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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1891-08-28 · Heft 35 (28.8.1891) · p. Seite 416

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
55 (1891)
Issue
Heft 35 (28.8.1891)
Date
1891-08-28
Page
Seite 416 (sequence 8)
Language
German
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416 „todtgehängt" worden zu sein. Eine nahezu unerschwingliche Höhe entfernt inis ... die Vertraulichkeit, die sich der rußige Schornsteinfeger auf diesem Bilde erlaubt. L. Ury wühlt Berliner Straßenbilder, S. Jacobsen Mondscheinlandschafteu, F. Fried lande r ergötzliche Szenen aus dem österreichischen Militürleben zuin Gegenstände seiner Darstellung. Auch die landschaftlichen Radierungen von Wilhelm Feldmann und Heinrich Kohnert, die Aquarelle von Lazar Rosenberg, die Arbeiten der Italiener Mosck Bianchi und Gustavo Simoni, der englischen Künstler I. Moscheles und Sternberg, der Amerikaner Harry Davidson und Felix Lcvin, endlich die Skulpturen des Münchner Bildhauers Max Levi lind des gefeierten Künstlers Max Klein dürfen durchaus nicht vergessen werden. Eine ergreifende Szene aus dem Fainilienleben bietet uns der in Deutschland geborene, gegenwärtig in Kopenhagen lebende Leopold Lübschütz in seinem „Kritischen Tag". Am verhüllten Fenster des Gemaches, in welchem die junge Frau ruht, steht der sorgenvolle Gatte und blickt ängstlich fragend auf den Arzt, der der kranken Wöchnerin ein Rezept verschreibt, indeß im hellen Nebenzimmer Bekannte den Neugeborenen bewundern. Situation und Stimmung sind ansprechend wiedergcgeben, die feine psychologische Nuancirung wird wohlthuend empfunden. Die niedlichen, aus dem Alltagsleben gegriffenen Genrebildchen des in der Blüthe seiner Jahre hinweggcrafften Karl Bloch sind mustergiltig in Bezug auf Auffassung, Farbengebung und dramatischen Ausdruck. Namentlich ein von Zahnschmerzen gepeinigter Greis ist von geradezu unwiderstehlicher Komik. In den Orient führen uns die von dem Bildhauer P a ul ns mit unübertroffener Meisterschaft nach dem Leben modellirten Charakterköpfe. Zuvörderst drei Juden aus Beinen, ein Knabe init fahlem, aschfarbenem Gesichte, stumpfsinnigen, unschönen Zügen, ein Jüngling mit Fez und langen, gekräuselten Schläfenlocken und ein melancholisch-sinnender Mann mit einer turbanartigen Kopfbedeckung. Ferner ein Schullehrer aus Saphet mit hoher, intelligenter Stirn, durchdringenden Augen und schwarzem Knebelbarte, den traditionellen Biberhut der polnischen Juden auf dem Haupte. Schließlich eine Reihe von Sephardim, Männern mit dunkeln Bärten und dichten, buschigen Brauen, lebensmatte Greise mit gramdurchsurchtem Antlitz, letzten Endes ein Kaufmann aus Bagdad, der ein freieres, weltmännischeres, fast möchte ich sagen, elegantes Wesen zur Schau trägt. Man sieht es ihm an, daß es ihm wohl ergeht auf Erden und daß er in der Stadt der Khalifen sein reichliches Auskommen findet. Das Innere einer Synagoge in Tripolis verdanken wir Jsmaöl Gentz. In dem trotz der vielen Ampeln in düsterem Zwielicht erscheinenden Raume, der übrigens ziemlich dürftig ausgestattet erscheint, erblicken wir einen Thorarollenschreiber bei der Arbeit. Vorsichtig taucht er die Feder in das gewaltige, meffingene Tintenfaß und malt sorgfältig die eckigen Buchstaben in das vor ihm liegende Pergament. Dicht daneben hängt Ludwig Knaus' „Daniel in der Löwengrube". Der Meister, dem wir schon manchen künstlerisch hochbedeutenden Genuß zu danken haben, frappirt auch hier wieder durch seine Naturtrcue. Ruhig lagern sich die wilden Bestien im Kreise; weder ihr gräßliches Geheul, noch die rings verstreuten Schädel und Todtengebeine, schaudervolle Ueberreste früherer Opfer des Tyrannen, sind im Stande, Daniels Gottvertrauen zu erschüttern, hoffnungsfroh blickt er nach oben, und ein Lichtstrahl, der in das grausige Dunkel der Höhle dringt, scheint ihm seine nahe Rettung zu verkünden. Die Bibel ist noch immer ein unerschöpflicher Born für die bildende Kunst, hauptsächlich ihre ersten Kapitel üben auf Maler lind Bildhauer seit Menschengedenken einen eigenthümlichen Reiz. Die Variationen, in denen das Thema vom ersten Menschenpaar dem Apfelbiß und der Vertreibung aus dem Paradiese behandelt wurde, sind schier unerschöpflich. Auf der diesjährigen Ausstellung kommen in dieser Hinsicht insbesondere zwei Werke dänischer Künstler in Betracht. I. Schultz's Koloffalstatue „Adam und Eva, welche die Stimme Jehovahs im Garten Eden vernehmen und schuldbewußt zusammenfahren", huldigt noch klassischen Traditionen, imponirt durch lebendige Formenschönheit und hat etwas von der monumentalen Hoheit der biblischen Dichtungen. Demgegenüber trägt Paulsens farbenprächtiges Bild gleichen Namens ganz modernen Charakter. Hier ist nichts Uebermenschliches, nichts Urgewaltiges, wie es die Phantasie dem ersten Menschenpaare anzudichten gewöhnt ist. Der aus dem Schlummer erwachende Adam sieht die erstaunte Eva vor sich stehen. Das Bild hat einen unsagbaren Zauber. Des russischen Marinemalers Aiwasowski bereits 1864 gemalte „Sintfluth" übt keinen bleibenden Eindruck, sie arbeitet mit dem althergebrachten Apparate aller Sintfluthgemälde. Aiwnsowskis Können liegt in der Darstellung der ruhigen See, der Meeresstille; die aufgeregten, sturmgepeitschten Wellen, die da herauströmtcn, als alle Schleusen des Himmels geöffnet wurden, die mächtigen Wasscrfluthe», welche „all sündhaft Vieh und Menschenkind" ersäuften, vermag er nicht wiederzugeben. Und dazu diese fingerlangen Menschlein, die sich gegenüber dem gewaltigen Toben und Tosen der herauwvgcndcn Elemente doch gar zu kläglich ausnehmen! . . . Vor diesem Bilde traf ich meinen ausgewiesenen Russen und seine schöne Tochter wieder. Ich bemerkte, die russische Kunst wäre auf der Ausstellung recht spärlich, die russische Skulptur gar nicht vertreten. „O," erwiederte er lebhaft, „wir haben einen Bildhauer, einen geistdurchglühten Künstler von Gottes Gnaden, er heißt Antokolski und ist begeisterter Jude. Ich habe ihn als Knaben auf den Knieen geschaukelt und kann Ihnen, wem: es Ihnen recht ist, seine Lebensgeschichte erzählen: „Draußen in einer Vorstadt Wilnas, der ehemals lithauischen Hauptstadt, Antokol geheißen, wohnte ein jüdischer Schankwirth, reich mit Kindern gesegnet, aber arm an irdischem Gute. Einer seiner Söhne, Markus, lenkte schon in der Schule die Aufmerksamkeit Alter auf sich, indem er aus Brod Figuren knetete, aus Holz solche schnitzte und Thüren und Bänke des Lehrhauses mit Kreidezeichnungen schmückte. Eines Tages verfertigte der halbwüchsige Junge aus einem Stück weichen Holzes eine Büste des damaligen Wilnaer Generalgouverneurs Nasimov. Das kleine Kunstwerk, daß trotz mancher Unzulänglichkeit den Stenrpel eines herrlichen Talentes trug, kam Nasimov zu Gesichte und gefiel ihn: außerordentlich. Seit jener Zeit interessirte er sich für den jungen Künstler, verschaffte ihm einen Freiplatz in der Petersburger Akademie, und aus dem Schänkerssohne von Antokol ward nach Verlauf weniger Jahre der bedeutendste russische Bildhauer unserer Zeit, ein Schooßkind der Petersburger Gesellschaft, den Alexander II. zu wiederholten Malen in seinem Atelier besuchte." Wir waren im Gespräche weiter gewandert, als plötzlich in unserer Nähe ein homerisches Gelächter erscholl. Es galt Böcklins „Susanne im Bade". Wahrlich, der große Meister des Kolorits ist durch diese Arbeit, die eher in eine „Gschnas-" als in eine Kunstausstellung hineingehört, wenig würdig vertreten. Ludwig Pietsch äußert sich über dies Bild sehr zutreffend: „Es gleicht zu sehr einem übermüthigen Spottbild, um als ernstgemeintes Kunstwerk angesehen zu werden. Dieser Fettklumpen von Susann«, die höhnisch grinsenden, verkupferten Gesichter der beiden Alten, besonders des einen im gebliimten Schlafrock und der großen Mütze, scheinen nur gemalt, um die Söhne Judas grausam zu verhöhnen." Ueberdies würde dieser eines ernsten

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