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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1891-08-21 · Heft 34 (21.8.1891) · p. Seite 2

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
55 (1891)
Issue
Heft 34 (21.8.1891)
Date
1891-08-21
Page
Seite 2 (sequence 14)
Language
German
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des Herrn Dr. Stein, ausführend, daß der Herr Jubilar all die ihm erzeigten Ehren als dem gesammten Lehrerstande erwiesen angesehen habe. Schließlich gedachte der Jahresbericht in recht warmen Worten der beiden im verflossenen Jahre verstorbenen Kollegen Lissard-Amöneburg und Davidsohn-Helmarshausen. Der durch den Kassirer Herrn Gutkind-Cassel verlesene Kassenbericht war nach Jahren wieder der erste erfreuliche, da im verflossenen Jahre nicht allein das nicht uufcebeuteiibe Defizit gedeckt, sondern noch ein Ueberschuß erzielt werden konnte. Das wurde dadurch ermöglicht, daß das Vorsteheramt in Cassel in hochherziger Weise der Konferenz zur Deckung des Defizits den Betrag von 100 Mk. zngewendet hatte, und daß ihr wiederum seitens des D. I. G B. 180 Mk. zugewiesen worden waren. Die Konferenz nahm dankend davon Kenntniß. — Hierauf ergriff Herr Plaut-Grebenstein das Wort zu seinem Vorträge: „Die soziale Stellung des israelitischen Lehrers und die sozialen Aufgaben desselben." Der Vortrag war ebenso gediegen, wie reichhaltig; seine Verlesung nahm weit über eine Stunde in Anspruch. Die Wiedergabe desselben wird uns durch die Reichhaltigkeit und die Ermangelung von Thesen an dieser Stelle unmöglich gemacht. Da der Herr Referent bei der Eigenartigkeit des Themas von der Aufstellung von Leitsätzen abgesehen hatte, konnte in eine Spezialdebatte nicht eingetreten werden, auch die Generaldebatte, an der sich hauptsächlich die Herreil Dr. Prager, Gotthelft und Justizrath Hirsch-Cassel, Weingarten-Bebra, Blacb-Gudensberg, Stein-Raboldshausen betheiligten, ergab im Allgemeinen vollständiges Einverständniß mit dem Referat. Es erfolgte nun durch Herrn Amram-Borkeu die Besprechung der gesetzlichen Stellung der Lehrer in ihrer Eigenschaft als Vorsänger, wie sie die Verordnung vom 30. Dezember 1823 regelt. Herr Oppenheim- Treysa legte alsdann Namens des Ausschusses eine Zusammenstellung derjenigen Gemeinden vor, welche in Folge des Schulentlastungsgesetzes das Einkommen ihrer Lehrer erhöht haben. Die in der Versammlung noch vervollständigte Zusammenstellung erweist, daß erfreulicherweise bereits ungefähr der dritte Theil der Kollegen Vortheil aus dem genannten Gesetz hat. Zweck der Vorlage der angeführten Zusammenstellung war, auch den übrigen Kollegen zur Erlangung eines erhöhten Einkommens behilflich zu sein. Als Ort für die nächstjährige Konferenz wurde Fulda gewählt. Herr Löwenstein dortselbst übernimmt das Referat über das Thema: „Wodurch kann die Kenntniß der jüdischen Geschichte unter der Heranwachsenden israelitischen Jugend-mehr verbreitet werden?" Herr Lorge-Hüufeld ist Korreferent. Der seitherige Ausschuß, bestehend aus den Herren Dr. Stein und Gutkind-Cassel, Cornelius-Rotenburg, Oppenheim-Treysa und Amram-Borken, wurde wiedergewählt. An die Konferenz schloß sich ein in der Nestallration Löwenstein eingenommenes Mahl, welches eine animirte Stimmung unter den Theilnehmern hervorrief. Oesterreich - Ungarn. w. Wien, 17. August. Es ist Sauregurkenzeit, und es ruhen die Geschäfte. Es ruhen daher auch die Verhandlungen in Betreff der Einverleibung der jüdischen Vvrortgemeinden in die Wiener jüdische Großgemeinde. So viel ist gewiß, daß die jüdische Großgemeinde durch die Einverleibung der Borortgemeinden materiell geschädigt werden wird. Diese sind nämlich im Laufe der letzten Jahrzehnte entstanden, und die Mitglieder derselben rekrutiren sich aus aller Herren Länder. Letzteres ist allerdings auch bei der Grobgemeinde der Fall; aber in den Vororteu giebt es fast gar keine Eingeborenen. Selbstverständlich will ich damit nichts Abfälliges sagen; denn der Kaiserstaat selbst hatte große Feldherren und Staatsmänner aus der Fremde. Wir erinnern nur an Eugen, Laudon, Kaunitz rc. Hier kommt aber noch ein Moment hinzu: Fremde Israeliten, die nach Wien zogen, wenn sie Männer der Wissenschaft waren oder sonst eine soziale Stellung einnahmen, zogen eben in die Haupt- und Residenzstadt und nicht tu die Vororte. Die dahin zogen, waren zumeist solche, die den bittern und schweren Kampf des Lebens zn führen hatten, die darauf sehen mußten, daß sie keinen thenren Miethszins zahlen, daß sie die Lebensmittel billiger bekommen rc. Wie natürlich, wollen wir damit nichts Abfälliges gesagt haben, denn es ist wahrlich keine Schande, wenn man in ehrenhafter Weise mit der Noth des Lebens kämpft. Gewiß jedoch ist es, daß die israelitische Großgemeinde durch die Jnkorporirung der Vorortgemeinden keinen großen materiellen Zuwachs erhalten wird; wohl aber wird sie Institutionen ins Leben rufen müssen, die bisher entweder ganz fehlen oder die nicht \n angemessener Weise vorhanden sind. Eine Hauptfrage wird die Errichtung von Bethäusern sein. Bis jetzt wurde folgender Vorgang eingehalten. Die Gemeinde hat zwei Bethänser, eins in der Stadt und eins in der Leopoldstadt, und für die hohen Festtage miethet sie den Musikervereinssaal. Es bestehen dann in den einzelnen Bezirken Bethäuser zumeist in gemietheten Lokalitäten, welche, wenn sie es bedürfen, Zuschüsse von der Gemeinde erhalten, die jedoch ihre selbstständige Verwaltung haben. Im VI. und IX. Bezirk entstanden in den letzten Jahren prachtvolle Bethäuser (dieselben wurden von dem Architekten Fleischer, einem Schüler des jüngst verstorbenen Dombaumeisters Schmidt, erbaut). Diese Bethäuser stehen nicht unter Kontrole der Gemeinde. Die Vorsteher werden aus den betreffenden Bethaus-Vereinsmitgliedern gewählt und stellen diese nach eigenem Gutdünken die Beamten und Diener an'). Es ist nun nicht an^unehmen, daß die Borortgemeinden auf einen derartigen Modus eingehen werden, daß sie der Hauptgemeinde Kultusstener zahlen und aus eigenen Mitteln sich Gotteshäuser erbauen werden, wie solches in den verschiedenen Bezirken bisher der Fall war. Wir glauben jedoch, daß die Hauptgemeinde diese Bedingung nicht wird abweisen können, und wenn praktisch vorgegangen wird, so dürste sich gar keine oder nur eine geringe materielle Einbuße ergeben. Meiner Meinung nach muß man im vorliegenden Falle mit dem Prinzip, prachtvolle Gotteshäuser zu erbauen, brechen. Ein Gotteshaus soll würdig, aber einfach sein. Wenn dann die Sitze einen mäßigen Preis haben, so erhalten die Gotteshäuser ihre Beamten und Diener. Es werden hier nämlich die Sitze nicht verkauft, sondern vermiethet und bieten daher eine stete Einnahmequelle. Thatsächlich erhalten sich auch die meisten Bethäuser hier, ohne einen Zuschuß von der Gemeinde zu erhalten, oder sie erhalten nur einen sehr geringen Zuschuß. Das Gotteshaus in der Seiteustettengasse erhält seine Funktionaire, das Filialbethaus im Musikervereinssaale ergiebt zumeist einen Ueberschuß. Das Gotteshaus in der Leopoldstadt hat ein Defizit, weil die Sitze zu theuer sind. Ich zweifle um so weniger daran, daß die jüdischen Vorortgemeinden der Großgemeinde inkorporirt werden, da die Negierung einen großen Werth darauf legt. Sie hat die gewaltige Opposition gebrochen, die bei der Schöpfung von Groß-Wien sich geltend machte, und sie wird auch hier unausgesetzt das vorgesteckte Ziel verfolgen. — Da ich hier so viel über Gotteshäuser geschrieben habe, so fällt mir der Uebergang zu den Misclieberacli, von welchen in dem Artikel: „Aus dem Bade II" in Nr. 31 der „Attg. Ztg. d. Judenth." die Rede ist, nicht schwer. Ich unterschreibe Alles, was in demselben gegen die Ni-sebeberaeb vorgebracht wird, d. h. wenn akademisch von denselben die Rede; im praktischen Leben bin ich jedoch für die M-sebeberaeb, und zwar auf Grund gemachter Erfahrungen. Man hat nämlich hier infolge der Befürwortung der nun verstorbenen Prediger Mannheimer und Josef Wertheimer die Mi-scheberach abgeschafft. Um ein Unrecht zu begehen, wurden die Vorbeter, der Chasan und die Bethausdieuer (für die ebenfalls gespendet wird) durch Pauschalsummen, die ihnen jährlich gezahlt wurden, entschädigt. So weit ging die Sache ganz gut; aber die Wohlthätigkeitsvereine litten außerordentlich darunter. Man schickte zwar das Spendenbuch den „Aufgerufenen" ins Haus, aber die Spenden waren minimal oder es wurde gar nichts gespendet. Die Wohlthätigkeitsvereine baten hierauf dringend, die Nischeberach wieder einzuführen. Ich glaube nicht, daß es hellte anders käme. Ich kenne wohl die Bedeutung der sechsten Großmacht, aber ich glaube nicht, daß die Sache anders käme, wenn die Spenden in den Zeitungen veröffentlicht würden. Es ist auch folgendes Moment zu beachten. Nehmen wir beispielsweise an, daß die Herren Barone Königswarter, Rothschild rc. in den Tempel kämen. Diese Herren wissen recht gut, daß sie „aufgerufen" werden und setzen im Vorhinein fest, was sie spenden wollen, und spenden oft mehr als sie eigentlich beabsichtigten, um Propaganda zu machen. Ein großer Theil der „Aufgerufenen" wird jedoch so zu sagen überrascht, uitb da ist der Moment entscheidend. Wenn er Tags darauf schicken soll, was er spenderl will, so kommt die nüchterne Berechnung und er giebt wenig oder gar nichts. So sehr ich also theoretisch vollständig gegen die Mi-scheberach bin, so muß ich mich als Praktiker für dieselbe aussprechen. Ich suche nun einen Uebergang, aber auch ein salto mortale würde mir nicht helfen. Mir würde nützen, wenn ich es verstünde, kunstgerecht einen pas zu machen, denn „soll ich es der keuschen Sonne nennen und mich verzehret nicht die Schmach";— ich will vom Ballet reden. Nun ist es heraus und frisch darauf los. Ich möchte nämlich zunächst hervorheben, daß seit längerer Zeit am hiesigen Hof-Opelltheater das Ballet: Rouge et noir von Regel gegeben y Eben jetzt finden im Gotteshause im IX. Bezirk Probepredigten statt, da ein neuer Prediger requirirt werden soll; hingegen verläßt, wie ich höre, der Prediger im VI. Bezirk nach vollendetem Probejahr seine Stelle.

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