Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 55 (1891)
- Issue
- Heft 35 (28.8.1891)
- Date
- 1891-08-28
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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55. Jahrgang. Nr. 35. Allgemeine Berlin, 28. August 1891. eitung des Audenthums. Ern unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements-Preis: Durch Buchhandel, Post oder direkt von der Expeditionen Berlin unter Streifband bezogen Vierteljahr!. 3 M. Nedacteur: Gustav Karpeles. Begründet von Rabbiner Ludwig PllMIppson -Sonn. Vertags-Crpeditwn: Lerlin, Lerufalemerstr. 48/49 Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judenthums", Berlin SW., Jerusalemer Straße 48/49 zu richten. Verlag von Rudolf Mosse, Berlin. Inhalt. Leitartikel r Die russische Frage. — Baron Hirschs Artikel über die Juden. — Wissenschaft and Litteratur: Das biblische Mineralreich. Aon Tr. Ludwig Karveles. — Das Judentbum aus der Berliner internationalen Knust-Ausstellung. Von Eduard Münz. — Feuilleton: Prinzessin Sabbath. Novellette von C. Berg. — Barkochba. Von Dr. M. Levin. — Kitterarische Mittheilungen. Von Dr. A. Berliner, Dr. S. Adler. Der Gemeindebote. Korrespondenzen und Nachrichten: Berlin, Gießen, Darmstadt, Bielefeld, Ostrowo, Leipzig. Wien, Karlsbad. Brüssel, Amsterdam, Luzern. London, Petersburg, Moskau, Jaffa, New-York. — Bon Nah and Fern. — Sprechsaal. — Miseellen. — Bei der Redaktion eingegangene Bücher. Die russische Frage. Berlin. 25. August. Immer neue Hiobsposten kommen aus Rußland zu uns herüber. Jeder Tag bringt dort neue Pein. Aber auch das Hilfswerk für die unglücklichen russischen Juden nimmt seinen Fortgang. In letzter Zeit sind wiederholt Stimmen aufgetaucht, die gegen das Zaudern oder auch gegen die Geheimnißkrämerei der betheiligten Faktoren sich erhoben und sogar einen Weltkongreß gefordert haben. Nichts ist »inbilliger als eine solche Klage. Große Aktionen werden nicht ans der Straße geinacht, und die Thaten der Geschichte werden nicht vorher i>» den Zeitungen ausposa»»nt. Ueberdies darf inan'nicht vergessen, daß unsere antisemitischen Gegner sorgsam ausspähen uiid jede neue Meldung von dein russischen Hilfswerk für die Zwecke ihrer Agitation ailsbeuten. Wir können unsern Lesern die Versicherung geben, daß dieses Hilfswerk, obwohl die Reklametrommel für dasielbe schweigt, doch rüstig fortschreitet. Die Sichtungskomitees an der ostprenßischen, vberschlesischen und österreichisch-galizischen Grenze, die Komitees in Hamburg und Bremen liegen mit großem Eifer ihrer Arbeit ob. Nicht nur Baron Hirsch, sondern auch das deutsche Centralkomitee sind bciiiüht, geeignete Landstriche für eine zweckmäßige und zielbewußte Auswanderung zu erwerben. So geht schon in den nächsten Tagen ein Abgesandter des deutschen Centralkomitees nach einem überseeischen Lande, um an Ort und Stelle mit der Regierung und den maßgebende!» Faktorei» über die Auswanderung zu berhandeln. Auch für die Auswanderung nach Australien sind bereits Vorarbeiten im Gang. Schon zum Frühjahr hofft das deutsche Centralkomitee in der Lage zu sein, einer nicht geringen Anzahl von Vertriebenen eine neue Heimstätte zu eröffnen, wenn nur das Interesse ui»d die Werktätige Theilnahme unserer Glanbensgeiioffen sich ferner bethätigen werden. Die Aufgabe ist eine überaus schwierige, aber sie kann nicht durch Zeitungsartikel oder Kongresse gelöst werden, sondern durch emsige, »liiermüdliche Arbeit und treue Fürsorge. Mit schönei» Reden und pathetischen Warnungen ist dabei liichts gethan. Es wäre darllm gut m»d sicherlich besser, wenn mit derartigen Aufsätzen, Vorschlägen und Ermahnungen, so wohlmeinend auch die Absicht der Verfasser sein mag, Einhalt gethan würde. Einer Aufmunterung bedarf es wahrhaftig nicht. Alle an der direkten Leitung des Hilfswerks betheiligten Kreise arbeiten mit Aufbietung ihrer Kräfte; die Bewältigung der Aufgaben erscheint ja, vom Schreibtisch aus betrachtet, sehr leicht. Man werfe aber einen Blick in die weitverzweigte Organisation der an der ostpreußischen, oberschlesischen, österreichisch - galizischen Grenze sowie in den Hafenstädten errichteten, der Berliner Geschäftsleitimg »lnterstehenden Komitees, bei denen Hunderte von selbstlosen Männern sich wahrhaft hingebungsvoll in den Dienst der heiligen Sache gestellt haben, um den Auswanderern mit Rath und Thal zur Seite stehen. Man werfe ferner einen Blick auf die stille und doch so zielbewußte Wirksamkeit der Kommissare auf den verschiedenen Bahnhöfen, ivelche den Tausende», die ivöchentlich durchwandern, Verpflegung und ärztliche Hilfe zu Theil werden lassen. Und man vergesse schließlich nicht, welcher Anstrengungen seitens des Central-Komitees, der Landesrind Provinzial-Komitees es bedilrft hat, um, ohne seither den Weg der Oeffentlichkeit zu betreten, geräuschlos die großen Mittel anfzubringen, welche für die Hilfsaktion »öthig sind. Man hüte sich darum, durch überhastete Thätigkeit das große Werk nicht z» gefährden, an dessen Flindamentirung fortdauernd gearbeitet wird, und das durch vorzeitige und übereilte Schritte tief geschädigt »verden könnte. Ohne uns einer Indiskretion schuldig zu machen, möchten »vir noch hinzufügen, daß die von Herrn Baron Hirsch geplante „Jelvish Colonisation Association" mit einem Kapital von 50 Millioneil Frsi» allernächster Zeit konstituirt werden wird. Das ist eine große That des hochherzigen und klugen Philanthropen. Weitere Thaten werden zweifellos folgen. Was aber vor Allem nöthig ist, das ist Klarheit und Entschiedenheit. Das deutsche Centrat-Komitee möge sein Prinzip mit voller Kraft weiter verfolgen: vor der überhasteten Answandernng ans Rußland ans das Eindringlichste zu warnen, die planmäßige zielbewußte Auswanderung dagegen mit Energie und Vorsicht zu fördern! Was uns ferner nöthig ist, das ist Einigkeit. Es geht nicht, daß Jeder auf seine eigene Rechnung Hilfsaktionen cinleitet, Wohlthätigkeitskonzerte veranstaltet, Komitees begründet. Diese Disziplin-