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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1891-09-04 · Heft 36 (4.9.1891) · p. Seite 424

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
55 (1891)
Issue
Heft 36 (4.9.1891)
Date
1891-09-04
Page
Seite 424 (sequence 4)
Language
German
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dessen Entwickelungsdasein diejenige schöpferische Kraft nicht aufzufinden ist, welche,» das Tohuwabohu seine Wesenheit verdankt. Und wenn ich nun auch annehmen würde, jener als vorhanden zu denkende Urstoff habe vermöge der ihm innewohnenden Kraft sich bis zu den höchsten Stufen der einzelnen Formen weiter entwickelt, so verdankt er wiederum diese wunderbare Fähigkeit jenem Schöpfer, der die Urmaterie ins Leben gerufen. -Es müßte nun folgerichtig annehmbar erscheinen, daß jenes bildnerische Wesen, das nicht mehr existiren soll und existirt, sich in die Materie verloren habe und in ihr aufgegangen sei. Haben wir aber je beobachtet, daß die Erde, aus der sich Pflanzen u. s. w. entwickeln, in diesen aufgegangen wäre? Umgekehrt! Der Mensch kehrt zum Staube zurück, aus dem er geworden! Wenn des geschaffenen Wesens, sei es Thier oder Pflanze, Lebenskraft erlischt, schwindet, dann kehrt es zu seinem Urstoffe zurück; wenn es die partielle Entwickelungsfähigkeit verloren, wird des Wesens Stofftheil wieder der alte, unveränderte Stofftheil. So müßte aber folgerichtig auch die Gesammtmaterie sich einst ableben. Ein solcher Fall ist aber, wie wir gesehen, nur denkbar, wenn das Lebcnselixir sich abgenutzt hat, verbraucht ist. Was wird dann aus der Materie? Entweder sie ist nur ein Entwickelungsstadium des schöpferischen Ersten, so müßte sie in dieses wieder zurückkehren; da es aber als geschwunden angesehen werden muß, sobald der Zerfall der Materie beginnt, so bleibt nichts, worin die Materie zurückkehren kann; oder wir nehmen an, die schöpferische Kraft war selbstständig und verfügte sein ferneres Dasein in das Medium seines Wirkens, die Materie, dann drangt sich uns bald in verstärkter Weise das Sterbensollen und Nichtsterbendürfen auf, bald wehrt sich die einst ewige, selbstständige Schöpferkraft gegen den gigantisch auch ihren Gott mit sich fortreißenden Zerfallprozeß der Materie. Wir befreien aber wohl jenen erstell Bildner von der Nothwcndigkeit des unbegreiflichen eigenen Todes, wenn wir die allerdings nach menschlichen Begriffen nicht recht definirbare Vorstellung in den Vordergrund stellen und behaupten, daß jenes kreative Wesen als princeps linintli am Beginne der Naturgeschichte durch sein Wort, seinen Gedanken, kurz durch seine That ein Weltenchaos schuf, das die Fähigkeit besaß uird noch heute besitzt, daß aus ihm andere Wesen entstehen, die ihm ihren Ursprung wohl verdanken, aber ein mehr oder weniger höheres Dasein führen. Sowie wir Menschen aber wohl im Stande sind, Kunstwerke, namentlich geistiger Art, im Gedankenreiche auszuführen, mit denen wir „uns selbst übertreffen", dies aber nur thun infolge äußerer Anregung, so können und müssen wir folgerichtig auch behaupten, daß der Werdeprozeß der Materie wohl in dieser selbst begründet lag, daß dieser aber nur durch einen äußeren Beweger und Schöpfer vor sich ging. Und so wie wir imiiler neuer Anregrnrgen bedürfen, lim von Neuem und anders zn einpsinden, so wird wohl auch die schöpferische Erde unter dem beständigen Einflüsse ihres ewigen Schöpfers stehen. Gestehen loir nun einmal diesem allmächtigen, ewigen, allgegenwärtigen Wesen diesen unbeschränkten, nothwendigen Einfluß auf die Weltenkörper zu, ohne dasselbe irgendwie definiren und beschreiben zu können, so werden wir uns in unserer Abhängigkeit diesem Wesen unterzuordnen haben. Wir werden nicht behaupten können, daß wir zur Herrlichkeit geboren wären, daß wir nach freiester Willkür selbst schalten und walten könnten, zumal solange wir äußeren Eindrücken zugänglich sind, die nicht im Zusammenhänge mit unserer Ueberlegung stehen, — vorausgesetzt, daß diese sich selbst zu einer durchaus vollkommenen entwickelt hat. Kurz, wir werden den Bann dieser göttlich genannten Herrschaft nicht eher von uns thun dürfen, als bis ihn Gott selbst zerstört, gleichwie einstmals nach den Berichten der Geschichte Israel solange im ägyptischen Sklavenjoche schmachtete, bis sein Gott es befreite. Und daß auch das Judenthum dieser Idee huldigt, daß es sich den: göttlichen Willen völlig unterordnet, zeigt sich auch darin, daß wir den Gedanken der sogenannten Nationaljuden völlig verwerfen. Denn wenn wir auch hoffen und uns darnach sehnen, wieder einmal in die Lage zu kommen, in ungestörter Ausübung des göttlichen Willens zu leben und, wenn wir unsere priesterliche Aufgabe vollendet, im Weltenverein zu leben, so verwerfen wir doch jenes gewaltsame, „revolutionäre" Streben, nach unserem Ermessen möglichst früh „die Jahre der Vorzeit" wiederkehren zu lasten, von Neuem einen jüdischen Staat zu bilden. Wir harren vielmehr in voller Würdigung des Einflrisses, unter dem wir stehen, jenes Erlösers, der am Ende „dieser Tage" zu uns sprechen wird: Ihr seid frei, da das Menschen rin gen vollbracht ist; nun könnt ihr, nun sollt ihr leben. Das wird und kann aber nicht eher geschehen, als bis „die Erde voll ist der wahren Erkenntniß", die gegenwärtig mir unbeschränkte Eigenheit Gottes, unseres Schöpfers ist. Ich sprach vorhin vom priest erlichen Berufe des Judenthums, der reinen, erziehlichen, positiven Religion, und doch behauptete ich am Beginne meiner Auseinandersetzungen gemäß den Worten der Freidenker, daß auch das Judenthum „den Menschen der Bevormundung durch Kirche und Geistlichkeit entziehen" will. Es will mich bedünkcn — und die weiteren Ausführungen werden meine Vermuthung bekräftigen — daß der Urheber des „Katechismus" ein Christ, nicht auch ein Jude gewesen, der vielleicht selbst ein christlicher Geistlicher war, sich aber um das Wesen anderer Religionen , besonders der uns naheliegenden Glaubensform kaum bekümmert hat. Denn das Judenthum kennt keine Hierarchie; und man mag noch so energisch behaupten wollen, der Streit und die Auflehnung der Rotte Korachs erzähle doch von einer Herrschaft des Priesterthums, so lehrt der Bericht der Bibel, wovon allerdings die Geschichte des späteren Verfalls eine belanglose Ausnahme macht, daß dem nicht so ist. Schon der Mangel eines festen Besitzes bestreitet den Bestand einer Kirche als selbstständiger, partizipiellcr Gemeinschaft, der etwa habsüchtige Gelüste anhafteten. Vielmehr lehrt schon der als Priesteraufgabe bezcichnete Lebcnsberuf Israels, daß im Judenthum der Begriff „Priester" eigentlich nur den Sinn eines Lehrers, eines idealen, dem Materiellen fernstehenden Erziehers, der durch seine dem Höchsten geweihten Handlungen das Sinnen und Wollen seiner menschlichen Brüder zur Höhe führt. — Aber auch die von der heiligen Schrift selbst festgesetzte Aufgabe der Priester wird diese nach jüdischer Lehre von dem ominösen Charakter befreien, der in dem ersten Satze des Katechismus der Freidenker jedem Priesterthum einer positiven Religion imputirt wird. (Schluß folgt.) Nie Bäder der alten Hebräer. Von A. L. Wolf. Unsere Zeit hat den verschiedensten Einrichtungen, die selbst zum großen Theile für das „nackic Leben" entbehrlich sind, einen bedeutenden Spielraum eröffnet; kann man doch die ganze Thätigkeit einer großen Mehrheit unserer Mitbürger und namentlich Mitbürgerinnen lediglich in zwei große Abschnitte zerlegen — in eine Theater- (und Konzert-) und in eine Badesaison. Man liebt es ja unser Jahrhundert mit wenigen Worten zu charakterisiren, so spricht man von ihm in sozialer und politischer Beziehung als von einein „Jahrhundert der Fragen", in der Wissenschaft ist cs „das Jahrhundert der Naturwissenschaften"; vielleicht auch das „der Kongresse"? So kann man es in Bezug auf

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