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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1891-08-21 · Heft 34 (21.8.1891) · p. Seite 405

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
55 (1891)
Issue
Heft 34 (21.8.1891)
Date
1891-08-21
Page
Seite 405 (sequence 9)
Language
German
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405 Literarische Mittheilungen. --- H.L. Strack: Der Blutaberglaube bei Christen und Juden. (Beck, München 1891.) Der vielbelesene, auch auf dem Gebiete der jüdischen Litteratur einheimische Gelehrte hat hier einen dankenswertheu Beitrag zu der dunkeln Seite des Menschenlebens geliefert. Er hat aus den mannigfachsten Quellen zusammengetragen, zu welchen abenteuerlichen Vorstellungen der Glaube an den Gebrauch von Menschenblut und Leichentheilen geführt hat. Er ist auch in der Lage, aus den jüdischen Religionsquellen nachweisen zu können, wie streng das jüdische Gesetz jeden Genuß von Blut verbietet, und warnt mit Recht vor dem Aussprechen der Beschuldigung, daß für einen Ritus der jüdischen Religion Christenblut benutzt werde, da ja die Christen des 2. und 3. Jahrhunderts unter derselben Beschuldigung schwer gelitten haben. Der wohlverdienten Anerkennung für diese vortreffliche Schrift dürften aber einige Bemerkungen angeschlossen werden. Hat Herr Prof. Strack geglaubt, daß mit seiner Schrift die so oft gegen die Juden ausgesprochene, von schrecklichen Folgen begleitete Beschuldigung ein Ende finden würde? Gewiß nicht! Die von ihm selbst aufgeführte Litteratur dieses Aberglaubens, der vielleicht auch die Schrift „Damascia" von Löwenstein hinzuzufügen wäre, müßte ihm doch selbst die Fra .e nahe legen: War es denn nöthig, daß nach so vielen gelehrten, von glaubwürdigster Seite ausgegangenen Widerlegungen, die bis in die neueste Zeit, bis in die letzten Jahre sich erstrecken, schon wieder ein derartiges Buch erscheine? Es ist bedauerlich, daß man einer aus gründlichen Studien hervorgegangenen, den Stempel der Redlichkeit an sich tragenden Arbeit einen Liefern Einfluß auf das rechtliche Bewußtsein der Gegenwart absprechcn muß. Die Zeit scheint ja noch nicht gekommen zu sein, von welcher der Verfasser glaubt, daß, „wenn die deutsche Christenheit frei von Aberglauben fest steht im rechten Glauben an den gekreuzigten und auferstandenen Heiland, für Deutschland die Frage, ob Christenblut von Juden rituell gebraucht werde, aus mehr als einem Grunde gegenstandslos geworden sein werde." Für einen nüchternen Betrachter liegt die Sache folgendermaßen: der größte Theil der antisemitischen Hetzer glaubte schon, ehe das Buch von Strack erschienen, nicht au solche Beschuldigung; aber als Agitationsmittel ist sie unentbehrlich; für diese Leute hat Strack offene Thüren eingestoßen. Und die große Zahl derer, die von jenen Agitatoren bearbeitet wird, liest das Buch von Strack nicht, kann es gar nicht lesen. Gleichzeitig mit dem Erscheinen des Strackjchen Buches verbreiten antisemitische Blätter Schauergeschichten von ermordeten Christenkindern, an die sie selbst nicht glauben; wie erst, wenn nach Jahrzehnten die Erinnerung an die Auseiuandersetzuugeu Stracks in den Hintergrund tritt! Dann wird wiederum ein so wohldenkender, der betreffenden Litteratur kundiger Gelehrter ein Buch schreiben, mit derselben Nachwirkung, die wir dem Strackschen Buche wünschen, aber daß wir nur pia desideria hegen, zeigt leider die Geschichte der Vergangenheit wie der Gegenwart. Vielleicht darf sich an den litterarischen ein geschichtlicher Bericht auschließen, eine durch das Stracksche Buch hervorgerufene Erinnerung eines schon alternden Mannes, der schon die Damaskus-Angelegenheit (1840) und manches Andere erlebt hat. Ein pommersches Städtchen von etwa 5000 Einwohnern umschließt auch eine kleine jüdische Gemeinde von 10-12 Hausvätern, die natürlich sämmtlich dem Handelsstande angehören. Die Beziehungen von Christen und Juden sind freundschaftlicher Art; man hat sich daran gewöhnt, daß für die Ackerbürger und Handwerker der Jude aus Messen und Großstädten die für das einfache Leben erforderlichen Bedürfnisse holt und feilbietet. Der Pastor, ein schon im Greisenalter stehender Mann, von milder und freundlicher Artung, wird von den Juden hochgeachtet und ehrfurchtsvoll, wo er sich sehen läßt, begrüßt; er selbst tritt gern in jüdische Familienkreise ein und unterhält sich gern mit den Leuten, die ihm von ihren Reisen aus der Hauptstadt Neues mitbringen. Besonders lieb sind ihm Gespräche mit einem eisgrauen, beinahe neunzigjährigen Manne, der bei seinem auch nicht mehr jungen Sohne wohnt und an warmen Tagen auf der Bank vor dem Hause sein Pfeifchen raucht. Der Alte hat noch die Freiheitskriege mitgemacht, ist in Frankreich gewesen, hat es bis zum Offizier gebracht, ist aber nach Beendigung'des Krieges, da im preußischen Heere kein Jude Offizier sein kann, fortgeschickt worden. Da ist gar Manches von dem alten Juden, der noch unter Blücher gedient, zu berichten. Bei dem Hingange des alten Pastors betheiligt sich fast die ganze kleine Gemeinde an dem Leichenzuge; er war Allen so lieb und Werth gewesen. Es vergehen mehrere Jahre; die Beziehungen zwischen Juden und Christen haben sich äußerlich nicht geändert; einige jüdische Kaufleute haben durch Fleiß, Sparsamkeit und Mäßigkeit ein für das Städtchen erkleckliches Vermögen geschafft. Da werden eigenthümliche Redensarten in die christliche Bevölkerung gestreut; man spricht von dem „sauren Schweiß der Christen, von dem die Juden sich mästen", von betrügerischen Anschlügen, den Christen das Geld aus der Tasche zu locken; man spricht von „arischer Rasse", was kein Mensch im Städtchen außer dem jungen Pastor versteht; die Juden, deren Urgroßväter doch-schon im Lande gewohnt, seien „Fremde"; man erzählt sich von eigenthümlichen Ceremonien der Juden u. dgl. An einem Charfreitag spricht der Pastor zuerst über Lukas 12,49—5 l „Ich bin gekommen, ein Feuer anzuzünden auf Erden, und wie sehr wünsche ich, es brennet schon. Aber ich muß mich taufen lassen mit einer Taufe, und mir ist so bange, bis sie vollendet werde. Meinet ihr, daß ich hergekommen sei, Frieden zu bringen auf Erden? Nein, sage ich euch, sondern nur Entzweiung." Dann ging er über zu der geschichtlich-kirchlichen Bedeutung des Tages, zu der Kreuzigung Christi nach Berichten der Evangelien. In meisterhafter Darstellung, unterstützt von einem weit hallenden, angenehmen Organ, schilderte er den ganzen Vorgang; fortgerissen von dem kühnen Fluge seiner Phantasie war es den tief ergriffenen Zuhörern, als würde die ganze Prozedur vor ihren Augen aufgeführt, als hörten sie die Worte des Volkes: „Sein Blut komme über uns und unsere Kinder." Und nicht umsonst hatte der geistvolle Redner gesprochen. Die andächtigen Beter verließen erschüttert die Kirche; des Bürgermeisters Frau sagte auf dem Heimwege zu ihrem Manne: „Das hatte ich doch nicht geglaubt, daß die Juden so boshaftig sein können; nun nehme ich mir vor, daß ich bei keinem Juden mehr etwas kaufe." Am Nachmittage desselben Festes war ein christliches Mädchen verschwunden; man hatte sie in das Haus eines Juden hineingehen, aber nicht wieder herauskommen sehen. Allerlei müßiges Volk sammelte sich vor dem Hause an; die Mutter des Mädchens jammerte um ihr verlorenes Kind. Immer größer wird die Ansammlung; au dem schul- und arbeitsfreien Tage war eine solche Veranlassung willkommen. Unter den Hunderten, welche die Gasse vor dem Hause füllten, bemerkt man zwei Männer in Arbeiterkteidung mit auffallend weißen Händen und Gesichtern; sie lassen in brüderlicher Gemeinschaft die Schnapsflasche herumgehen. Da ruft aus der aufgeregten Menge eine Stimme: „Die Inden haben Mazzes gebacken, dazu haben sie das Blut des Mädchens gebraucht." Das war der Funke für das Pulverfaß. Bald ruft ein Zweiter: „Ich habe einen bärtigen Mann mit einem großen Messer in das Haus gehen sehen"*), ein Dritter: „Ich habe ein klägliches Schreien gehört."^) Ein Steinregen zertrümmert die Fenster des jüdischen Hauses, die Thüren werden erbrochen, das wüthende Volk stürzt hinein, zerschlägt die Geräthschaften, zerreißt Kleidungsimb Bettstücke, wirft die Maaren auf die Straße und hätte die Einwohner massakrirt, lvenn dieselben sich nicht versteckt oder geflüchtet hätten. Werthvolle Gegenstände, die leicht zu transportiren waren, werden eingesteckt. Die Bestie, die Blut geleckt hat, überfällt auch die anderen jüdischen Wohnungen, raubt, plündert, zerschlägt; ein Aufruhr ohne Gleichen durchtobt das sonst so friedliche Städtchen. Die Polizeimannschaft ist zu gering, um zu helfen; man ruft telegraphisch die benachbarte Garnisonstadt an, und nicht umsonst. Nach Verlauf einer Stunde erscheint ein Piket Ulanen, dem bald auf rasch requirirten Leiterwagen eine Abtheilung Infanterie folgt. Beim Anblick des Militärs stob die Plündererbande schreiend auseinander; Verhaftungen wurden vorgeuommen; die Entronnenen erfreuten sich zu Hause des leicht erworbenen Raubes. Die Männer in Arbeiterkleidung mit den feinen Händen verschwanden; die Schnapsflasche lag zerbrochen auf der Straße Das verschwundene Mädchen wird gefunden, oder auch nicht gefunden; das ist sehr gleichgiltig. Nachdem die Judenhäuser demolirt sind, wer hätte noch ein Interesse an dem verlaufenen Mädchen! Die Verhafteten werden dem Gericht übergeben und — die preußische Justiz kennt keinen Spaß — zu schweren Zuchthaus- und Gefängnißstrafen verurtheilt. Sie vertrauern Monate und Jahre hinter finstern Mauern, während ihre Angehörigen in Noth und Elend verkommen und den Urhebern ihres Unglücks — den Juden — fluchen. Ein Professor 1) Ein Schächter, der Gänse und Enten zum Feste schlachten sollte. 2) Eines Kalbes,, das mau schlachten wollte.

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