Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 55 (1891)
- Issue
- Heft 35 (28.8.1891)
- Date
- 1891-08-28
- Page
- Seite 415 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/3224737-3227877-3227913--48193-3270700- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
„Mit dem Eintritte des Monats Adar mehre sich die Freude!" Dieser Spruch, der in dem Monate des Purimfestes die Wände aller polnischen Bethäuser von Krakau bis Minsk, von Brody bis Berditschew ziert, er fehlt auch in der „Jeschiwa" nicht, die uns S. Hirschenberg vor Augen führt. Beim matten Scheine einer Talgkerze hält ein Mann in den besten Jahren, das gedankenschwere Haupt auf die Hand gestützt, einen talmudischen Vortrag. Seine Hörer, deren Physiognomien mit der Mannigfaltigkeit ihrer Empfindungen und Erwägungen scharf und aus dem Innersten heraus zum Ausdruck gelangen, lauschen den Lehren, welche seinen Lippen entströmen, nicht mit gleicher Aufmerksamkeit, ja der Eine von ihnen ruht sogar in Morpheus Armen. Dies Bild, welches sich durch eine geschickte Behandlung des Halbdunkels empfiehlt, ist das Zeugniß einer reifen, zielbewußten Künstlerschaft und verdient sicher die „ehrenvolle Anerkennung", die ihm die Ausstellungskommission hat zu Theil werden lassen. Dies Werk gemahnt uns an ein anmuthiges Bildchen, das uns beim Vorbeigehen in einem der Nebensäle ins Auge gefallen, welches gleichfalls einen Talmudisten zum Gegenstände hat. Es heißt „Der Zweifler" und ist von Isidor Kaufmann in Wien gemalt. Mitten unter schweinsledernen Folianten sitzt ein junger Mann vor einem aufgeschlagenen Buche, das Perlen menschlichen Scharfsinnes enthält. . . Schöne, alte Sagen, Engelmärchen und Legenden, Stille Märtyrerhistorie», Festgesänge, Weisheitssprnche, Auch Hyperbeln gar Possirlich. Es ist der Talmud, jenes Labyrinth von richtigem und scholastischem Denken, von wahrem und falschem Empfinden, von gründlichem und oberflächlichem Wissen, in dem mau sich nur am Ariadnefaden des Glaubens völlig zurechtfinden kann. Unserm Zweifler ist er für den Augenblick aus der Hand gcrathen, doch ist er keine Faustnatur, kein gewaltiger Skeptiker, es ist blos, als hätte er schon manchen Blick in „profane" Bücher gethan, als hätte er seinen geistigen Horizont dadurch erweitert, so daß die Sonne des Talmud nicht mehr im Stande ist, denselben ganz zu erleuchten. Leise dämmert in dem Schriftgelehrten die Erkenntniß auf, daß auch jenseits der talmudischen Welt Licht und Wahrheit zu finden sei. Ein zweites Bild desselben Künstlers versetzt uns in eine ganz andere Sphäre. Ein behäbiger, zufrieden lächelnder Geschäftsmann, in der Tracht der galizischen Juden, giebt seinem Sohne, einem hübschen, klugdreinschauenden Jungen von etwa zwölf Jahren, kaufmännischen Unterricht. Mit Pfiffigen Aeuglein betrachtet der Knabe das große Hauptbuch mit den kalligraphisch geschriebenen Köpfen und zierlich geschwungenen kaufmännischen Nasen, während ihn sein Vater in die Geheimnisse von Soll und Haben einweiht. Vater und Sohn weisen feine psychologische Details auf und sind nicht ohne Humor gezeichnet. Der bereits genannte Hirschenberg stellt noch einige wohlgelungene Porträts aus, das einer jungen Dame mit scharfgeschnittenen Gesichtszügen, schwarzen Augen und ein wenig boshaft zusammengekniffenen Lippen, rosa in rosa ausgeführt, und das Gruppenbild der Familie des Fabrikanten S. in Lodz, dem „nordischen Manchester". Bedeutender ist der Ungar Leopold Horovitz, ein Schüler der Wiener Akademie, der sich zuerst als Schöpfer eines tiefempfundenen Bildes. „Trauer der Juden um Jerusalem", einen Namen machte. Sein Bildniß Franz von Pulszky's, des Direktors des Pester Nationalmuseums, giebt dessen gemüthvolles kluges Wesen, dessen feinsinniges Auge in unübertrefflicher Weise wieder. Einzelne Partien gemahnen geradezu an Rembrandt. Horovitz' Porträts von Damen der hoheir Aristokratie geben nicht minder beredtes Zeugniß einer unerreichten Meisterschaft. Mit liebevoller Genauigkeit erfaßt er jeden Zug des Gesichtes, jede Falte des Gewandes. Das überzeugend Wahre in Bewegung und Ausdruck, das seine Porträts auszeichnet, hat ihm zu einem wohlbegründeten Rufe verholfen und ihn zum ersten Porträtisten seines Heimathlandes gemacht. Alexander Bih a ri, ein Landsmann des Vorigen, verräth in seineil Bildern aus dem ungarischen Volksleben „Der Dorflump", „Vor dem Richter", auch ein Talent ersten Ranges. Seine Schöpfungen sind bei einer leuchtenden und satten Färbung reich an malerischen Reizen. Eine künstlerische Individualität ganz anderer Art spricht aus den Werken Josef Israels, des holländischen Genremalers, der die ernste Seite des Lebens mit großer Innigkeit des Gemüths und mit meisterhafter Behandlung des Kolorits zur Anschauung zu bringen weiß. Er ist naturgetreu ohne zu übertreiben. Mit Vorliebe weilt er in den Niederungen des Lebens; ein Hauch warmer Zärtlichkeit für die Enterbten und Verstoßenen weht durch seine, von der Poesie der Armuth verklärten Bilder. Von deutschen Malern jüdischer Abstammung erwähnen wir vor Allem Max Liebermann, den begeisterten Schüler Courbets, von dem er den Kultus des Häßlichen übernommen. Liebermann's „Flachsscheuer in Holland" giebt uns ein Stück Arbeiterleben mit schlechthin verblüffender Lebenswahrheit. Man glaubt sie vor sich zu sehen, diese fleißigen Mädchen mit den von der Arbeit erhitzten Gesichtern, den weißen Häubchen und plumpen Holzschuhen. Kein fröhliches Lied begleitet ihre Thätigkeit, kein Scherzwort stört sie. In welch' tadelloser Vollendung stellt uns des Meisters kundiger Pinsel das bunte Durcheinander eines Münchner Biergartens dar: Die Frauen, die ihren Kaffeetratsch beim Schoppen fortsetzen, die alten kannegießernden Münchner Philister, das Kind, das seine Puppe verloren, der stramme Soldat mit seiner Küchenfee die ewig durstigen Pausanisten, die in keiner Weise an ihr mythologisches Vorbild erinnernde strohblonde Hebe ... das ist ein Gambrinustempel der Jsarstadt, wie er leibt und lebt. Da ist nichts geschmeichelt und nichts gekünstelt noch idealisirt, sondern Alles mit bewundernswerthem Genie der Natur abgelauscht. Wir lernen hier einen Künstler kennen, der, ein Feind jeglicher Effekthascherei, mit den einfachsten Mitteln die tiefgehendsten Wirkungen erzielt. Eine besondere Spezialität Liebermanns bilden seine alten Frauen; sie gelingen ihm vortrefflich, und so ist denn auch seine „Alte Frau am Fenster" ein wahres Kabinetsstück, eine Perle der ganzen Ausstellung. Wie wunderbar wirkt der Kontrast zwischen der verwitterten, runzligen Alten in dem ärmlichen Stübchen und dem heiterfluthenden Leben der in ihrem Frühlingsgewande prangenden Natur. Unbekümmert um all das Wallen und Wogen da draußen hockt die Alte auf ihrer hölzernen Bank bei ihrem Strickstrumpf. Vielleicht gedenkt sie vergangener Tage, vielleicht beschwört sie der Jugend verschwundene glückliche Stunden wieder herauf . . . .? Alles, was Liebermann geschaffen, zeigt einen Meister, dem es mit seiner Kunst Ernst ist und der es versteht, der Wahrheit tapfer ins Auge zu schauen, selbst dann, wenn sie den Leuten keine Liebenswürdigkeiten sagt. Aus der Schaar der Pinsel und Palette handhabenden Damen verdienen Lisbeth Gold bäum für ihre anspruchslos gemalten Dorfstraßenbilder, Martha A ronso n für ihre farbcnsrischen Blumenstücke, Camilla Friedländer für die Abbildungen feinciselirter orientalischer Gefäße, Betty Wolfs für ihre Kreidezeichnung und Henriette Mendelsohn wegen ihrer Damenporträts warme Anerkennug. Salomon Hirschfelders treffliches, humorvolles Genrebildchen „Zur Unzeit gefreit" ist von dem bedauernswerthen Schicksale betroffen,