Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 55 (1891)
- Issue
- Heft 36 (4.9.1891)
- Date
- 1891-09-04
- Page
- Seite 423 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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423 Sie wünschen also, geschätzte Freundin, eine Zusammenstellung von Titeln empfehlenswerther illustrirter Jugendschriften. Das Schreiben oder Abschreiben vieler und langer Titel hat immer etwas Beengendes für mich, so daß ich es zu umgehen suche. Ich schicke Ihnen daher unter Streifband verschiedene einschlägige Verlagskataloge, worin ich zur Warnung mit Rothstift und zur Empfehlung mit Blaustift illustrirt habe, und Sie ersehen zugleich, daß ich weder farbenblind noch ein Feind des Bunten bin. — Nur muß ich zur Erklärung und Rechtfertigung der vielen rothen Striche einige Bilder in Ansehung der Kunstleistung wie des Objekts näher rücken. So oft mir ein Spruch des weisen Salomo einfällt, empfinde ich auch ein tiefes Mitleid mit dem armen geplagten König. Sein Jammerbild, wie ich es zum ersten Mal in „Biblische Historien für die Jugend" (nicht von einem jüdischen Verfasser) gesehen habe, ist mir noch heute, und zwar nach mehr als fünfzig Jahren, lebendig lind konnte von keinem toeisen oder sonstigen Königsbild auch des besten Künstlers verdrängt werden. — Da sitzt der arme weise Mann auf seinem Richterstuhl, vor ihm steht ein grausiger Mensch, der hält in der Rechten ein Schlachtmesier, in der Linken ein splitternacktes Knäblein beim Beinchen. Das kopfunter in der Luft schwebende Kind krümmt sich wie ein Wurm. Rechts ein keifendes häßliches Weib, das mit seinen dürren Armen in der Luft fuchtelt, und seine krallenartigen Finger drohen ein ihr gegenüberstehendes Weib zerreißen zu wollen. Von dem Gesicht ihres Opfers ist zum Glück weiter nichts zu sehen als die Nasenspitze, welche zwischen den das Antlitz bedeckenden Händen hervorguckt. Der große, vor zwei streitenden Weibern sitzende König sieht zum Erbarmen aus; seine rechte Wange ist schwindsüchtig eingefallen, während, wahrscheinlich um das Gleichmaß wieder herzustellen, die Linke wie durch ein schlimmes Zahngeschwür zu einer vollständigen Halbkugel angeschwollen erscheint. Des Königs Haupt drückt ein schwerer Reif, mit Zinken, wie angenagelte Fleischerhaken. Wie gesagt, es ist schon lange her, ich bin grau geworden, aber das Bild ist mir immer frisch, und so oft es in mir auftaucht, stellen mir die Last der Krone und das leidende Gesicht die Frage: Was ist schwerer, eine Krone zu verdienen oder eine zu tragen? In einem Buche neueren Datums, welches unter Anderem auch Einzelnes aus dem Siebenjährigen Kriege in Wort und Bild geschichtlich zur Anschauung bringen soll, ist der Sieg einer großen Schlacht verherrlicht durch ein am Boden liegendes Pferd (ein alter Klepper, an dem nichts verloren ist), einige mit dem Tode ringende Soldaten, etwas Pulverdampf und einen in der Entfernung davonsprengenden Reitersmann. — An solchen tragischen Szenen haben Sie sicherlich wenig Gefallen, und so muß ich wohl zur Komik und zum Witz übergehen. Es thut mir leid, eine Warnungstafel anbcingen zu müssen. — Ohne Zweifel sind Sie auch der Ansicht, daß es schlecht, herzlich schlecht lim die Kinder bestellt ist, deren Führer zur Ordnung und Reinlichkeit der häßliche Struwelpeter sein soll. Und doch ist dieser häßliche Struwelpeter noch ein weißer Engel gegen die Taugenichtse eines andern vielverbreiteten Buches. Die bösen Bube ergötzen sich an raffinirter Thierquälerei; eine arme, alte Frau wird verhöhnt und geprellt; ein spindeldürrer Schneider wird nächtlicher Weise aus seinem Bette in einen Bach gefoppt, und dem Lehrer wird ruchlos mitgespielt. — So werden Schwächen und Gebrechen zum Gespött gemacht, und mancher muthwillige Junge empfindet den Kitzel zur Nachahmung. Vielleicht fehlt besagtem Buche noch eine Karikatur, deren Zerrbild recht geeignet wäre, als Stichblatt zur Verhöhnung einer ganzen Klaffe wirksam zu dienen. Jugendschriften und illustrirte Bücher von und für Israeliten haben ein sehr beschränktes Fach auf dem Büchermärkte. Ob diese Beschränktheit als Vor- oder Nachtheil zu betrachten ist, mag hier unerörtert bleiben. Wiederholt ist über Ungunst des Publikums und der Verlagsverhältniffe als die Ursache der Oede auf diesem Gebiete geklagt worden. — Jndeß darf eins schließlich nicht unerwähnt bleiben: nämlich solche Bilder, die als Zimmerschmuck zugleich Szenen des öffentlichen oder häuslichen religiösen Lebens zur Anschauug bringen sollen. Diese hat das Kind stets vor Augen, und darum sollte alles Anstößige und Unschöne vermieden werden. Das Kind soll das im Bilde Dargestellte lieb gewinnen und sich daran erbauen. Welche Vorstellung muß sich aber in einem Kinde bilden, wenn es in einem Vorgänge des religiösen Familienlebens als Hauptperson einen Greis sieht, der die Gemüthlichkeit und Weihe blos an einem tonnendicken Leibe, gehalten von einem Schlafrocke mit dickem Gurt, zur Schau bringt, mit Zugabe einer Frau, deren Haubenkrause bis auf die Augen herab fächelt — und einiger Kinder, die sich wie leblose Drahtpuppen repräsentiren. Nur das Beste ist den Kindern eben gut genug! U Der Katechismus der Freidenker. Von Bernhard Königsberger in Kattowitz. „Viel wird von den Freidenkern gesprochen, aber Viele wissen noch' gar nicht, um was es sich eigentlich bei diesen handelt." Diese letzteren Worte las ich eben in einem „Flugblatt der Freidenker", das mir von bekannter Seite zur Lektüre überreicht wurde. Ich betrachte es wohl mit Recht als den Katechismus dieses Kreises idealer Menschen; fühle mich aber veranlaßt, daffelbe zu besprechen und mit einem Kommentar zu versehen, da ein solcher fehlt und mir bei der geringen Verbreitung des Vereins als ein Bedürfnis; erscheint. Aber schon oft sind die Apostel einer Konfession deren Gegner geworden und durch den Versuch einer verständigen, geeigneten Auslegung zur Begründung einer neuen Lebensanschauung gelangt, welche die bisher verfochtene arg bekämpfte. Und gar viele Anhänger des alten Bekenntniffes wurden Theilnehmer dieser geistigen Metamorphose und fühlten sich in dem neuen religiösen Gewände recht wohl. Ich erinnere hierbei nur an den Stifter der christlichen Kirche, oder besser noch an den Reformator Luther. — Wird auch mir das werthvolle Bewußtsein zu Theil werden, daß alle diejenigen geschätzten Leser, in deren Augen mein Kommentar zum „Katechismus der Freidenker" gefallen, bei denen er ehrlich zugestandenen Beifall finden wird, sich zu meinen Worten bekehren? „Was wollen die Freidenker?" 1. „Der Freidenker will den Menschen der Bevormundung durch Kirche und Geistlichkeit entziehen und ihm lehren, daß sein wahres Heil nicht im Himmel, sondern auf Erden zu suchen ist." Untersuchen wir, wie das Judenthum sich zu dieser Forderung stellt — denn nur dieses geht uns in erster Linie an. Und da behaupten wir fest und unerschütterlich: Das Judenthum will den Menschen der Bevormundung durch Kirche (s. v. v.) und Geistlichkeit entziehen und ihm lehren, daß sein wahres Heil nicht im Himmel, sondern auf Erden zu suchen ist. Ja, so ist es! Denn es ist Grundbedingung der positiven Religion, ein göttliches Wesen als Leiter und Schöpfer des Alls anzunehnien. Und auch der wissenschaftliche Naturalismus vermag nicht über einen wenigstens ähnlichen Gedanken herauszukommen. Auch der unabhängigste Denker vermag die Frage nicht vollauf nach seinen übrigen Grundsätzen zu beantworten, woraus jener Urstoff entstanden sei, in