Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 55 (1891)
- Issue
- Heft 35 (28.8.1891)
- Date
- 1891-08-28
- Page
- Seite 414 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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414 Wie streng und finster blickt der stolze König, bleich und unzu den Kalksteinen gehörige Marmor, Sedesch, wäre hier anzuschließen. Von den zusammengesetzten Gesteinen, d. i. solchen, die aus mehreren Mineralien bestehen, nenne ich den Granit, es ist das derjenige Felsen, aus welchem Moses (5. B. VIII, 15) mit seinem Stabe Master schlägt, er heißt Chalamisch. Die Deutung als Granit ist dadurch begründet, daß beinahe das ganze Gebirge Sinai aus Granit (und zum Theil auch Porphyr) besteht. Wenn wir das Reich der Steine, von denen die Bibel spricht, überblicken, so bleibt unser Auge wie festgebannt auf dem strahlenden Glanze haften, der von den reichbefetzten Urim und Tumini ausgeht. Nicht minder blendet das gleißende Gold der heiligen Geräthe den Beschauer. Wahrlich, sämmtliche Schätze des Morgenlandes mußten die Lehr- und Wanderjahre des israelitischen Volkes verschönern helfen! U N<rs Iudenthum auf der Berliner internationalen Kunst-Ausstellung. Von Eduard Münz. „Also schon damals!" Dieser Ausruf entfuhr den Lippen eines hübschen, schwarzgelockten Mädchens mit blassem, edelgeformtem Antlitz bei den Betrachtungen, die ein älterer, ernstblickender Mann angesichts des großen S a l a' schen Gemäldes „Die Vertreibung der Inden aus Spanien 1492" anstellte. Vierzehnhundertzweiundneunzig! Heiliges Jahr, da Christoforo Colombo eine neue Welt entdeckte, wie unheilvoll warst du unsern Glanbensbrüdern im sonnigen Süden! In einer Zeit, wo der Jude für vogelfrei galt, wo er wie ein gehetztes Wild von jedem Orte aufgescheucht wurde, wo er sich niedergelasten, von jeder Stätte, wohin er seinen müden Fuß gesetzt, bot ihm Spanien eine sichere Zuflucht. Die Mauren beherrschten damals dieses Land, und jeder Emir hatte einen Juden zum Leibarzt, zum Vertrauten, zum Minister. Eine Synagoge lehnte an jeder Moschee, und neben jeder Medrcsse stand ein Beth-Hamidrasch. Damals erklangen Jehuda Halevis unsterbliche Weisen, damals fiel der Sänger der „Königskrone" dem Dolche des Neiders zum Opfer. Dann kam über die Mauren das Verderben und mit ihnen traf es die Jude». Sie sollten sich zur Taufe bequemen oder das Land verlassen, das sie liebgewonnen, das ihnen eine zweite Heimath geworden. Vierinalhunderttausend bettelten in der Fremde um eine Zuflucht. Nichts war ihnen geblieben, als die Erinnerung an die lichten Tage, welche ihnen mitten im Exil beschieden gewesen! „Taufe oder Auswanderung! es ist das gleiche Dilemma, vor welchem wir jetzt stehen, wir Söhne des Nordens, und wie vor vier Jahrhunderten unsere Brüder jenseits der Pyrenäen, so greifen wir heute zum Wanderstabe und lenken hoffnungsfreudig unsere Schritte in jenes Land, das einst der große Genuese in demselben Jahre gefunden, das so viele Tausende von Juden in Elend und Noth gestoßen!" so meditirte der Rüste, als ihm seine Tochter ins Wort fiel. „Ja, schon damals und heute noch, zu allen Zeiten standen sie wider uns auf, um uns zu verderben!" entgegnete der Alte. „Siehst Du, mein Kind, dies herrliche Gemälde, reich an geistigem Gehalte, es ist das Werk eines gottbegnadeten Künstlers. Er hat den Pulsschlag der Geschichte jener dunkeln Zeit gefühlt, er hat den Fanatismus mit überzeugungsvoller Wahrheit zur Darstellung gebracht. beweglich starrt die Königin vor sich hin, vor ihrem Throne steht der Vertreter der Judenheit, Don Jsak Abravanel, und fleht mit warmer, herzergreifender Bitte für sein Volk. Einen Augenblick scheint der Herrscher gerührt, aber bald gewinnt des Beichtvaters finsteres Dräuen die Oberhand, ungehört verhallt des Fürsprechers heißes Flehen. In ängstlicher Spannung harren Männer und Weiber an den Pforten des Audienzsaals, in welchem sich ihr Schicksal entscheidet. .... Das Bild ist grandios in der ganzen Bedeutung dieses Wortes, voll Leben und Handlung, die gewaltige Komposition ergreift den Beschauer auf das Mächtigste. Die Jury hat sich selbst geehrt, indem sie diesem Werke die höchste Auszeichnung, die große goldene Medaille zuerkannte!" Immer weiter und weiter fluthete der Strom der Besucher durch die reichgeschmückten Hallen. Bekannte verloren einander im Gedränge und Frenide fanden sich . . . im Ausdruck der Bewunderung für irgend eine künstlerische Schöpfung. Eine eigenartige Szene fesselt unsere Aufmerksamkeit. Im Morgengrauen saust ein Zug durch die Ebene. Die ersten Sonnenstrahlen fallen durch die trüben Fensterscheiben und zeigen uns in dem in weißes Dämmerlicht getauchten Wagenraume drei Männer mit Gebetmänteln und Tefillin bei ihrer Morgenandacht. Das Bild, das ein bedeutendes technisches Können verräth, stammt von einem Polen Namens Grocholski, wie denn überhaupt polnische Künstler sich mit einer gewissen Vorliebe jüdischen Motiven zuwenden, theils weil ihnen die in jenen Landen zahlreich vorhandenen, meist in knöcherner Observanz erstarrten Juden mit ihren eigenthümlichen Sitten lind Gebräuchen in der That ein dankbares Feld bieten, theils auch vermöge einer Art von nationaler Sympathie für die Söhne Jakobs. Letzteres ist insbesondere im russischen Polen der Fall. Hier lastet der gleiche Druck auf dem Polen, wie auf dem Juden. Der gemeinfame Dränger bringt die Bedrängten einander menschlich näher, lehrt sie einander begreifen und ihre beiderseitigen Schwächen mit Nachsicht beurtheilen. In gewissen Kreisen jedoch gedeiht auch hier die Giftpflanze des Antisemitismus, wenn dieselbe auch keineswegs wie inr Moskowiterreiche feste Wurzel zu fasten vermag. Unter den hier ausgestellten Werken polnischer Maler finden wir ein kleines Genrebild, welches den Titel „Expropriation" führt und die Pfändung eines galizischen Bauern, sowie deffen Vertreibung von Haus lind Hof darstellt. Mitleidig blickt selbst der Gerichtsdiener auf das abgehärmte Weib und die zahlreiche Kinderschaar, indeß der harte Gläubiger — ein weißbärtiger Jude — kalt und theilnahmlos dasteht. Ein fröhlicheres Bild bietet uns Gierymski in seinem „Thor in der Warschauer Allstadt". Da dieser Theil der Weichselstadt ehedem zum Ghetto gehörte und noch heute meist von Juden bewohnt wird, darf es uns nicht Wunder nehmen, wenn fast alle Personen dieseni Volke angehören: der Hausirer, der mit seiner letzten Transaktion, der Erwerbung einer ziemlich abgelebten Hose, recht zufrieden zu sein scheint und der Vielgebrauchten mit einem liebevollen Blicke Heilung ihrer Schäden verheißt; die alte Frau, welche auf ihrer Krücke durch die Straße wankt, das Kind, das mitten unter altem Gerümpel spielt, die Aepfelverkäuferin in der Einfahrt, das kaum den Kinderschuhen entwachsene Mädchen, das in ihrem Korbe Eier feilhält... alle sind frisch und lebenswahr gezeichnet und weisen auf eine unbefangene Beobachtung des emsigen Völkchens hin, das in diesen engen Gassen, wohin sich nur selten ein Sonnenstrahl verirrt, sein Wesen treibt. Doch was ist das? Dürfen wir unseren Blicken trauen? Sind das nicht die ungelenken Lettern der althebräischen Quadratschrift? ... - r :