Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 55 (1891)
- Issue
- Heft 35 (28.8.1891)
- Date
- 1891-08-28
- Page
- Seite 410 (sequence 2)
- Language
- German
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losigkeit hat «ns oft schon den empfindlichsten Schaden zugefügt. Nur von einem Centralpunkte aus kann die Aktion geleitet werden- In diesem Sinne begrüßen wir es mit Freude, daß das Frankfurter Komitee sich mit dem deutschen Central-Komitee zu gemeinsamem Wirken nunmehr vereinigt hat. Eine Frucht dieses Wirkens wird die große Baracke sein, die an der oberschlesischen Grenze für die armen Auswanderer demnächst errichtet werden soll. Und auch London und Paris werden, so hoffen wir bestimmt, den Nutzen gemeinsamen Wirkens erkennend, aus ihrer bisherigen Paffivität heraustreten und sich init dem deutschen Central-Koinitee verbinden. So wird aus dem gemeinsamen Schaffen zuversichtlich die Hilfsaktion für die hart bedrängten ruffischen Juden zu einem wahren Rettungswerk werden. Wie wir aus zuverläffiger Quelle erfahren, stehen den Unglücklichen neue schwere Bedrängnisse bevor. Nun denn, inögen sie uns gerüstet finden 311 Thaten der Liebe und des Erbarmens! U Baron Kirschs Artikel über -re Inden. Berlin, 24. August. Baron Hirsch, der größte Philanthrop unseres Jahrhunderts, erwirbt sich nicht nur den Dank jener vielen Tausende von Unglücklichen, denen er seine Hilfe und Unterstützung angedeihen läßt, sondern allch die Bewunderung der Gebildeten aller Nationen, durch die wissenschaftlichen Untersuchungen, die er mit seinem wohlthätigen Werke verbindet. Die gewissenhaftesten Nachforschungen stellte er über die Ursachen des Unglücks an, das den armen Ausgewiesenen bereitet wurde; und die Länder, aus denen unsere unglücklichen Glanbensbrüder Vertrieben werden, läßt er, ebenso wie die für dieselben neu zu erwerbenden Ländereien, bereisen, aufs Genaueste prüfen und untersuchen. Baron Hirsch faßt es als seine Lebensaufgabe auf, seine wohlthätigen Werke nach Plan und Methode auszuführen, damit sie daliernden Nutzen den Armen bringen, und darum studirt er nicht nur die Länder, sondern auch die Leute. Erklärlicher Weise hat sich sein Studium vor Allem auch auf die Juden im Allgemeinen erstreckt, und es ist dankbar anzuerkennen, daß Baron Hirsch uns auch einen Blick in die Rüstkammer seines Geistes gewährt und das Ergebniß seiner Forschungen offen uns darlegt. Ein Artikel, den Baron Hirsch „über die Juden" in der amerikanischen Zeitung „Forum“ veröffentlicht, ist daher sicher von allgemeinem Interesse. Betreffs der armen Juden, denen Baron Hirsch in seinem Artikel den ersten Platz einräumt, welchen sie ja sonst im Leben nie kimiehinen, schreibt er Folgendes: „Diese großen Masten armer Juden geben uns das richtige Bild eines Martyriums, voll von Verfolgungen und Leiden. Ohne den Schutz des Gesetzes ivanderten sie Jahrhunderte lang auf dornenvollem Pfad wie Parias der menschlichen Gesellschaft, niedergebeugt von dem Gewicht ihrer schweren Bürde und verachtet von Allen! lind dann macht man ihnen noch den Vorwurf, daß ihre Thätigkeit nicht produktiv ist, sondern daß sie sich nur dem Handel widmen, welcher ihnen großen Nutzen abwirft! Angenommen, es ist so; — könnte es denn anders sein, nachdem man ihnen Jahrhunderte lang jede Beschäftigung verboten hat, welcher sonst alle übrigen Bürger nachgehen konnten? Besonders aber hatte man sie stets vom Ackerbau zurückgehalten. — Allsgeschloffen daher von jeder ehrenhaften Beschäftigung, waren sie gezwungen, Mittel und Wege zu suchen, um Brod für sich und ihre Familie zu verdienen, wenil sie nicht den Hungertod sterben wollten. Und wenn auf diese Weise ihre Macht und ihre Mittel sich vergrößert haben auf Kosten anderer Eigenschaften, so glaube ich, daß Nieinand das Recht hat, deswegen ihnen Vorwürfe zu machen. — Sobald aber die Juden frei waren von den sie beschränkenden Feffeln, haben sie sich nicht allein auf den Handel gelegt, sondern sie haben ihre besten Kräfte wiffenschaftlichen Forschungen der Kunst und der Poesie gewidmet. Namen, wie Disraeli, Mendelssohn, Halevy, Meyerbeer, Heine und eine große Anzahl anderer berühmter jüdischer Männer, beweisen genügend diese Behauptung. Es ist ferner allgemein bekannt und anerkannt,, daß der Aerztestand seine besteil Kräfte von den Juden bekommen hat, und daß auch heute viele der hervorragendsten Aerzte Europas Juden sind. Wo sie an den Universitäten als Professoren thätig sind, lehren sie hauptsächlich die abstrakten Wissenschaften, und von ihnen gehen wichtige wissenschaftliche Untersuchungen aus. Mit dem Ackerbau haben die Juden sich bisher nicht viel beschäftigt, doch ist es nicht ihre Schuld, denn man hat es ihnen nicht erlaubt, Ackerbau zu treiben. In den Ländern, wo es ihnen gestattet war, Ländereien zu erwerben, haben sie sich auch mit Ackerbau beschäftigt und haben sich als ausgezeichnete Landwirthe bewährt. Z. B. bilden in Ungarn die Juden einen sehr großen Theil der Landwirthe, und es ist bekannt, daß die obere katholische Geistlichkeit in Ungarn fast ausschließlich Juden als Pächter auf ihren Gütern eingesetzt hat; fast alle Besitzer von großen Ländereieir geben den Juden ihres Fleißes, ihrer Redlichkeit und ihrer Tüchtigkeit wegen den Vorzug als Pächter. Das sind Thatsachen, welche nicht geleugnet werden können, und die bewirken werden, daß die antisemitische Bewegung, welche lange Zeit in Ungarn vorhanden war. aufhören muß. Sie wird aufhören, weil sich dort die Einsicht Bahn bricht, daß ein so wichtiger Faktor der produktiven Thätigkeit iin Lande besonders im Ackerbau nicht entbehrt werden kann. Meine eigene persönliche Erfahrung ließ es mich erkennen, daß die Juden große Fähigkeiten im Ackerbau besitzen. Ich habe dies in den jüdischen Ackerbau-Kolonien in der Türkei mit anzusehen Gelegenheit gehabt, und die Berichte der Kommission, welche ich nach Argentinien geschickt habe, bestätigen die Richtigkeit dieser Thatsache. Das sind auch die Umstände, welche mich veranlaßt haben, für die armen unterdrückten Juden eine neue Heimath in den Ländern zu schaffen, in welchen sie als freie Ackerbauer auf ihrem eigenen Grund und Boden sich den Ländern nützlich machen können. Der Artikel schließt mit den folgenden Bemerkungen: Wir theilen die Juden in drei Gruppen, die Armen, die Mittelklasse und die Reichen. Die Armen werden gewöhnlich nur verspottet und können deshalb nicht Gegenstand des Neides sein. Die Mittelklaffe steht auch nicht so hoch, daß sie die Aufmerksamkeit der über ihr Stehenden auf sich zieht oder daß sie Eifersucht erregte. Es bleiben uns also nur übrig die Reichen, welche in der letzten Hälfte dieses Jahrhunderts nicht Millionen, sondern Billionen zusammengeschafft und dadurch besonderen Neid hervorgerufen haben; denn zu gleicher Zeit mit ihrem Aufschwung im materiellen Reichthuin sind Andere, welche früher die Führer der adligen Klaffen gewesen sind, anstatt Fortschritte zu machen, zurückgekommen und betrachten die reichen Juden als die Ursache ihres Falles, ohne an ihre eigenen Fehler zu denken. Außerdem haben ihr Luxus, welcher immer Hand in Hand geht mit dem Reichthum, sowie die daraus entstehenden großen Ausgaben allgemeine Aufmerksamkeit und Neid hervorgernfen. Man macht ihnen den Reichthum zuin Vorwurf, ohne zu bedenken, daß sie durch ihren großen Unternehmungsgeist unb ihre bewnnderns-