein gallzes Volk den Dank dir spenden. (Küßt ihn zweiinal.) O Zeit! halt' ein in deiner leisen Flucht, Daß nicht das Glück auf deinen Schwingen entschwebe! Barkochba. Mein Kind! Dem Mattne, der als Haupt bestellt, Gewährt das karge Glück nur kurze Zeit. Erfrischend sich am Duft des blum'gen Thals, Dem hellen Sange frohell Daseills lauschend, Vernimmt er plötzlich ein Gewirr von Stimmen — Die Kriegsposaulle tönt — er mutz ins Feld! Naamah. Heil dem, den stolz das Vaterland begehrt! Barkochba. O Vaterland! des Dankes kindlicher Ruf! O, Vaterland, das mir die Wohlfahrt bellt, Darin ich Freiheit athme, selbstbewußt, Darinnen alle Brüder gleich im Recht! Und wo erstrahlt die sonn'ge Liebe so, Wo schlügt sie hold die treuen Augen auf, Als wie zu Haus, im theuren Vaterland?! Naamah. Im Vaterland herrscht freie Menschlichkeit, Die Tugend wird geübt um ihrer willen; Doch preist die Freiheit man im frenldeu Lalld, Wird leicht als Egoist mall angeseh'n, Deß' Lob' der Tugend nur die Schanze sei, Die Vortheil und Gewinnsucht decken soll. Wie oft wird der als Heuchler still belächelt, Der für die fremde Sitte sich begeistert! Mail traut ihm nicht und hört schon das Gelächter, Das in der Heimath er erschallen läßt; Man sieht die Faust, die er im Zorne ballt, Weil er als Schmeichler sich geberdeu mußte. Dritte Szene. Vorige. Do sitheos. Dositheos (überrascht). Mein König! Barkochba. Wackrer Freund, Dositheos! Naamah. Nicht schäm' ich mich, verlegen bin ich nicht, Mein Vater! Diesen Platz verlaß ich nicht, Bis es der König mit Strenge mir bestehlt. Barkochba. Ich geb' dich frei, wie es die Mutter thnt: Sie läßt im neck'schen Spiel das Kiyd entweichen, Um es aufjauchzend wieder einzufangen. (Läßt sie los, sie eilt ins Haus.) Vierte Szene. Barkochba. Dositheos. Barkochba. Was sagst du, Freund, zu diesem Spiel? Dositheos. Ja, ein Spiel, Ein kindlich Spiel! so ganz erwünscht dem Feind. Barkochba. Dem Feind? Dositheos. Glaubst du etwa, daß jener Geist, Der un§ am Bau des Zionstempels hinderk. Daß er ein Haus begründen läßt im Eh'bund Zwischen Judäern und Samaritanern?