Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 55 (1891)
- Issue
- Heft 34 (21.8.1891)
- Date
- 1891-08-21
- Page
- Seite 4 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3224737-3227877-3227912--48185-3270691- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
•*“— 4 ——^ der festgesetzten Frist unter schriftlichen Verpflichtungen benachrichtigt werden müssen. — Diejenigen hebräischen Handwerker, welche Immobilien (Häuser, Fabriken) besitzen, foHen innerhalb zwei Jahren ihr Eigenthum verkaufen itub Moskau verlassen. Was die übrigen Hebräer anbetrifft, welche keine Handwerker sind und in Moskau und dem Moskauer Gouvernement auf Grund der Cirkuläre der Minister des Innern von 1880, 1882 und 1886 sud Nr. 30 wohnen, so sollen gegen dieselben die oben erwähnten Maßregeln getroffen werden, wobei für selbige nur zwei Termine bestinunt werden sotten, und zwar für diejenigen, welche Geschäftsvertreter von hiesigen jüdischen Häusern erster Gilde fittb oder selbständige kleinere Geschäfte besitzen, sechs Monate, und für solche, die eigene größere Geschäfte besitzen und mit größeren russischen Fabrikanten in Verbindung stehen, zwölf Monate, wovon die russischen Fabrikanten sechs Monate vor Ablauf der festgesetzten AusweisungsfrisL benachrichtigt' werden müssen. Die Prokuristen und Bevollmächtigten der russischen Fabriken allerersten Ranges müssen binnen zwei Jahren Moskau verlassen. Bei Feststellung der für jede Kategorie bestimmten Fristen sollen unbedingt die Termine der bis zum 1. Januar 1892 giltigen Handels- und Steuerdokumente in Betracht gezogen werden, und zwar sollen die Hebräer, welche bis zum 1. Januar 1892 Handelspatente resp. Gilde und Steuer bezahlt haben, das Recht haben, bis zum Ablauf dieser Dokumente hier zu bleiben, wenn sie and) ihrer Familienmitglieder- und Arbeiteranzahl nach zu der Kategorie solcher gehören, für welche der kürzeste Ausweisungstermin von drei Monaten festgesetzt ist. Was die Rechte der einzelnen Hebräer anbetrifft, die in Moskau und dem Moskauer Gouvernement lebenslänglich wohnen dürfen, so sollen über deren weiteres Hierbleiben bei jedem solchen Fall spezielle Gesuche bei der Regierung eingereicht werden. Die Termine für alle drei oben erwähnten Kategorien sollen von dem Tage des Erscheinens dieses Cirkulars, d. h., vom 14./26. Juli 1891 an gerechnet werden. Ueber die im Umkreis des! Moskauer Gouvernements wohnenden Hebräer sollen spezielle Kom- Missionen eingesetzt werden, ebenso in den Kreisstädten des Moskauer; Gouvernements." \ z. Moskau, 18. August. Wie Sie aus vorstehendem Cirkulair ersehen, soll mit sämmtlichen Juden Moskaus und des Moskauer Gouvernements binnen Kurzem vollständig aufgeräumt werden. Die meisten; darunter find selbstredend unverheirathet und verheirathete Handwerker,! ferner Kommis, welche bis zum letzten Tag der Frist resp. noch circa' 6—7 Wochen nicht warten können, Taubern Moskau schon jetzt verlassen: müssen und größtentheils infolge ihrer Mittellosigkeit auf die Rechnung' des Moskauer Hilfskomitees expedirt werden. Leider hat aber aus! Mangel an Mitteln das hiesige Komitee seine Unterstützungen schons einstellen müssen, da die Leistungsfähigkeit unserer hiesigen Glaubensgenossen , welche durch Ausweisung resp. Auswanderung zahlreicher Wohlhabender und durch die geschäftliche Krisis noch mehr geschwächt wurden, vollständig erschöpft ist. Die Sammlungen innerhalb der Gemeinde ergaben circa 27,000 Rubel, welche aber schon jetzt ganz verausgabt sind, und dabei wachsen die Anforderungen an das Komitee, tagtäglich, da infolge der letzten strengen Polizei-Maßregeln nicht nurdie hiesigen jüdischen und größtentheils mittellosen Mitbürger, sondern auch viele Juden aus der Provinz mit ihren Frauen unb kleinen Kindern, welche aus dem Innern Rußlands auf ihrer Weiterreise nach; dem jüdischen Rayon Moskau passiren müssen, sich um Hilfe direkt an das Moskauer Komitee wenden. Das Hilfskomitee kann aber leider aus Mangel an Mitteln den armen von Moskau ausgewiesenen, sowie beit durchreisenden Hebräern kein Reisegeld gewähren, und bleiben solche, da sie von den Stadteinwohnern nicht ausgenommen werden dürfen, ganze Nächte hindurch obdachlos mit ihren kleinen Kindern außerhalb der Stadt aus der Straße und den Boulevards, von Hunger und von Durst gequält, nackt und barfuß liegen, und werden die Bejammernswerthen dann gleich Verbrechern per Schub in ihren Heimathsort resp. Geburtsort transportirt. Die Schrecken dieses Transportes sind Ihren Lesern aus früheren Mittheilungen bekannt. Es ist das Grausigste, was man sich denken kann, uub wäre es nur dann möglich, diese schrecklichen und grausamen Zustände einigermaßen zu lindern, wenn die > ausländischen Hilfskomitees und die wohlhabenden ausländischen, jüdischen und christlichen Mitbürger dem Moskauer Komitee helfen und! dasselbe in beu Stand setzen würden, alle mittellosen Ausgewiesenen wenigstens vor dem schrecklichen Jammer des Schub-Transportes zu bewahren. Die Hilfskomitees und sonstigen gütigen Spender werden innigst gebeten, ihre Spenden an den Vorsteher der Moskauer jüdischen Gemeinde, Herrn L. S. Polliakoff hier, einzusenden. Kon Nah und Fern. — Der praktische Arzt Herr Dr. Julius Pagel, den Lesern unseres Blattes als unser geschätzter Mitarbeiter bekannt, hat sich an der Universität Berlin als Privatdozent habilitirt. Sein Spezialfach ist die Geschichte der Medizin. — Prof. Ludwig Brieger, der die Leitung der klinischen Abtheilung des Montag eröffneten Instituts für Infektionskrankheiten übernommen hat, ist aus der Schule des Pathologen Julius Cohnheim hervorgegangen. Später war er eine Zeitlang an der medizinischen Klinik in Bern beschäftigt; von dorther wurde er von Frerichs an die medizinische Klinik der Charitee berufen. In Bern wurde Brieger im Laboratorium von Nencki mit den Methoden der Ptomaineforschung bekannt, deren genaueres Studium er später zu feiner Hauptarbeit machte. — Friedrich Merkel hat unter dem Titel „Ein derüsches Gelehrtenleben" eine Biographie von Jacob Henle geschrieben, die „nach Aufzeichnungen und Erinnerungen" dem berühmten Anatom ein schönes Denkmal setzt. Henle starb vor sechs Jahren als Professor in Göttingen. — Das Regenwalder Kreisblatt bringt als Beilage ein Kirchliches Wochenblatt von einem Pastor Jaspis in Buchholz redigirt, welcher sich in Nr. 31 dieses Blättchens das Vergnügen macht, die allerschlimmste Judenhetze zu treiben. In einer Predigt über Römer 10, 1: „Meines Herzens Wunsch ist und ich flehe zu Gott für Israel, daß sie selig werden", leistet sich das Pastorchen den Satz: „Die Juden sind ein Fluch für jedes Volk, unter dem sie leben". — Am 5. August wurde in Köln der Banquier Jakob Seligmann zur letzten Ruhe bestattet. Der Verewigte war Mitbegründer und Theilhaber der Firma Leopold Seligmann. Seine strenge Rechtlichkeit, seine Noblesse, sowie sein liebenswürdiger Charakter verschafften ihm persönliche, ebenso dem weit bekannten und geschätzten Bankhause zahlreiche Freunde. Wie hoher Achtung der nunmehr Verblichene sich während seines langen Lebens zu erfreuen hatte, davon legte die große Zahl der Leidtragenden aller Stände und Gesellschaftskreise Zeuguiß ab, die ihm znm Grabe folgten. — Der Lehrer Herr A. Hermanns in Köln beging am vorigen Freitag das Fest seines fünfzigjährigen Amtsjubiläums. — In Hamburg fanden am 4. und 6. August antisemitische Versammlungen statt, zu welchen die dortigen Leute sich als „Saisonartikel" Herrn Rektor Ahlwardt aus Berlin verschrieben hatten. — Von dem Hamburger Hilfskomitee für die allsgewiesenen Juden ist der Dampfer „Rhätia" gechartert worden, um als Heim für dieselben während ihres Aufenthalts in Hamburg benutzt zu werden. Seit Anfang dieser Woche ftubeit die dort eingetroffenen Ausgewiesenen bereits in dem Dampfer ein freies Ouartier. — Ein Alter von 102 Jahren erreichte die jüngst in Felleringen (Elsaß) verstorbelle Frau Marx. — Der ob seiner langjährigell ärztlichen Berufsthätigkeit und seines humanen Wirkens in den weitesten Kreisen hochgeachtete emeritirte Universitätsdozeut Herr Dr. Jacob Schütz in Prag beging am 6. d. M. die Feier feines 50jährigen Doktor-Jubiläums. — Bei der dieser Tage in Prag abgehaltenen, von llahezu 9000 Theilnehmern besuchten Versammlung czecho-slavischer Lehrer ,aus Böhmen, Mähren und Schlesien wurde einstimmig eine Resolutioll gefaßt, deren vierter Absatz in wörtlicher Uebersetzung wie folgt lautet: „Den Bedürfnissen der czechischen Nation kann nur eine solche öffentliche Schule entsprechen, welche den Bekennern aller Glaubeusbekenntnisse gleich zugänglich ist und welche gegenüber allen Glaubensbekenntnissen gleich gerecht ist, was einzig und allein der durch die Staatsgrundgesetze gewährleisteten Glaubens- und Gewissensfreiheit entspricht". Am 16. August begingen Herr Salomon und Frau Helene Kohn in Gr. Kikiuda das seltene Fest der eisernen Hochzeit —Der Prinz von Wales hatte jüngst mehrere Unterredungen mit Baron Hirsch über ein philanthropisches Auswanderungs-Unternehmen. — Der in Warsch an erscheinende amtliche „Warschawski Dnewnik" kündigt an, daß zu Beginn des nächsten Semesters die Zahl der jüdischen Stüde nten der Universität bedeutend beschränkt werden würde. — 16 südrussische jüdische Familien sind in Buchara eingetroffen. Sie halten Palästina wieder verlassen und wollten sich in Transkaspien niederlassen, wurden aber nach Buchara gewiesen. — Der Sultan der Türkei hat der Tochter des nordamerikanischen Gesandten in Konstantinopel, Fräulein Hirsch, den Schefakatorden zweiter Klasse verliehen. Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin Verantwortlich für dre Redaktion: Mar Bauchwitz in Berlin.