Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 55 (1891)
- Issue
- Heft 35 (28.8.1891)
- Date
- 1891-08-28
- Page
- Seite 2 (sequence 14)
- Language
- German
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deren Häupten sich das herrliche Denkmal, ein schwarzer Obelisk, erhob. Nachdem der Synagogenchor das Mendelssohnsche: „Selig sind die Tobten" intonirt hatte, hielt der Rabbiner Herr Dr. Selver die Weiherede, in welcher er den Entschlafenen als das Muster eines treuen und hingebenden Seelsorgers pries. Für den in corpore erschienenen Vorstand ergriff der Vorsitzende desselben. Herr Kommerzi enrath Blumenthal, das Wort. Er hob hervor, wie das Andenken an den allverehrten Führer der Gemeinde zwar unvergänglich im Herzen jedes Einzelnen bestehe, daß man aber das Denkmal als ein äußerlich sichtbares Zeichen errichtet habe, um kommenden Geschlechtern t»on seinen hohen Verdiensten, seinem lauteren und makellosen Charakter Kunde zu geben; alsdann übergab er dasselbe der Familie. Von dieser wurde es unter dem Ausdruck wärmsten Dankes durch den ältesten Sohn übernommen, während der jüngere, Herr Dr. Richard Landsberger, zum Geburtstag einen Kranz am Grabe niederlegte, wobei er ein kurzes, treffendes, tief empfundenes Charakterbild des Dahingeschiedenen entrollte. Gesang schloß die erhebende Feier, welche auf jeden der Teilnehmer einen nachhaltigen Eindruck hinterlassen hat. Bielefeld, 20. August. Am 16. August hielt der Verband der Synagogen-Gern e in de n Westfalens seine zweite ordentliche Ansschußsitznng im Kölnischen Hof zu Dortmund unter dem Vorsitz des Herrn M. Katzenstein-Bielefeld ab. Der rege Besuch der Sitzung bewies, welch' großes Interesse mall allgemein denl jungeir Verband entgegenbriugt. Deil ersten Punkt der Tagesordnung bildete ein Bericht des Schriftführers Herrn F..Coblenz-Bielefeld über die seitherige Thätigkeit des Verbandes. Wir hebell daraus Folgendes hervor: Es gehören dem Verband bis jetzt die sämmtlichen großen, sowie die meisten mittleren und kleineren Gemeindeil unserer Provinz an. Für diejenigen Gemeindeil, welche eines geprüften Kultusbeamten Ulld Religionslehrers ulld mithin auch eines geordneteil Neligioilsunterrichtes entbehren, wurde die Abhaltung von deutschell gottesdienstlichen Vorträgen durch sogen. Wanderprediger, sowie die Vertheilung geeigneter Erbauungsschriften eingeführt. Die bis jetzt in dieser Hinsicht erzielten Erfolge elltsprechen durchaus ben gehegten Erwartungen. Unter Anderem sind zwei besollders geeignete Predigten bereits als Flugschriften in zahlreicheil Exemplaren in sämmtlichen kleinen Gemeinden uilserer Provinz zur Vertheilung gebracht. Drei Gemeinden erhalten durch Vermittelung und pekuniäre Ullterstützung seitens des Verbandes einen Lehrer; mit zwei weiteren Gemeinden sind Verhandlungen im Gange. Mit besonderer Geuugthnnng heben wir hervor, daß der Gemeindebund dein Verband seine t hatkräftige Unterstutzu ng zugesagt hat. lieber die Gebetbuchfrage-Hat das Mitglied der Kultuskommisston Herr I. Rlihstadt-Soest eine Arbeit eingereicht. Behufs geeiglleter unb wirksamer Bekämpfung der ailtisemitischen Bewegung übermittelte der Verband den betheiligtell Gemeinden seine Allsichten. Einen weiteren Punkt der Tagesordnullg bildete die Vorlage eilles Entwurfs über die Regelung des Armeuwesens innerhalb der jüdischen Gemeinden Westfalens. Herr Liebenfeld-Bochum hatte nach Muster des Bochllmer Armenverballdes den Entwurf ausgearbeitet und diese Arbeit, die viel Zeit, Mühe und Umsicht erforderte, in meisterhafter Weise ausgeführt. Der Verband hieß den Entwurf gut und tritt demnächst in die Agitation zur Verwirklichung desselben ein. Auch konstituirte sich der Ausschuß als Provinzialkomitee im Anschluß an das deutsche Centralkomitee für die russischen Juden. Die Beschlußfassullg über den Lehrplall für den Religionsunterricht der jüdischen Volksschulen mußte vertagt werdeil, weil die Kommission die Vorarbeitell noch nicht ganz erledigt hatte. Einstimmig erklärte sich der Ausschuß bereit, etwa au ihu her an treten den G esuchen, für die Oe ffentlichkeits-Er klär ung jüdischer Privatschnlen zu wirkell, bereitwilligst Folge zu geben. Schließlich wird der Verband es sich ailgelegen fein lassen, die Einführung eines regelmäßigen Jugendgottesdienstes in den größeren Verballdsgemeillden zu erstreben. Dies in kurzen Zügen ein Bild seiner bisherigen Thätigkeit. Zur Erfüllung der Aufgaben, die er sich gestellt, ist also ein kräftiger Anfang gemacht. Mögen diejenigen Gemeinden unserer Provinz, die bis heute ihm fern gestanden haben, daraus Veranlassung nehmen, sich ihm anzuschließen, uni auch ihrerseits das gute Werk fördern zu helfen zum Heile der Judenheil Westfalens. Ostrowo, 19. August. Große Freude herrscht heute in unserer Gemeinde bei der Nachricht, daß der Präses unseres Korporations- Vorstandes, Herr Oekonomie-Kommissar David Goldstein, mittels Allerhöchsten Patentes vom 27. Juli durch Se. Majestät zum Oekonomie-Kommissions-Rath ernannt worden. Es ist dies gleichzeitig ein Ehrenmal für unsere Gemeinde, da Herr G. als hiesiges Kind sich aus kleinen Verhältnissen, aus eigener Kraft zu dieser Stufe emporgeschwungen, und es muh als höchst anerkennenswerth bezeichnet werden, daß derselbe neben seinem Staatsamt seit Jahren sich der mühevollen Verwaltung der Gemeinde mit regem Eifer und selbstloser Hingabe widmet. Bemerkt sei noch, daß Herr G. unseres Wissens der einzige nuferer Glanbensvrüder in Preußen ist, der dieser Kategorie höherer Staatsbeamten angehört. Daß Herr G. zugleich bei der christlichen Bevölkerung in hoher Achtung steht, beweist der Umstand, daß er seit Jahren in der städtischen Verwaltung als Stadtrath und in letzter Zeit zum Mitglied des Kreisausschusses ernannt wurde. Leipzig, 23. August. Man konnte es eigentlich vorausfehen. daß das Urtheilder öffentlichen Meinung über den neuen Antisemitenführer Paasch bei seinen Anhängern die entgegengesetzte Wirkung wie bei allen vernünftigen Menschen Hervorrufen würde. In der That wird auch Herr Paasch von seinen Getreuen als Märtyrer" weidlich ausgenutzt. So war für vorgestern im Hauptquartier des Autisemitismus, in Freiberg, eine „große" Versammlung im „großen" Saale der Union einberufen, in welcher Herr Dr. Edwin Bauer von hier über den „Sensationsfall Karl Paasch" sprechen sollte. Das Einladungscirkular, welches sehr stark auf den sächsischen Partikularismus spekulirt, versteigt sich zu der Phrase, daß die Verhaftung Paaschs dazu angethan sei, „das Rechtsbewußtsein weitester Bevölkerungsschichten zu beleidigen". Antisemiten und Rechtsbewußtsein! Man denke! Oesterreich - Ungarn. Wien, 15. August. In Prag sind gestern Abend die Wiener Antisemiten 500 Mann stark unter Anführung des Mechanikers Schneider glücklich angekommen. Im Zuge befanden sich noch ein zweiter Wiener Reichsrathsabgeordneter mit dem nicht ganz unverdächtigen Rainen Schlesinger, zehn Wiener Gemeinderäthe und fünfzehn Bezirksausschüsse. Von den czechischen Führern Vaschaty und Brzeznowsky geleitet, begab sich 31t Wagen und zu Fuß unter begeisterten Slava- Zurufen einer zahlreichen Volksmenge durch die Stadt zur Sophieninsel, wo ein großes, „überaus zahlreich besuchtes" Festbankett stattfand, welchem unter Andern auch der Obmann des Prager Ausstellungs- Ausschusses, Graf Zedtwitz, beiwohnte. Stadtverordneter Brzeznowsky begrüßte die Versammlung als einen Beweis, daß es unter den Deutschen noch redliche Leute gebe. Schneider sprach die Hoffnung aus, daß die christlichen Nationen Oesterreichs sich einigen würden, wenn sie erkennen, daß die jüdischen Elemente, welche sich zwischen ihnen breitmachen und auf Aller Kosten bereichern, ihre wahren Feinde sind. Auch sonst zeigte sich Versöhnlichkeit zum Zweck gemeinsamer Judenabschlachtung, was wohl auf die bisherige Begeisterung der Wiener offiziösen Blätter für die Prager Ausstellung etwas abkühlend wirken dürfte. 3> Karlsbad, 22. August. Dem hier in Karlsbad verweilenden Baron von Hirsch wurde von einem russischen Kurgast, dem Rechtsanwalt Beith-Hillel, eine schriftliche Darstellung über die jüdische Frage überreicht. Das Promemoria, welches in Englisch und Deutsch übersetzt werden soll, hat folgende Grundideen: 1. Die jüdische Frage entspringt lediglich der Konkurrenz der Juden mit den Stammeinwohnern auf ökonomischem, politischem, geistigem und allgemein sozialem Gebiete. Alle anderen, oft angeführten Momente sind nur vorgeschoben. 2. Die Frage kann niemals durch Uebersiedeln der Juden in ein anderes Land oder durch Veränderung der Beschäftigung gelöst werden, denn hiermit wird nur eine Versetzung der Frage, keine Lösung erzielt: im neuen Lande unb bei der Beschäftigung mit Ackerbau wird wieder eine Konkurrenz mit den Stammeinwohnern zu Tage treten. Solche Fehler haben die Juden schon mit der Uebersiedelung aus Spanien nach Polen und öfter gemacht. 3. Die Frage kann nur gelöst werden durch Okkupation eines solchen Landes, wo noch keine Spur von Kultur vorha nden ist, wo die Juden erst selbst Kultur eintragen müssen, als erste Kultur-Einwohner, — d. h. des Landes der Wilden im dunkelsten Afrika, — dort müssen die Juden denselben historischen Prozeß durcharbeiten/ wie andere Völker in ihren Ländern. 4. Ein Präzedenz findet man in der Politik Mose, der die Inden aus Aegypten nicht in ein schon fertig kultivirtes Land führte, sondern sie zwang, in das noch nicht kultivirte Kanaan zu wandern. 5. Palästina kann jetzt zu diesem Zweck aus vielen Ursachen ittd)t dienen. 6. Die Okkupation ist möglichst unter dem Protektorateines civilisirten Staates vorzunehmen. — Die Idee hat viel Gemeinschaftliches mit dem bereits in Ihren! Blatt gemachten Vorschlag eitles Ungenannten.