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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1891-09-04 · Heft 36 (4.9.1891) · p. Seite 428

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
55 (1891)
Issue
Heft 36 (4.9.1891)
Date
1891-09-04
Page
Seite 428 (sequence 8)
Language
German
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428 übersetzen lassen, um für sich in der Synagoge Nachlesen zu können, was auch in der hebräischen Sprache vorgebetet und abgesungen wird, obwohl ihnen das lediglich anheimgestellt bleibt. Demgemäß werden Sie den hiesigen Bankier Jacob Herz Beer auf sein Gesuch abschlägig bescheiden, welches ich Ihnen hierdurch übertragen will. Berlin, den 28. Juni 1816. Friedrich Wilhelm." Hardenberg beschied demgemäß den Bittsteller in diesem Sinne. Er schrieb ihm am 12. Februar 1816 ii. A.: „Hiernach kann ich Ihnen nur überlassen, sich an die Aeltesten und Vorsteher der Gemeinde zu wenden, damit sie die erforderlichen Anordnungen treffen, den Mitgliedern derselben, welche der hebräischen Sprache nicht kundig sind, die Theiluahme an dem Gottesdienst zu verschaffen." Dieser Fingerzeig genügte unserm Beer, um alle Hebel in Bewegung zu setzen, den Gottesdienst wieder aufleben zu lassen. In dem Beer'schen Tempel wurde nunmehr der Gottesdienst nicht mehr als Veranstaltung Einzelner, sondern als Einrichtung der Gemeinde fortgesetzt, und der Saal diente so als Interims-Synagoge der Berliner jüdischen Gemeinde. Diese Veranstaltung erhielt die polizeiliche Erlaubnis; und 'wurde auch von; König durch eine Kabinetsordre genehmigt. Wir wiffen, das; man bereits im November 1818 435 Familienhäupter oder selbstständige Personen zählte, welche den Beer'schen Tempel besuchten. Hier predigten junge Leute, welche später einen bedeutenden Namen sich erwarben; ich nenne nur: I. L. Auerbach, C. S. Gnnsburg, Eduard Kley, Jsaac Aron Mannheimer rmd — Leopold Zunz. Die Reden des Letzteren sind 1823 in Berlin im Druck erschienen. Jacob Herz Beer heirathete die Tochter eines reichen Kaufmanns Liepmann Meyer Wulff, welcher am 6. April 1787 mit den Generalprivilegien und Rechten christlicher Kaufleute ausgestattet wurde, Namens Amalie. Das Bcersche Ehepaar übte in außerordentlicher Weise die alten Tugenden jüdischer Wohlthütigkeit. In den Salons der Familie verkehrten die namhaftesten litterarischen, musikalischen und Finanzgrößen jener Zeit, und auch die Mitglieder der höchsten Aristokratie sprachen dort vor. Die Eltern Meyerbeers besaßen auch im Thiergarten eine große Villa, welche namentlich durch den Geist Amalie Becrs der Mittelpunkt des geselligen Lebens von Berlin wurde. Die zwanglosen Vereinigungen am Sonntag Abend erfreuten sich großen Rufs und Zuspruchs und sie wurden häufig selbst von dem König Friedrich Wilhelm 111. beehrt, welcher auch dein verdienstvollen Wirken der edlen Frau iu den Befreiungskriegen durch Verleihung des Luisenordens Ausdruck verlieh. Es geschah dies durch den einstimmigen Beschluß des Luisenkapitels. Um bei der frommen Frau durch die Form des Kreuzes nicht anznstoßen, bestimmte der König, daß sie das allgemeine Ehrenzeichen erster Klasse, in Form eines Medaillons, am Bande des Luisenordens tragen solle. Von den Zeitgenossen, welche in ihrem Hause verkehrten, wie Heinrich Heine, Karl von Holte; u. A., wird ihre Wohlthätigkeit in lebhaftester Weise gerühmt. So schreibt der Erstere einmal in seiner „Lutetia": „Wohlthütigkeit ist die Haupttugend der Meyerbeerschen Familie, besonders aber der Mutter, welcher ich alle Hilfsbedürftigen und nie ohne Erfolg auf den Hals jage. Diese Frau ist aber auch die glücklichste Mutter, die es auf dieser Welt giebt. Ueberall umklingt sie die Herrlichkeit ihres Sohnes, wo sie geht und steht, flattern ihr einige Fetzen seiner Musik um die Ohren, überall glänzt ihr sein Ruhm entgegen, und gar in der Oper'), wo ein ganzes Publikum von Begeisterung für Giacomo in den brausendsten ') In Paris. Die Mutter begleitete ihn sehr oft anf seinen Reisen nach Frankreich, Italien re. Beifall ausbricht, da bebt ihr Mutterherz vor Entzückungen, die wir kaum ahnen niögen. Ich kenne in der ganzen Weltgeschichte nur eine Mutter, die ihr zu vergleichen wäre, das ist die Mutter des heiligen Boromäus, die noch bei ihren Lebzeiten ihren Sohn kanonisirt sah, und in der Kirche, nebst Tausenden von Gläubigen, vor ihm knieen und zu ihm beten konnte." Die Mutter, welche einen großen Einfluß auf die geistige und Gemüthsrichtung ihrer Söhne hatte, ließ ihrem Erstgeborenen neben den allgemeinen humanen Disziplinen auch in der hebräischen Sprache Unterricht ertheilen, und allezeit bewahrte er eine wohlthuende Pietät für seine angestammte Religion, welche er im Gotteshause des Vaters als Kind in frommer Andacht übte. Die Melodien, tvelche er später in mehreren seiner Opern anwandte, laffen den jüdischen Ursprung nicht verkennen; sie prägten sich dem Kinde und Jüngling mit unwiderstehlicher Gewalt ein, so daß er später noch unter ihren; Banne stand. Die tiefste Verehrung für seine gottesfürchtige Mutter begleitete Giacomo stets durch sein ganzes Leben. An; Tage der ersten Darstellung von „Robert der Teufel", November 1831 in Paris, empfing er bekanntlich einen Brief Amalie Beers mit der Aufschrift: „Zu eröffnen nach der ersten Vorstellung des Robert." Als nun am Abend der Vorhang zum letzten Male gefallen war und das jubelnde Publikum den großen Triumph des Komponisten stürmisch bezeugte, erbrach dieser den Brief seiner Mutter und fand darin die folgenden Worte aus 5. Buch Moses, Kap. 7, V. 24: Der Herr segne und behüte dich! Er lasse sein Antlitz über dir leuchten! Er bewahre dich und schenke dir den Frieden! Dieser Brief war für den Kiinstler ein wahrer Talisman; stets trug er ihn in seiner Brieftasche bei sich, und oft ging er in sein Zünmcr zurück, wenn er je einmal diese Brieftasche zufällig hatte liegen lassen. Von anderer Seite ist's schon ausgesprochen worden, daß unser;; Meister eben Pietät für die Mutter neben derjenigen zu Gott und zur Kunst recht eigentlich charakterisiren und daß diese ihn zu seinen herrlichsten Schöpfungen sichtlich begeistert haben. Gewiß lag es in diesen Reminiszenzen aus dem elterlichen Hause, daß seine ersten Kompositionen religiösen Charakters waren; so z. B. die Musik zu den Klopstock'schen geistlichen Gesängen, zun; 130. und 98. Psalm, die Oper: „Jephta Gelübde" u. a. m. Als sein Bruder, der 16jährige Wilhelm Beer, in den Befreiungskriegen zu den Waffen griff, um für das Vaterland Leben und Gut z» opfern, komponirte der Maestro Davids glaubensfreudigen 23. Psalm: „Gott ist mein Hirt", für zwei Chöre und fünf Solostimmen, welchen die Berliner Singakademie an; 12. Oktober 1813 aufführte. Selbst in seinen großen Opern der Mannesjahre, welche ihm die Unsterblichkeit errungen haben, ist das religiöse Moment unverkennbar. In „Robert" suchte er den Kampf der . beiden Grundprinzipien zu schildern; in den „Hugenotten" zeigte er in ergreifender dramatischer Weise den Gegensatz der zarten und leidenschaftlichen Empfindungen der Liebe gegen die Wuth des religiösen Fanatismus; und im „Prophet" ist es wieder der Fanatismus, welcher die Hauptrolle spielt. Und wie er lebte, so war auch sein Tod: ein gottergebner. Sein Testament schloß mit den Worten: „Gottes Wille geschehe! Sein Name, sei gelobt und gepriesen im Himmel und auf Erden! Amen!" Allezeit war und blieb er ein frommer, aber auch aufgeklärter Jude; er verstand es, die universellste, humanste Geistesbildung mit den Satzungen des Judenthums harmonisch zu vereinigen. Wenn man von antisemitischer Seite Meyerbeer später den Vorwurf machte, daß er sich anmaße, christliche Kirchenmusik zu komponiren und in Bezug auf die „Hugenotten" den schlechten Witz wagte: „Protestanten

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