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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1891-08-21 · Heft 34 (21.8.1891) · p. Seite 3

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
55 (1891)
Issue
Heft 34 (21.8.1891)
Date
1891-08-21
Page
Seite 3 (sequence 15)
Language
German
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wird. Dieser Herr ist, was vielleicht nicht allgemein bekannt, sein dürfte. Israelit, und zwar aus österreichisch Schlesien. Ich gestatte mir an diese Mittheilung eine Bemerkung zu knüpfen. Wie man weiß, wirken Juden auf allen Gebieten der Kunst, und auf den Brettern, die die Welt bedeuten, haben sie, sowohl im recitirenden Schauspiel wie in der Oper, Männer und Frauen, die einen Weltruf hatten oder haben. Giebt es auch Juden oder Jüdinnen, die auf dem Gebiete der Choreographie Bedeutendes geleistet haben? Vielleicht ist ein Leser dieser Blätter in der Lage, Antwort zu ertheilen. Ich stelle diese Frage aus folgendem Grunde: Ich erfuhr jüngst, daß sich unter den Elevinnen für das Ballet an d r hiesigen Hofoper nur höchst selten ein israelitisches Mädchen befindet, unt> soll es aus Sittlichkeitsrücksichten geschehen, daß israelitische Eltern ihre Töchter nicht zum Ballet geben. — Die Nachricht von Leopold Dukes Tode haben Sie bereits gebracht. Er lebte in den letzten Jahren zurückgezogen von der Welt (zum letzten Male sah ich ihn beim Leichenbegängniß Sulzers). Seit mehreren Jahren war er auch nicht mehr literarisch thätig (seine letzten schriftstellerischen Arbeiten, die er veröffentlichte, dürften jene sein, die in Löw's „Ben Chananja" unter dem Pseudonym Dr. Jemand erschienen sind); aber er war noch in der letzten Zeit geistesfrisch. Möge ihm die Erde leicht sein. * Karlsbad i. B., 14. August. Der Lölve des Tages in unserem Badeort ist Baron Hirsch. Sein Haus ist von Morgens bis Abends von Schaaren Hilfesuchender umlagert. Besonders sind es russische Juden, welche die Nachricht von der Anwesenheit des großen Wohlthäters hierher gerufen hat. Inzwischen nimmt das von ihm ins Leben gerufene Hilfswerk immer greifbarere Gestalt an. Gestern hat Baron Hirsch dem Dr. Loewenthal und drei Bürgern der argentinischen Republik die notariell beglaubigte Vollmacht gegeben, für seine Rechnung bis zum Betrage von 10 Millionen Pesos Ländereien in Argentinien für jüdische Ansiedelungen zu erwerben. In die bereits erworbenen Kolonien sind am 29. Juli 600 russische Juden mit dem Dampfer „Pijuca" von Hamburg aus befördert worden. * Prag, 17. August. Am 10. d. fand im Sitzungssaale der Landesjudenschafts-Reprüsentanz eine allgemeine Versammlung isr. Lehrer und Religion sl eh rer statt, bei welcher über einen Lehrplan für den Religions- und hebräischen Unterricht an konfessionellen Schulen, über Einführung von Bezirkskonferenzen der isr. Lehrer und Religionslehrer, sowie über Fortbildung der Lehrer auf religiös-wissenschaftlichem Gebiete berathen wurde. Tags zuvor fand die Generalversammlung des isr. Lehrervereins statt, die an Se. Majestät unseren Kaiser ein Huldigungstelegramm abgesendet hat. Daraufhin erfolgte aus dem Hoflager in Ischl ein Telegramm des Inhalts: „Die Kabinetskanzlei Sr. k. u. k. apost. Majestät in Ischl an den Herrn Rabbiner Thorsch in Prag! Se. Majestät der Kaiser danken huldvollst für die loyale Kundgebung der versammelten israelitischen Lehrer in Böhmen." Dr. von Waasburg, Hofsekretär. Ärlgirn. * Brüssel, 17. August. Auf dem hier tagenden internationalen Arbeiterkongreß befindet sich auch ein Vertreter der jüdischen sozialistischen Sektionen aus Nordamerika, der Redakteur der jüdisch-deutschen Arbeiter-Zeitung, Abraham Cahan (Newyork). Die jüdischen Sektionen, die sich über einen großen Theil Nordamerikas erstrecken, bestehen aus russischen und österreichischen Auswanderern, denen es, nachdem sie durch die großen Verfolgungen zumeist alle ihre Habe verloren hatten, mit vieler Mühe gelungen ist, sich in Nordamerika wieder eine Existenz zu schaffen. Diese Leute haben sich der sozialdemokratischen Bewegung angeschlossen; da sie aber zumeist nur Jüdisch-Deutsch verstehen und auch nur diese Schrift lesen können, so haben sie innerhalb der Partei eigene Sektionen und gleichzeitig, wie bereits angedeutet, eine jüdisch-deutsche Zeitung gegründet. Diese Sektionen haben beantragt, daß der Kongreß zu der Judenfrage Stellung nehme. Wie wir hören, wollen einige deutsche Delegirte den Antrag stellen, diese Frage von der Tagesordnung abzusetzen. Die Mehrheit des Kongresses dürfte jedoch dem Verlangen Abraham Cahans stattgeben, zumal es sich in erster Linie um Stellungnahme zu den jüdischen Sektionen und deren Fortentwicklung handelt. Eine Hauptthätigkeit der jüdischen Sektionen ist u. A. die Bekämpfung des Unwesens der Auswanderer-Agenten. Der Bericht über die französische sozialistisch-revolutionäre Arbeiterpartei äußert sich über die Judenfrage folgendermaßen: „Da die einzige Religion der bewußten Arbeiter die Solidarität der Menschheit ist, betrachten wir jedes Unternehmen, das das Ansachen des Religions- oder Rassenhasses zum Zweck hat, als barbarisch und dem sozialen Fortschritt hinderlich. Es kommt der Arbeiterpartei zu, vor dem Proletariat der Welt die Narren und Schufte an den Pranger zu stellen, welche sich unter einander erwürgen unter dem Vorwand des Antisemitismus. Der einzige Feind des Volkes ist der ausbeutende Kapitalismus, reserviren wir ihm alle unsere Streiche." Frankreich. Paris, 17. August. Ein Konstautinopeler Telegramm bringt allerlei Gerüchte über angebliche Verhandlungen des Baron Hirsch mit der Pforte wegen Pachtung ausgedehnter Ländereien in Kleinasien zur Besiedelung durch jüdische Auswanderer aus Rußland. Wie von kompetenter Seite mitgetheilt wird, sind alle diese Gerüchte vollständig aus der Luft gegriffen. Es wird hinzngefügt, daß dieses Dementi den Zweck hat, diejenigen russischen Juden, welche jene Gerüchte für wahr halten sollten, eindringlichst v o r einer überstürzten Auswanderung in die Türkei zu warnen, wo keinerlei Vorbereitungen zu Ihrer Aufnahme getroffen sind. Großbritannien. * London, 16. August. Herr Arnold White trat vorgestern im Aufträge des Barons Hirsch eine längere Reise nach Berlin und Petersburg an. Dieselbe steht mit dem Kolonisationsplan des Barons Hirsch in Zusammenhang. — Die letzte Nummer der rührig strebenden Wochenschrift „Forum" ist fast ganz der jüdischen Frage gewidmet. Professor Dr. Geffcken erörtert den Stand der russischen Finanzen, der jüdisch-russische Advokat Hourwitch schreibt über „Die Verfolgung", und Baron Hirsch legt seine Pläne in dem „Methoden und Asyle" betitelten Aufsatz dar. Baron Hirsch sagt u. A.: „Man wirft den Juden vor, daß sie nicht prodnziren, sondern durch Handel schnell reich werden wollen. Angenommen, dem wäre so, kann es anders sein, nachdem man ihnen Jahrhunderte lang die Bebauung des Bodens untersagt hat? Wo Juden haben Grundbesitz erwerben dürfen, haben sie sich als ausgezeichnete Landwirthe bewährt. In Ungarn bilden sie einen bedeutenden Prozentsatz des Bauernstandes. Die dortige hohe katholische Geistlichkeit hat fast nur Juden zu Pächtern und ebenso geben alle Großgrundbesitzer den Juden den Vorzug. Die jüdischen landwirthschaftlichen Kolonien in der Türkei blühen und die Nachrichten aus Argentinien melden Aehnliches." — Als Beilage des Jewish-Cronicle erscheint bereits in zweiter Nummer eine eigene Zeitschrift „Darkest Nussia", welche speziell die Frage der russischen Juden behandelt. Ein Exemplar wurde Gladstoue zugesendet, der hierauf am 18. Juli antwortete: „Ich hoffe enstlich, daß eine volle und billige Darlegung der Thatsachen mit Bezug auf die Juden in Rußland, die so beklagenswerth sind,' allmählich eine der Humanität und Gerechtigkeit günstige öffentliche Meinung bilden und durch diese Meinung eine Wirkung auf die Stimmung Rußlands selber und seiner Regierung erzielen werde. Hoffentlich wird die Zeitschrift sich auf dem Kontinent Bahn brechen, denn auf dem Kontinent bedarf diese Meinung größeren Vorschubes als in England." Rußland. *. Moskau, 10. August. Das Programm der Austreibung aller Juden aus Moskau ist in einem Cirkular niedergelegt, welches der Moskauer Oberpolizeipräsident am 26. Juli au die Moskauer Polizeikommissare gerichtet hat. Dieses Cirkular, welches uns in getreuer Uebersetzung zur Verfügung gestellt wird, hat folgenden Wortlaut: „Nach Uebereinkunft mit dem Herrn Minister des Innern hinsichtlich der Ausführung des Allerhöchsten Ukases betreffs der Ausweisung der hebräischen Handwerker aus Moskau und dem Moskauer Gouvernement sind folgende drei Termine fürfolgende Kategoriennusgearbeitet:KategorieI. Hebräische Handwerker, welche in Moskau und dem Moskauer Gouvernement nicht länger als drei Jahre wohnen, unverheirathete oder sogar verheirathete, aber kinderlose, und solche, welche einen Gesellen haben. Kategorie II. Hebräische Handwerker, deren Familien aus vier Mitgliedern bestehen, welche vier Gesellen haben und in Moskau und dem Moskauer Gouvernement nicht weniger als sechs Jahre wohnen. Kategorie Hk. Hebräische Handwerker, welche größere Familien und mehr als vier Gesellen haben, und die schon seit langer Zeit in Moskau und dem Moskauer Gouvernement ansässig sind. Für die freiwillige Abreise der Hebräer der ersten Kategorie wird eine Frist von drei bis sechs, für die zweite Kategorie von sechs bis neun, für die dritte Kategorie von neun bis zwölf Monaten festgesetzt, wobei die zur Ausweisung bestimmten hebräischen Handwerker von der Polizei unbedingt drei Monate vor Ablauf

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