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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1891-08-21 · Heft 34 (21.8.1891) · p. Seite 404

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
55 (1891)
Issue
Heft 34 (21.8.1891)
Date
1891-08-21
Page
Seite 404 (sequence 8)
Language
German
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-404 sonst würdest Du Dich nicht weigern, ihn zum Schwiegersohn zu wählen." „Wenn Manuela ist, wie Du ihn schilderst, dürfte er Dein Opfer nicht annehmen." : „Opfer? Für mich ist es kein Opfer, denn ich liebe ihn, wie ich sonst keinen Menschen liebe, und Manuelo muß Jemanden haben,' der ihn so liebt, dainit er sein großes Unglück ertragen kann." Dann erzählte sie dem Alten, was heute vorgefallen war und wie sie entdeckt habe, was Manuelo ihr sei. „Weißt Du noch, Vater, wie unglücklich und trostlos wir Beide vor drei Jahren waren, als man die Mutter hinaustrug, und wie Manuelo uns in unserem Schmerz aufrichtete? Sollen wir ihn jetzt, da ihn das Schicksal mit harter Hand trifft, verlassen? Seit ich denken kann, lebt Manuelo in meiner Seele, — noch mehr, die meinige geht in der seinen auf. Ich habe meine Freundinnen stets verlacht, wenn sie von Liebe zu einem fremden Manne sprachen, ich konnte mir nie vorstellen, daß ich mein Herz Jemandem schenken könne, und ich wunderte mich oft selbst darüber. War ich denn anders geartet als alle anderen Mädchen meines Alters und Stammes? Nein, nein; nur gehörte mein Herz nicht mehr mir, und ich wußte es nicht." Tiefe Stille trat ein, der Alte wischte sich verstohlen eine Thräne aus de» Augen. Der Hauptgedanke seines Lebens, Rebekka glücklich verheirathet zu wiffen, eine frohe Enkelschaar um sich versanimelt zu sehen, die er lehren wollte, den Gott Israels zu verehren für und für — das Alles sollte nur ein Traum gewesen sein?! Konnte, durfte er Rebekkas Wunsch gewähren? Rebekka niochte wohl ahnen, welche Gedanken ihren Vater bestürmten, denn sie schmiegte sich fest an seine Seite, streichelte seine Hände und sprach fast demüthig: „Du sollst Vater und Mutter ehren, heißt es in den zehn Gebote», und ich ehre und liebe Dich, Vater, aber verlange nichts Unmögliches von mir. Ich weiß, es ist althergebrachte Sitte, daß die Töchter Israels ihre Gatten nicht selbst wählen, sondern dies der Einsicht ihrer Eltern überlaffen; ich weiß, daß Manuelo arm und krank ist, aber ich weiß auch, daß ich ihn mehr als mein Leben liebe und nur mit ihm glücklich werden kann. Nicht wahr, Vater, Deine kleine Rebekka war Dir bisher eine gute, folgsame Tochter? Sie wird es auch bis an ihr Lebensende bleiben. Ich werde Manuelo nicht gegen Deinen Willen heirathen; Du mußt mir helfen, um ihn zu werben. Ja; denn er würde es nie und nimmer wagen, um meine Hand anzuhalten, und am allerwenigsten, wenn sein großes Unglück über ihn hereinbräche. Willst Du Dein Kind glücklich machen, so geh hin und bitte Manuelo, es zu seiner Frau zu nehmen!" Tagelang kämpfte der alte Jacobo mit sich, zog den Chacham zu Rathe, bat Gott, ihm aus dieser Nothlage zu helfen, sprach aber mit Rebekka kein Wort darüber. Das Mädchen war wie verwandelt; kein Lächeln umspielte ihren Mund, die herrlichen Augen schimmerten stets in Thränen und ihre Wangen wurden täglich bleicher. Manuelo ahnte von den Seelenqualen seines heimlich angebeteten Ideals nichts. Nur zu wahr hatte Rebekka gesprochen, daß er es nie und nimmer wagen würde, seine Augen zu ihr zu erheben, wenngleich sie den Inbegriff aller Seligkeit für ihn ausmachte. Ihre Nähe schon ließ all' seine Pulse fieberhaft schlagen. Er, ein kranker, elender Mensch, durfte sie bewundern, anbeten, aber besitzen — niemals! Und doch gab es im ganzen Ghetto keinen Mann, der ihrer Liebe würdiger gewesen wäre als Manuelo. So stiefmütterlich ihn die Vorsehung mit äußerlichen Gaben geschmückt hatte, so reich hatte sie sein Inneres ausgestattet. Aber nur sehr Wenige kannten und verstanden dieses. Der Zustand seiner Augen verschlimmerte sich von Tag zu Tag und damit auch Rebekkas Jammer. Jacobo konnte das nicht länger mit ansehen und entschloß sich endlich, mit Manuelo zu sprechen. Dieser traute seinen Ohren nicht — Rebekka liebte ihn, wollte sein Weib werden, und er, er starb nicht vor Glück?! „Gott meiner Väter, du bist gut und gerecht und siehst in das Herz deiner Kinder," rief er voll Inbrunst: „Was bedeuten alle, alle meine Leiden gegen diese Stunde des reinsten Glücks! Habt Dank, tausendmal Dank, guter Jacobo, für diese Himmelsbotschaft! Der Gang ist Erich schwer geworden — ich weiß es, wenn Ihr auch den Kopf schüttelt." „UnV welche Antwort kann ich meiner Tochter bringen? darf ich Dich als Schwiegersohn umarmen?" „Wischt nicht verstohlen die Thränen aus Euren Augen, ich vergeh' sie Euch. Sagt Rebekka, daß sie mich zum glücklichsten Menschen auf Erden gemacht und mir die kurze Zeit, die mir noch zu leben bestimnit ist, versüßt hat; aber ich kann nie und nimmer ihr Gatte werden!" In den Augen des Alten blinzelte es seltsam, als er bewegt sagte: „Aber Rebekka liebt Dich und ich gebe Dir gern meinen Segen. Ich hitte Dich, Manuelo, sei fortan mein Sohn!" „Ihr wollt mein Vater sein, weil Ihr Euer Kind liebt, ich aber kann nicht Euer Sohn sein, gerade weil auch ich Rebekka liebe. Wißt, noch niemals ist ein Weib so geliebt worden wie Euere Tochter; ihr Anblick schon scheint mir lieblicher und süßer als ein Lenzesmorgen; jeder Gedanke, jeder Pulsschlag gehört ihr, aber verlangt nicht, daß ich sie zum Weibe nehme! ... Nie kann ich gestatten, daß ihr blühendes, kräftiges Leben mit meinem hinsiechenden verknüpft werde! . . . Jetzt geht, Vater Jätobo, das Glück, das unfaßliche Glück hat mich schwindelig gemacht, ich muß ein wenig ausruhen." Mit schwerem Herzen machte sich Jacobo auf den Heimweg. Armer, armer Manuelo! . . . Wie Rebekka den Mißerfolg der Sendung beibringen? Was würde sie dazu sagen? Und sie sagte sehr wenig; still, mit gefalteten Händen hörte sie zu, Thräne auf Thräne rieselte aus ihren Augen, dann erhob sie sich, nickte dem Vater stumm zu und verließ das Haus. Jacobo hielt sie nicht zurück, obwohl er ahnte, welchen Gang sie vorhabe. Eilig schritt sie dahin, eine ungeheure Unruhe trieb sie an; sie mußte Manuelo selbst sagen, wie sehr sie ihn liebe. . . . Der Leidende saß wie gewöhnlich unter dem großen Feigenbaum in dem abgeschlossenen Hofe, als Rebekka sich ihm näherte. Seine Wangen waren bleicher als gewöhnlich, ein glückliches Lächeln spielte um seine Lippen und die Rechte hielt er fest auf's Herz gedrückt. Das Mädchen neigte sich zu ihm herab und flüsterte: „Manuelo, ich komme zu Dir, wie immer, wenn ich mir nicht zu helfen weiß. Manuelo, der Mann, deffen Weib ich werden möchte, mag mich nicht; mein Herz ist so krank und wund." Manuelo antwortete nicht; sein Schlaf ist sonst so leicht — sie hat ihn schon oft überrascht. Jetzt erst bemerkt sie, wie bleich er ist; ein kalter Schauer durchrieselt ihren Körper ... so hat ihre Mutter ausgesehe» als-Mit einem markerschütternden Aufschrei sinkt sie ohnmächtig neben dem Todten nieder.- -i- * -r- Jahre sind verstrichen, der alte Jacobo ben Moises ist längst zu seinen Vätern heimgegangen, und Rebekka, die „schöne Jüdin", wie sie noch immer, von Jedermann genannt wird, hat sich nicht entschließen können, in den Ehestand zu treten. Eine alte Jungfer ist in dem Ghetto, wo die Mädchen schon mit 12—16 Jahren heirathen, etwas so Seltenes, daß in Mostär jedem Fremden die traurige Geschichte Rebekkas mitgetheilt wird. U

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