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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1891-09-04 · Heft 36 (4.9.1891) · p. Seite 429

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
55 (1891)
Issue
Heft 36 (4.9.1891)
Date
1891-09-04
Page
Seite 429 (sequence 9)
Language
German
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429 und Katholiken keilen sich und der Jude schreibt die Musik dazu", so vergißt inan, daß der Tondichter jener Religion angehörte, welche keine konfessionellen Engherzigkeiten kennt, sondern alle Menschen als Brüder betrachtet. Auch mllß man bedenken, daß das Berliner Judenthum, als Meyerbeer zum ersten Male auftrat, also in den ersten Jahrzehnten unseres Jahrhunderts, von allen Vorurtheilen und allein Klaffenhaß frei war. (Schluß folgt.) U FEUILLETON Prrnzesfin Sabtmth. Novellette von C. Berg. iFortsetzung.) Gehorsam hatte Rosa ihre kleine Hand in die elegante Rechte ihres Freiers gelegt, sanft und ergeben ihm ihre schöne Stirn zum Kuß geboten und mit frommem Schauder den hübschen Kopf gesenkt, da ihr Vater sie segnete. . . . Niemals, mit keiner Silbe, keinem Blick hätte sie gewagt, Einspruch gegen das ihr zuerthcilte Verlöbniß zu erhebe». Der Gehorsam ist eine der Kardinaltugenden der jüdischen Frauen und Mädchen, er ist ein Grundpfeiler im Hause Israel, ein Fundament all der unerschütterlichen Zusammengehörigkeit seiner Familien. Vielleicht, wenn man Rosa gefragt hätte, würde sie schüchtern gebeten haben, die unbefangene Freiheit ihrer zwanzig Jahre ihr noch ein Weniges zu gönnen. Jedoch ihre Elter» hielten diese Heirath für gut; gewiß, Vater und Mutter würden ihr nur das Beste rathen.. .. Und mit einem ganz kleinen Seufzer, der allein all die unausgesprochene Sehnsucht einer still geträumten, weltenfernen Seligkeit verrieth, gab sich Rosa Beer zufrieden, für eine glückliche Braut zu gelten. Wir wollen ein Faktum einem werthgeschätzten Leser nicht unterschlagen: Schönheit, Frische. Jugend, Herzensgüte besaß Rosa Beer — aber, aber, die Klügste war sie nicht. Nicht etwa dumm, behüte, aber entschieden, es war schon geschossen worden — vor ihrer Geburt! Aber so mäßig sich ihr Verstand auf der alltäglichen Fahrstraße der lieben Mittelmäßigkeit auch bewegte, so dürftig und selten ihr Esprit zum Vorschein kam, eines hatte Rosa schnell heraus gespürt: Wie sehr der Verlobte ihr auch an Geistesgröße überlegen war, an Festigkeit des Charakters, an durchgreifender Willensstärke durfte sie es dreist mit ihm aufnehmen. . . . Dieser Mann würde stets ihren Wünschen nachgeben — nicht heute und morgen, aber übermorgen, in einer Woche oder einem Monat sicherlich. Glaubt's nur, die klügste Frau weiß vielleicht ihr Leben lang die Vorzüge ihres Gatten nicht genügend zu ivürdigen, aber in einer einzigen schwachen Stunde hat die dümmste sicher alle Mängel ihres Gebieters entdeckt. . . . Die Hochzeit erfolgte ziemlich schnell. . . . Eine gemüthliche, fröhliche Hochzeit, der es aber keineswegs an einem gewissen Prunk und ein wenig Pomp ermangelte; denn Papa Beer war stolz darauf, sein Kind „in Ehren auszugeben". Ehe sie das Elternhaus verließ — ach, unter unzähligen Thränen —, legte Rosa Beer ein Gelübde in die Hände ihrer Mutter: „Schwöre mir, daß Du immer Gott fürchten werdest," sprach die alte Frau mit starker Stimme, „versprich mir, daß Du seine Gebote beachten und ihn niemals beleidigen willst, daß Du nie Deines Glaubens vergessen oder gar seiner Dich zu schämen erniedrigen könntest." Rosa gelobte feierlich, und sie that cs gern. Gottesfurcht war ihr nicht künstlich anerzogen oder okulirt worden, Religiösität war der Boden, das Erdreich, in dem sie ausgewachsen und gelebt' hatte, ein Element, das zu den Bedingungen ihres Lebens gehörte. Hermann Daniel stand daneben und sah mit sehr gemischten Empfindungen auf die beiden Frauen. Kritisch, gemüthlos, Berliner von Charakter wie von Geburt, mißbilligte er grundsätzlich alle sichtbaren Gefühlsaufwallungen. „Szenen mag ich nur auf dem Theater", bemerkte er oft mit wegwerfendem Spott. Thränen, Ceremonien und nun gar religiöse Gelöbniffe!... Das war ihmein Bischen zu viel des Heiligen, des Erhabenen. Er athinete auf, ordentlich wie erlöst, als man ihm endlich sein junges Weib überließ ... St! er würde ihr schon diese Ueberspanntheiten austreiben, auf der Hochzeitsreise war wohl Zeit, an dergleichen frommen „Mumpitz" zu denken. Uebrigens war er im Besitz seiner niedlichen Frau so überaus glücklich, daß er jenes kleine Ereigniß sehr schnell vergaß. Rosa war allerliebst. Und so dankbar, so frohmüthig über alles Neue, was sic sah und hörte; so entzückt von dem Vergnügen, welches dieser erste Ausflug in die große, ferne Welt ihr bot. Er führte sie nach München, nach Wien, — an allen Orten, wo Daniel sich mit seiner Neuvermählten zeigte, erregte ihre hübsche Erscheinung, ihre Frische bewunderndes Aufsehen. Bekannte, Freunde beglückwünschten ihn mit großer Wärme zu dieser lieblichen Gattin. Natürlich, das schmeichelte dem alten Knaben. Ein einzige?, winziges Wölklein überschattete den Himmel seines Glücks, ganz unbedeutend, fast unsichtbar, aber—es war da, und das störte und befremdete ihn. Rosa hatte Launen. Kleine, ganz kleine Absonderlichkeiten, aber doch fühlbar genug, die sich in manchmal geradezu hartnäckigen Ablehnungen von Speise und Trank äußerten, oder auf ein initunter ziemlich eigensinniges Verweigern hinausliefen, sobald es sich um eine Spritztour, eine harmlose, kleine Spazierfahrt oder andere Zerstreuungen handelte. Daniel stand vor einem Rüthsel. Er grübelte, er zermarterte sich den Kopf, was ihm denn zu manchen Zeiten sein Täubchen so unsanft verwandele. Schon wollte er sich mit der Unterschiebung allerhand physiologischer Ursachen trösten, die ja in der That sehr häufig bei Verstimmungen junger Frauen eine erklärende Rolle zu spielen Pflegen, da entdeckte er eines schönen Tages den wahren Urgrund all der Wunderlichkeiten seiner jungen Frau. Und diese Erklärung kam ihm so deutlich, so drollig und so — erzprosaisch vor, daß Daniel wirklich nicht wußte, sollte er darüber lachen oder sich ärgern. Gleich bei seiner Ankunft in Berlin begann sich das Unbegreifliche ihm zu entwirren. Die Flitterwocheir mit den mannigfaltigen Zerstreuungen der Hochzeitsreise waren verrauscht, nun hieß es heimwärts rüsten. An einem wundervollen Spätnachmittag im März traf das Pärchen in Berlin ein. Man bezog in der Linkstraße ein geräumiges, schönes Quartier, und Rosa war über alle Maßen von der angenehmen Lage, der prächtigen Einrichtung und bent Wohlstände ihres neuen Heims entzückt. Daniel weidete sich förnilich an ihrer naiven Freude an dem Besitz selbst der einfachsten und gebräuchlichsten Dinge. Der Anblick einer blitzblanken Kohlenschaufel, des großen, dickgebauchten Kupferkessels in der Waschküche verursachte ihr denselben Freudenrausch, wie die Betrachtung der schönen Stahlstiche und des goldstrahlenden Kronleuchters im Salon. Und wie köstlich amüsirte er sich über den Eifer, den sie ihr Amt als Wirthin anzutreten an den Tag legte. Was sie Alles zu thun hatte, die kleine Frau — schon in den ersten Abendstunden, wie beschäftigt sie war! Plötzlich kam sie hereingestürmt mit hochrothen Wangen: „Denke nur, Hermann, das Mädchen ist auch fremd in Berlin und weiß nicht Bescheid; sag' ihr doch, wo die jüdischen Fleischer feil haben." Das also war's. Daniel schlug die Hände zusammen. Uwe illae lacrimae .. .

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