Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 55 (1891)
- Issue
- Heft 34 (21.8.1891)
- Date
- 1891-08-21
- Page
- Seite 406 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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406 schreibt ein gelehrtes Buch, aus dem (zum zwanzigsten Male) auf das Klarste hervorgeht, daß Inden nie und unter keinen Umständen Blut genießen. Fünfzig Jahre später. Eine neue Generation ist erwachsen; aber die obige Geschichte wiederholt sich in ihren Hanptstücken. Das Programm ist dasselbe geblieben. Die Nächstenliebe auch. David Cassel. Paul Dimidow: Inden-Elend im Lande der Romanows. (Berlin 1891). Von den vielen in jüngster Zeit über die Verfolgung der Inden in Nllßtand erschienenen Schriften hat keine uns so angesprochen, keine unsere Aufmerksamkeit in dem Grade gefesselt, wie die vorliegende Broschüre von Paul Dimidow: Inden-Elend im Lande der Romanows. In schlichten Worten schildert der Autor den Anfang, sowie den Verlauf des Dramas, dessen blutige Szenen sich gegenwärtig auf dem „heiligen" Boden Rußlands abspielen und die westeuropäischen Zuschauer mit Abscheu und Entsetzen erfüllen. „Nicht die Inden," bemerkt der Verfasser sehr treffend, „sind die Fremden tu Rußland, sondern die Nüssen," die nun nach echt russischer Art die Knute schwingen und sich zu Herrschern und Sittenrichtern über die zu Fremden herabgewürdigten Inden anfwcrfen. Schon vor zwei und einem halben Jahrtausend haben ans Persien und Kleinasien kommende Inden ihre Zelte in den Strecken aufgeschlagen, „die sich unabsehbar zwischen den Gestaden des Kaspischen Meeres und dem Ton ansdehnten. Wer dachte, wer träumte damals von einem russischen Volk, von deni Namen Rußland überhaupt? Als im 9. Jahrhundert Rnrik mit seinen Normanen am finnischen Meerbusen landete und das heutige Nowgorod, die Wiege des jetzigen russischen Reiches, eroberte, waren die Juden im östlichen und südlichen Theile Rußlands schon in größerer Anzahl und dauernd ansässig und hatten bereits durch geistige Ueberlegenheit und wahrscheinlich wohl auch durch einen gewissen Wohlstand sich großen Einfluß auf die Geschicke des Landes errungen", so daß sie im 10. Jahrhundert den Mnth hatten, den Versuch zu machen, Wladimir von Kiew zum Judenthnm zu bekehren. „Im Jahre 1110 rvar die erste Judenverfolgung in Rußland, die mit der Austreibung aller Jsraelüen ans Kiew endete." Seit damals ist keine Spur von Inden im Kernland des jetzigen Zarenreiches zu entdecken, und wir finden sie in sehr großer Anzahl im polnischen Staate, wohin sie sowohl aus Rußland, als auch ans Deutschland eingewandcrt waren. „Während im Westen Europas das Zeitalter der Kreuzzüge unsägliche Leiden für die Juden heraufsührte, erfreuten sich die Juden in Polen einer liebevollen Behandlung, waren in jeder Hinsicht den Ehristen gleichgestellt, hatten sogar das Recht, in das Heer einzntreten und durften ebenso wie ein christlicher Schlacbzitz stets einen Degen tragen." Mit dem Jahre 1032 aber fing ihr Horizont sich zu verdunkeln an. „Ein fürchterliches Gewölk stieg am Himmel empor, ans dem sich bald schwere Gewitter über ihrem Haupte entladen sollten, um auf Jahrhunderte hinaus ihr Glück jählings zu begraben: es kam die Zeit, wo russischer Einfluß die Geschicke Polens zu bestimmen begann." Im Jahre 1655 fiel der Kosakenhetman, Chmelnicki, mit einem aus Russen und Kosaken gebitbeteu Heer zum zweiten Male in Polen und Litthauen ein, und Polen sah sich gezwungen, Smolensk, Kiew und die Ukraine an den Zaren von Moskau abzutreten. „Was thai nun Alexei Michailowitfch, der zweite Fürst ans dem Hause Romanow, auf dem Throne von Moskau mit den ueuerworbenen Gebieten? Er vertrieb die Juden ans der Ukraine! Das war der erste Gruß der Romanows an Israel!" Im Jahre 1772 hat die erste Theilung des polnischen Reiches stattgesunden, die das ganze Weißrußland dem Reiche Katharinas II. zuführte. „Die zweite und dritte Theilung brachten der russischen Krone die Ukraine, Litthauen und andere Erwerbungen an Land ein und mit diesen auch die vielen Hunderttausende jüdischer Unterthanen, die aber seit damals ein kummervolles Leben fristen und allerlei Bedrückungen und Verfolgungen ausgesetzt sind." Kühn und unerschrocken schildert der Verfasser die Regiernugsprinzipien sämmtlicher Herrscher aus dem Hanse Romanow, sowie die Ausnahmegesetze und Leiden, die sie bisher über die Inden verhängt, und weist nach, daß dies Alles geschehe und geschieht, „weil die Inden etwas glauben, was dem Zaren nicht behagt, weil die Juden nicht feige und niedrig genug sind, um äußeren Vortheilen zu Liebe die uralte Religion ihrer Väter zu verlassen." Der Verfasser zweifelt zwar nicht, daß einst doch der Tag anbrechen wird, wo die Inden in Rußland die sie umgebende chinesische Mauer zertrümmern und ins Innere des Reiches Vordringen würden, um als Träger der Kultur und Eivilisation die dort herrschende Finsterniß und Unwissenheit zu verdrängen. Allein die jetzige La^e überschauend, rathet er den Unglücklichen und Verfolgten, ,.das ungastliche Vaterland zu verlassen und ihre Schritte nach solchen Gegenden zu lenken, wo ein gesegnetes Feld für ehrliche Arbeit zu finden ist." Rührend und Zugleich lobenswerth ist des Verfassers an die russischen Inden erlassene Warnung: „Laßt euch nicht von den Nihilisten umgarnen! Ein großes Volk, wie das jüdische, darf keine krummen Wege wandeln. Frei und offen sollt ihr gegen eure Verfolger kämpfen, haltet aber euren Ehrenschild blank und hütet euch, ihn durch die Berührung mit nihilistischen Meuchelmördern zu besudeln!" Das ist ein Wort zur Zeit und eine Warnung, die stets von Israels Weiten an ihre unglücklichen Stammesgenossen ergangen ist. An die Worte des hohen Liedes: „Ich beschwöre euch, Töchter Jerusalems, wecket nicht und reget nicht die Liebe, bis es ihr gefällt" knüpfen unsere Weisen die Bemerkung: „Gott habe Israel beschworen, der Gewalt nie die Empörung entgegenznsetzen." Wir empfehlen diese Schrift auf's Wärmste und stimmen dem talentvollen Autor, der Paul Dimidow genannt sein will, bei, wenn er am Schlüsse seiner Einleitung sagt: „Wir wollen in unserem Buche der unbestechlichen Weltrichterin das Material zu ihrem Wahrsprnche über Rußlands Herrscher Zusammentragen." Albert Katz. Barkochba. Trauerspiel in fünf Aufzügen von Dr. M. Levin. Zweiter Aufzug. Szenerie w i e i tu e r st e u A nfzu g. (Dazu Tische im Hintergrund an den entgegengesetzten Enden. I ulianns und P appus hinter den Tischen. Leute kommen und gehen.) Erste Szene. Dositheos (darauf Elisa den Abuja.) Mich treibt es täglich her an diesen Ort, Wo sie die Wechseltische aufgestellt. Täglich erfreu' ich mich air diesem Eifer, Dell voll Alto bis llach Autiochiell Das Volk bekundet für den Tempelbau. Ta konnllt Elisa, uue stets, Homer in der Haild. Grüß' dich, Elisa. Elisa. Gruß Dositheos. Berückt auch dich Judäas Hochgefühl? Verlangt's auch dich, den Tempel mitzubau'n, Darin die Vorsehung gepriesell wird. Gerecht und weise walteild? O Aberwitz, Der voll verilüllftiger Betrachtung abzieht! Kein Himmel und fein Gott sieht aus das Treiben Unsrer fleiueii Welt. Dositheos. Ist das die Frucht Homers? Elisa. Nur eines ist es, was mir widerstrebt: Er spricht voll Fatum, einem Götterwillell! Das Geschick der Menschen sollten sie bestimmen, Des Schicksals Göttiunell? O eitler Trug! Es zieh'n die Wolken, wohin der Willd sie jagt, Durch Stoß und Gegenstoß kreist die Bewegung. Ungünst'ge Lage zermalt die stolzen Dinge, Und llilr des Zufalls Welle trägt sie auswärts. Gleich diesem willenlosen Spiel der Natur, Ersteht den Menscheil Glück und Unglück. Schau! Jüilgst nahm ein Mann ein Vogelnest ganz ans, Und wohlbehalten stieg er von dem Baum; Ein andrer nahm die Brut und ließ die Mlltter — Ulld was erfolgte drauf? Ihn stach eine Schlange, Ihn, dem für seine That verheißen wird Ein lnilges Leben ltub der reichste Lohn. Wie es fein Fatnm giebt, ist es auch thöricht, Von einer güt'geu Vorsehung zu sprechen. Verblendulig, ihr einen Tempel zu errichten! Dositheos. Der Regung schönste raubst du deinem Herzen, Wenn jene heil'ge Flamme dir nicht strahlt/ Die ein ganzes Volk zu einigem Thun entzülldet. Elisa. Laß dich nrir begeistern für den Tempelbau — Mich fesselt nicht des Augenblickes Stimmung. Umstände, Charaktere wäg' ich prüfend. So ermeß' ich im Voraus den Gang der Dillge. Dositheos. Du zweifelst an dem Tempelbau? Elisa. Das nicht; Ich zweifle nur, ob du ihll miterbaust.