Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 55 (1891)
- Issue
- Heft 35 (28.8.1891)
- Date
- 1891-08-28
- Page
- Seite 417 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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WMMWWMDWMWWWWWWWWWffWWM! - 417 - Mannes unwürdige Ulk kaum einen Platz in der Ausstellung gefunden haben, wenn nicht der Künstler durch den Besitz der großen goldenen Medaille dem Urtheil der Hängekommission entrückt wäre. Wie im Leben so ist auch in der Kunst Hohes und Niederes, Erhabenes und Gemeines hart bei einander. Wir erfuhren dies, als wir Böcklins frazenhaftes Bild verließen und unsere Blicke Julius Rehder's „Hiob" zuwandten. Ausgemergelt zum Gerippe, das von einem grauem Barte umrahmte Haupt von Kummer gebeugt, sitzt der Dulder aus dem Lande Uz auf dem Strohlager, im Hintergründe sind seine drei Freunde zu sehen. Alter und Siechthum, Sorge und Noth haben Hiobs Antlitz in tiefe Falten gelegt. Der Maler hat es verstanden, das Herbe, Bittere, den Leidenszug in des Greises Gesicht treffend wiederspiegeln zu lassen. Ein feierlicher Ernst, die Weihe des Schmerzes agert über dem ergreifenden Gemälde. * * * Während selbst der eingefleischteste Antisemit es nicht wagt, Heinrich Heines dichterisches Talent in Zweifel zu ziehen und vielleicht selbst „nicht weiß, was es bedeuten soll", daß ein Jude das herrliche Lied von der Lorelei gesungen, während trotz aller Bayreuther Fanfaren das „Judenthum in der Musik" eine recht ansehnliche Reihe stolzer, allgemein anerkannter Namen aufzuweisen hat, Pflanzt sich die durch nichts begründete Behauptung, „die Juden hätten kein Talent für die bildenden Künste", noch immer von Mund zu Munde. Gedankenlos wird wiederholt und dient unseren Gegnern als Stütze für Theorie von der Inferiorität der semitischen Rasse. Allein schon ein flüchtiger Rundgang durch die internationale Kunstausstellung, die uns in großen Zügen ein deutliches Bild des kiinstlerischen Schaffens der Gegenwart bietet, belehrt uns zur Genüge, daß jene Behauptung mit den offenkundigen Thatsachen im Widerspruch steht, so das; nur Denkfaulheit und gehäffige Verlogenheit, welche ihre Augen absichtlich dein Lichte verschließen, an ihr festzuhalten vermögen. Wie auf jedem Gebiete der Kunst und des Wiffens stellt auch hier das Judmthum sein Kontingent. Den Künstlern aus Judas Stamme, >vie ihren Genoffen, die Christi Lehre bekennen, rufen wir mit dem Dichter zu: „Erhebet euch mit kühnem Flügel Hoch über euren Zeiteulauf! Fern dämmere schon in eurem Spiegel Das kommende Jahrhundert aus. Auf tausendfach verschlungnen Wegen Der reichen Mannigfaltigkeit Kommt daun umarmend euch entgegen Am Thron der hohen Einigkeit! U FEUILLETON Prrryefsin Satckath. Novellette von C. Berg. Glaubt nur nicht, daß ich von einer arabischen Märchenprinzessin erzählen werde, und laßt euch nicht von dem prunkenden Titel da oben ein wenig zum Besten haben. Arabien und Prinzessin — unsere Heldin! Du liebe Zeit, wie käme sie auch dazu! Sie war ihr Lebtag weder in Arabien noch in Arkadien. Nicht einmal ihre Wiege stand in letzterwähntem schönen Lande; sondern unter uns gesagt: ganz still und bescheiden schaukelte man sie im Großherzogthum Posen, in Schrimm, Schroda, Bomst oder sonstwo in einer der erlauchten Residenzen des berühmten Hexameters. Auch sonst war wenig Priuzessiunenhaftes an Rosa Beer, der ältesten Tochter eines kleinen Posemuckelschen Kaffee-, Zucker- und Manufakturwaarengeschäfts, zu vermerken. Rosa Beer, deren Bekanntschaft ich jetzt das unschätzbare Vergnügen habe, meinen Lesern zu vermitteln, war der fleißigste, beste Kommis ihres Vater-Prinzipals, unermüdlich vom ersten Hahnenschrei bis Mitternacht. Aber schwerlich hätte sie die famose Legitimitätsprobe des dänischen Märchendichters jemals bestanden, Rose wäre nicht nur auf einer Erbse unter zwölf Daunenbetten sofort fest entschlummert, nein, auf einem ganzen Erbsensack hätte das arbeitsame, frische Mädchen vortrefflich geschlafen, ohne sich auch nur ein einzig Mal umzuwenden. Hübsch war sie, die junge Rose. Einer weichen, dunklen Centifolie vergleichbar; rund und biegsam die schlanke Gestalt, welche das lockige Köpfchen krönte; ein sanftes, freundliches Gesicht mit großen, schwermuthsvollen Augen. Bei Weitem die Mehrzahl der jüdischen Mädchen hat schöne Augen — eine alte Geschichte das, schon Allmutter Eva besaß sie; ihr wißt, ohne schöne Augen kein Paradies. Ja, in Posemuckel war man stolz auf Vater Beers schönes Töchterlein; sie galt gewissermaßen als die Paradeschönheit der ganzen Stadt. Und Jeder sah ihr nach: das untrüglichste Kennzeichen einer Schönheit.. .. Ein indisches Sprichwort sagt: „Wo ein schönes Weib wandelt, kehren sich die Steine um" ... Ist das ein Wunder, da der Stein doch männlich ist?... Zwanzig Jahre lang ereignete sich nichts Auffälliges, aber auch nichts Besonderes auf dem Lebensgange der hübschen Rosa. Da auf einmal geschahen Zeichen und Wunder, und ein Bedeutsames erschütterte die Idylle ihres Daseins. Für Rosa traf sich ein Freier, eine geradezu stauncnswerthe Glauzpartie. Ilud N'iemaud, keine Mutterseele lästerte darüber! Gott, es ist eine rechte Freude für jeglich rechtschaffen Gesinnten, Mann oder Weib, macht auch ein armes Mädchen, braver, ehrenwerther Leute Kind, „ein Glück". „Wer mir Gutes gönnt, so ein Bräutigam," sagte Frau Zcrlusche, die in ihrer Eigenschaft als Fleischersfrau den Moniteur Universel oder das Petit Journal des Quartier juif in der kleinen Stadt vertrat. Frau Zerlusche wußte Alles, alle Ereignisse, Geburten, Todesfälle, Verlobungen, die geschlossen wurden oder zurückgingen, Alles erfuhr sie um eine Nasenlänge, nämlich ihre eigene nicht unbeträchtliche, vorher; seien wir deutlicher, eine Viertelstunde voraus. „Ich sag' euch, die Beer-Rosel kommt an!!! Meiner Tochter gesagt. Uhr und Kette hat er schon mitgebracht, und einen Brillantring hat er ihr aufgesteckt, einen Brillant!.." Nach Frau Zerlusche's Beschreibungen von Größe, Leuchtkraft und Wasser war der Kohinor nur ein ganz lumpiges Kieselsteinchen gegen das Juwel... „Wer so einen Ring kann schenken, muß wenigstens eine halbe Million im Vermögen habe», — er soll gar aus Berlin sein!" — Mit letzterer Ortsangabe meinte aber die gute Frau Zerlusche nicht den Ring, sondern den Bräutigam. -jr P * Zufällig erwiesen sich diesmal die Erzählungen der Fleischerfrau als nicht allzu ungeheuer übertrieben. Der Verlobte Rosa Beers war wirklich ein sehr wohlhabender Mann... Nicht mehr jung, ein Mann in den besten Jahren, wo die guten längst vorüber sind, Anfang Vierzig, oder auch etwas mehr. Reich, abhängig von nichts als seinen persönlichen Wünschen und gutem Geschmack, durste Hermann Daniel jeder Kaprize nachgeben. Was war es Merkwürdiges für ihn, daß er einem reizenden Mädchen, welches er auf dem Bahnhof in Posen erblickt, nachforschte, und wie leichte Mühe kostete es ihn, der Ahnungslosen in ihr Heimathsörtchen zu folgen.... Die sanfte, liebenswürdige Schönheit gefiel ihm, diese würde er sogar heirathen ... Er war ein wenig lange Junggeselle geblieben, auch sah er, trotz aller Eleganz seines