Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 55 (1891)
- Issue
- Heft 36 (4.9.1891)
- Date
- 1891-09-04
- Page
- Seite 422 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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422 wie wenig man selbst in palästiuafrenndlichen Kreisen von den türkischen Zuständen erbaut ist, liefert die in einem jüdischen Blatte neulich veröffentlichte Aufforderung eines Konsuls zur Einwanderung in die Türkei mit dem sehr weisen Zusatze, den Sultan zu bitten, er möge seine neuen Unterthanen vor den Quälereien seiner Beamten in Schutz nehmen. Wie es aber mit den Juden aussehen würde, wenn die sultanifche Gnadensonne ihnen nicht mehr wie jetzt leuchtete, zeigt nur zu sehr die schmachvolle Lage der Juden in den anderen mohammedanischen Staaten. Es ist nur nöthig, aus Marokko und Persien, von wo die Berichte über Verfolgungen erst zu uns gelangen, wenn die Abschlachtung der Juden längft vollzogene Thatsache ist, hinzuweisen. Es muß unsere erste Sorge sein, den vertriebenen Juden in einem freien, mit verfassungsmäßigen Rechten ausgestatteten Staat, der weder aus Gründen der Rasse, der Farbe, noch der Konfession und anderer die Moral nicht berührender Besonderheiten Ausnahmegesetze gegen irgend Jemand duldet, eine Heimath zu verschaffen. Den Hinweis auf Rumänien, den einzigen Verfassungsstaat ohne Gleichberechtigung, lasse ich darum nicht gelten, weil die Juden von vornherein vom Genuß der staatsbürgerlichen Rechte au§geyd)Xoffen wurden, indem man nur zu gut wußte, wie schwer es ist, von der Verfassung gewährleistete Rechte anzutasteu. Nach menschlicher Voraussicht erscheint die Entziehung der Emanzipation, wo sie auf alle Bürger ohne Unterschied ausgedehnt ist, als eine Unmöglichkeit, ganz besonders in Amerika. Eine größere Bürgschaft vermögen wir allerdings nicht zu geben. Selbst die Chinesen hatte man nicht den Muth, unter Ausnahmegesetz zu stellen, sondern mau begnügte sich, ihnen den Zuzug abzuschneiden. Die Widerlegung abbrewend, will ich noch einige Gründe anführen, die Palästina als ungeeignet zu größeren Ansiedluugeu darthun sollen. Palästina hat etwa die Größe einer preußischen Provinz und wurde 1850 von 600,000 Einwohnern bevölkert, so daß man nicht fehl geht, sie jetzt auf eine Million zu schützen; für eine morgenländische Provinz wahrlich genug mit Menschen gefüllt, wenn man erwägt, daß die Industrie in Europa die zahlreichsten Klassen ernährt, die in Asien des Stumpfsinns und der Bedürfnißlosigkeit der Türken wegen wohl kaum zur Blüthe kommen kann, was ich im Hinblick auf die russischen Juden auch gar nicht bedauern würde. Ein so kleines Ländchen kann eine noch größere Einwohnerzahl nicht ertragen, wenn der Ackerbau die Hauptbeschäftigung bilden soll, denn ein Landwirthschaft treibendes Volk beansprucht ein weit ausgedehnteres Gebiet als ein die Industrie pflegendes. Palästina ist jetzt schon zu volkreich zur Aufnahme einer halben, ja viertel Million Menschen. Mau vergesse auch nicht, daß mau am Anfang der Entwicklung ein Land nicht mit Menschen vollpfropfen darf; weil ein Volk um so eher gedeiht, je mehr seinem Ausdehnungstrieb freier Spielraum gelassen wird. Ein anderer Punkt ist der Preis von Grund und Boden. In einem dicht bewohnten Lande können nicht alle Hirschs und Rothschilds der Welt Ländereien für große Massen ankaufen. Große Gebiete, wie sie für die russischen Juden nöthig sind, können nur in sehr dünn bevölkerten Staaten erworben werden, wo die Bodenpreise niedrig sind, wenn anch das Urlaub erst durch mühselige Vorarbeiten in anbaufähiges umgewandelt werden kann. Was wollen die 5' 2 Millionen Quadratmeter Acker sagen, die Rothschild an die russischen Juden verschenkte. Hinter dieser angestaunten Zahl stecken noch lange nicht 2000 Morgen, die für etwa 100 Familien ansreichen. Wie, entschwindet nun denen, die für Palästina so eifrig plaidireu, unter solchen Verhältnissen nicht der Muth, auch nur '/-> Million Juden in das Land ihrer Sehnsucht zu versetzen und nicht nur mit Grund und Boden, sondern auch mit allen zur Bearbeitung erforderlichen Instrumenten und Viehmaterial, vielleicht auch noch für die erste Zeit mit Lebensmitteln zu versehen? Jst's denn wirklich so schwer einzusehen, daß selbst mit Baron Hirschs Mitteln die Kolonisation Palästinas nur in einem bescheidenen Umfang betrieben werden könnte, während in Argentinien oder anderen Theiten Südamerikas Uamw genug da ist, daß der Zuwachs von einigen Millionen wie ein Tropfen im Meer verschwindet! Noch weniger rathsam ist es, den jüdischen Stamm in alle Winde zu zersplittern. Mur größere Niederlassungen, das ist sehr im Auge zu behalten, werden in sich die Gewähr bergen, Achtung einzuflößen und gegen allerhand Anfechtungen unb Anfeindungen von außen gefeit zu sein. Was zu allerletzt, aber am wirksamstell gegell das heilige Land spricht, das ist das neueste Dekret des Sultans, das für jeden einzelnen jüdischen Einwanderer erst die Genehmigung des Ministeriums verlangt, womit ja eigentlich die Palästinafrage erledigt ist. Nur große, schwach bewohnte Gebiete können bei diesem schwierigen Hilfswerk in Betracht kommen, und es ist erfreulich, daß mall sich an maßgebender Stelle in dieser Ansicht nicht beirren läßt. ' Bernhard Traubenberg. Neuerdings richtet sich die Aufmerksamkeit der betheiligten Kreise auch aus Venezuela, wo der Kongreß jüngst ein außerordentlich günstiges Einwanderungsgesetz erlassen hat. Ferner ist die Rede von Anatolien, wo der unermüdlich thätige Baron Hirsch an dem Bau der kleinasiatischen Bahnlinie von Angora bis Diarbekir sich mit einem Kapital von 50 Millionen Francs betheiligen will, um durch diese Bahn die Ansiedlung russischer Juden in Kleinasien zu erleichtern. Natürlich wird dieser neueste Plan des Barons Hirsch seiterls der türkischen Staatsmänner eine eingehende Beachtung verdienen, zumal die sonst so schweigsame Konstantinopeler Presse anläßlich dieser Meldung einen ganz ungewöhnlichen Lärm geschlagen hat. Voran gingen die Zeitungen der Griechen, welche augenscheinlich mit richtigem Instinkt von der Durchführung des Projektes die Zertrümmerung des griechischen Handels in Kleinasien fürchteten. Sie bezeichneten es daher für unmöglich, daß die Pforte die Hirschschen Vorschläge gutheiße, sonst sei es mit den jetzt in Kleinasien vorherrschenden friedfertigen Zuständen zu Ende. Die Pforte solle bedenken, daß nach Einwanderung der Juden sofort in den asiatischen Provinzen des Reiches derselbe Nationalitätenkampf entbrennen würde, der zum Verlust der meisten europäischen Provinzen geführt habe. Auch die beiden in Konstantinopel erscheinenden armenischen Zeitungen suchen in längeren Artikeln darzulegen, daß selten eine Frage für den Bestand des osmanischen Reiches von so einschneidender Bedeutung gewesen sei, wie der vorliegende Kolonisationsplan des edlen Philanthropen. U Pädagogische Briefe. Von A. Treu, Seminarlehrer in Münster. VII. Das Sein und Nichtsein der poetischen Erzeugnisse für die Jugend bezieht sich auch auf dm Bilderschmuck. Wir leben in der Zeit der Illustration; das allerprosaischste Fabrikat erhält seinen Taufschein und Reisepaß nicht aus dem Tintenfaß, sondern aus dem Farbekasten; Seife, Stärke, Magenbitter und Glanzwichse preisen sich in des Künstlers Ausstattung an. Da wäre es gar zu wunderbar, wenn die geschäftliche Reklame sich nicht auch der Litteratur für die Jugend bemächtigt hätte; dieweil nach dem Sprichwort Bilder für Laien und Kinder Schrift und Bücher sind. Das Sprichwort hat im guten Sinne Recht, denn Bilder sollen verdeutlichen, wenn das Wort nicht ausreicht; sie sollen Naturtreue und Wahrheit zur Anschauung bringen, nützlich zu betrachten und eine Lust für die Augen. Bilder sollen den Geschmack bilden, aber nicht verwildern: sie sollen nicht die Lust am Spott reizen, nicht das Erhabene und Ehrwürdige in den Staub ziehen, noch Schwächen und Gebrechen einzelner Menschen als Zerrbilder ganzer Klassen hinstellen. Und gerade jetzt, da sich Spott für Witz ausgiebt, Parteileidenschaft sich in den Mantel guter Gesinnung hüllt, die Schmähsucht sich im Stuhl des Kritikers behaglich wiegt, ist doppelte Vorsicht geboten, der Jugend die Lockvögel fern zu halte», deren buntes Gefieder auf den Leim und in das Berderben führt.