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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1891-08-28 · Heft 35 (28.8.1891) · p. Seite 3

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
55 (1891)
Issue
Heft 35 (28.8.1891)
Date
1891-08-28
Page
Seite 3 (sequence 15)
Language
German
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3 Krlgien. * Brüssel, 20. August. Ueber die weitere Behandlung der Inden frage auf dem internationalen Arbeiterkongreß wird gemeldet: „Abraham Cahn-New-Dork erklärt, er sei nur der Judenfrage wegen zum Kongreß gekommen, aber in feiner Eigenschaft als sozialistischer Arbeiter, denn man kenne in Amerika die Militärsrage und die Judenfrage. Wir sind gegen den Militarismus, denn wir wollen keinen Krieg zwischen den verschiedenen Nationen unb verwerfen jeden Rassenkrieg wie auch einen antisemitischen oder Bürgerkrieg. Da der Kongreß seine Sympathien für die Londoner Tischler ausgesprochen habe, so könne er es auch für die verfolgten jüdischen Proletarier, weiche sich an dem glorreichen Kampf für die Emanzipation des Proletariats betheiligen wollen. (Anhaltender Beifall.) Berichterstatter Volders hält es für überflüssig, dem Kongreß den Ansdruck seiner Sympathien für die Juden vorzuschlagen, „denn wir sind immer für die Verfolgten und gegen die Verfolger. Die Judenfrage ist erfunden worden, um den Sozialismus zu hemmen, wie sie auch von christlichen Kapitalisten, die nicht so geschickt wie die Juden sind, hervorgerilfen worden ist." (Frenetischer Applaus.) Der Berichterstatter überreicht den Beschluß, die jüdische Arbeiterbevölkerung einzuladen, sich mit der sozialistischen Arbeiterpartei 31t vereinigen, und daß es nicht nöthig sei. die Jndenfrage zu diskutiren. Argyriades verlangt dringend, die judenfrenndliche wie die jndenfeindliche Agitation zu vernrtheilen. Das Büreau schlägt ein Amendement vor, welches schließlich mit großer Majorität angenommen wird. Regnaud (Franzose) motivirt sein feindliches Votum, da er ein Gegner Rußlands und selbst der französisch-russischen Allianz sei, wenn auch Franzose. Er betrachte die jüdischen Kapitalisten als eine Gefahr für den Sozialismus." Holland. * Amsterdam, 24. August. Das bedeutendste Journal Hollands, die Amsterdamer Handelszeitung, veröffentlicht den Ausruf eines Komitees, welches sich in Amsterdam zur Unterstützung der russischen Juden bildete. Diesem Komitee, an dessen Spitze der ehemalige Bürgermeister von Amsterdam, G. van Tieuhoven, der Berather der Königin-Regentin und gegenwärtige Minister-Präsident, steht, gehören die ersten Persönlichkeiten Amsterdams, unter ihnen mehrere christliche Geistliche: Dr. P. Deetmann, Dr. E. Laurillard, Dr. M. A. Perk, und Andere an. In dem Aufrufe wird der barbarischen Verfolgung der Juden in Rußland erwähnt und darauf hiugewiesen, daß von jeher Holland das Land der religiösen Toleranz, das Land, welches sich der uni ihres Glaubens willen Verfolgten angenommen, gewesen sei. Dem Beispiele Amsterdams folgend. fiut> auch in anderen größeren holländischen Städten derartige Hilfskomitees in Bildung begriffen. * Schweiz. -/V« Litze r«, 19. August. Soeben wird mir die traurige Nachricht, daß den 14. d. M. der 97 jährige Generaladjutant Graf Alexander Grigorowitsch Stroganoff, der gewesene Neurussische General- Gouverneur in Odessa, verschieden ist. Die Juden haben zu jeder Zeit ein dankbares Andenken für Diejenigen gehabt, die ihnen Wohlthaten erwiesen haben. Und ein solcher edler, humaner Mann in des Wortes schönster Bedeutung war der Verewigte. Vor einer Reihe von Jahren an die Spitze von Neurußland und Beßarabien gestellt, entwickelte der Heimgegangene Graf Stroganoff eine seltene Thätigkeit zum Wohle der Provinzen, die seiner Verwaltung übergeben worden waren. Nach der Thronbesteigung des Kaisers Alexanders II., des Wohlthäters der Juden, war es Graf Stroganoff, der ein Memoire über die Juden überreichte. In dieser Denkschrift plädirte er für die Sache unserer Glaubensgenossen von dem Gesichtspunkt des Staatsmannes und russischen Patrioten. Er weist darin nach, daß es im Interesse des Landes ist, ihre Rechte nicht nur zu schmälern, sondern im Gegentheil ihnen alle Rechte zu geben. — Bei keiner Gelegenheit unterließ er es, mit der ganzen Macht seiner Ueberzeugung für sie einzutreten. Als in Odessa die Reform der Städteverwaltung eingeführt wurde, wurde Graf Stroganoff zum Stadtverordneten gewählt. Er hatte früher schon auf seinen Posteil als Generalgouverneur verzichtet und lebte als einfacher Privatmann in Odessa. Ein Mann von tiefer Gelehrsamkeit, der auf der Heidelberger Universität sich den Doktorhut erworben, interessirte er sich für die Judell. verkehrte mit vielen von ihnen. In einer Sitzung der Munizipalität wurde eine§ Tages die Frage über den Zuschuß aus städtischen Mitteln für das jüdische Hospital debattirt. Viele waren dagegen. Da erhob sich der greise Gras Stroganoff und es wuiHe still im Saale. In wenigen eindriilglichen Worten wies er darauf hin, welchen Nllhen das jüdische Hospital der Stadt gewähre, tnbent es Kranke ohne Unterschied der Konfession aufuehme. Es ist eine Pflicht der Dankbarkeit, sagte er, daß die Stadt dieser nützlichen Anstalt eine jährliche Subvention von 9000 Rubeln gewähre. Selbstverständlich wurde fein Antrag einstimmig angenommen. Ich habe llur einen Zug aus seinem thatenreichen Leben genommen, um dessen Geist und seine Anschauungen zu charakterisireu. Hätten wir in Rußland viele seinesgleichen, dann wäre die Lage unserer vom Schicksal so schwer heimgesuchten Glaubensgenossen eine bessere. — Es war mir ein Bedürfnis des Herzens, unter dem schmerzlichen Eindruck der Trauerbotschaft in gedrängter Kürze eine Charakteristik des Entschlafenen zu geben. In den 9111^1611 der jüdischen Geschichte wird sein Name in goldenen Lettern für immer in der Reihe der Wohlthäter unseres Stammes verzeichnet werden! (S. die Misc.) Großbritarnnerl. * London, 23. August. Der „Record" veröffentlicht als interessanten Beitrag zur Lösung der Judenfrage zum ersten Male ein Schreiben, welches der große englische Philanthrop Lord Shaftesbury 1840 an Lord Palmerston richtete, um Palästina für die Juden zu erwerben. Shaftesbury war damals noch nur Lord Ashley. Die syrische Frage war 1840 gerade den vier Centralmächten zur Entscheidung vorgelegt worden. Mit warmer Beredsamkeit drang Lord Ashley in den britischen Premierminister, eine so herrliche Gelegenheit, Palästina der Gesittung zurückzugeben und die Juden in das gelobte Land zu führen, nicht unbenutzt vorübergehen zu lassen. Der ungeheuerkühl geschäftsmäßig veranlagte Lord Palmerston warf den Brief wahrscheinlich als Erzeugniß eines menschenfreundlichen Träumers bei Seite. Wie erwähnt, wird er jetzt zum ersten Male veröfferrtlicht. Heute wird man Lord Shaftesbury und dessen Plan wahrscheinlich mehr Gerechtigkeit widerfahren lassen. Nußland. * Petersburg, 19. August. Zur Frage der Auswanderung der russischen Juden aus Rußland schreibt die „Nowoje Wremja": „Man meldet aus der Provinz, die Altswanderung der russischen Juden sei in der letzten Zeit ins Stocken gerathen; mail treffe auf ben Straßen bereits seltener auf die Partiell der Auswanderer, und auch ihr Zustrom nach Berlin, Wien und Lolldon sei jetzt bereits sehr viel weniger stark." Es ist eine eigenthümliche Beleuchtultg dieser offiziösen Meldung, wenn zur selben Zeit aus Odessa berichtet wird, daß etwa 5000 Juden, zum größten Theil Grundbesitzer, Ausweisungsbefehle erhalten haben. * Moskau, 20. August. Die hiesige Polizeibehörden haben kürzlich Befehle erhalten, welche den Vermerk trugen „Absolut geheim". Die Wirkung dieser neueil Befehle wird seit!, jeden Juden aus der Stadt zu vertreiben. Nur die Kaufleute der ersten Gilde, 100 an der Zahl, sind ausgenommen. Da aber die Gildenscheine jedes Jahr erneuert werden müssen, so ist es sehr wohl möglich und vielleicht wahrscheillkich, daß vor Jahresschluß der Befehl ertheilt wird, keine Juden mehr in die erste Gilde aufzunehmen. Eine solche Maßregel würde unnöthig sein. Jüdische Kaufleute dürfen gesetzlich keine Christen als Kommis beschäftigen. Weist die Negierung alle jüdischen Kommis aus, so macht sie auch den Prinzipalen den Aufenthalt in Moskau unmöglich. Jeder ausgewiesene Jude hat zwei Monate Frist erhalten, um seine Angelegenheiten zu ordnen. Früher gewährte man ihnen sechs Monate. — Aus einem Cirkular des Generalgouverneurs von Irkutsk geht hervor, daß das Juden-Wohnsitzrecht nicht auf Sibirien ausgedehnt ist, so daß Mechaniker, Brauer, Brenner und andere Handwerker mosaischen Glaubens, die im europäischen Rußland außerhalb des Rayons des Wohnsitzrechtes sich niederlassen dürfen, solches doch nicht in Sibirien thun können. Die Frauen nach Sibirien verbannter Juden dürfen ihnen folgen und dabei Söhne im Alter bis zu fünf, Töchter in dem bis zu zehn Jahren mit sich nehmen. Aber sie müssen die Reise gleichzeitig mit ben Verbannten antreten, da ihnen die Nebersiedelung zu späteren Terminen nicht gestattet wird. Es sollen in letzter Zeit viele Juden nach — Sibirien ausgewandert sein. Türkei. * Aaffa, im Juli. Aus P aris ist im Aufträge des Barons Edmond v. Rothschild Herr Disengoff, ein Techniker aus dem Pariser Polytechnikum, hier eingetroffen. Er soll in Rischon l'Zion eine Glasfabrik

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