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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1891-08-21 · Heft 34 (21.8.1891) · p. Seite 403

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
55 (1891)
Issue
Heft 34 (21.8.1891)
Date
1891-08-21
Page
Seite 403 (sequence 7)
Language
German
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05 403 „Ja, das war meine Speranza, — Gott gebe ihr die ewige Ruhe. Wir haben an ihr viel verloren, mein Kind." „Versuchen wir es, die Prüfung tapfer zu tragen. Habe ich doch noch Dich, und Du hast mich, Vater. Was ich thun kann, um Dich den schweren Schlag vergessen zu machen, will ich thun. Manuelo soll sich in mir nicht getäuscht haben." Rebekka hielt Wort; sie führte das Hauswesen in musterhafter Ordnung. Jacobo ben Moises vermißte auch nicht die kleinste seiner Gewohnheiten. - Am Freitag Abend blitzte und blinkte es überall, und da Rebekka die Armen niemals vergaß, saßen am linieren Ende des Tisches zwei in Lumpen gehüllte Gäste, die der Vater aus der Synagoge mitgebracht, und erfreuten sich an den guten Festgerichten. Rebekka ward der Liebling des ganzen Ghettos, rmd gar oft klopfte Frau Luna, Manuelas Mutter, im Aufträge reicher Jünglinge bei Jacobo auf den Busch. Sprach der Alte darüber mit seiner Tochter, dann fiel sie ihm stets weinend um den Hals und rief: „Ich sehe, Vater, ich mache Dir's nicht recht und Du willst mich aus dem Hause haben." „Aber, Kind, so nimm doch Vernunft an. Wie heißt es doch in der heiligen Schrift? „Du sollst Vater und Mutter verlosten und dem Manne folgen." „Aber ich mag keinen und will nur bei Dir bleiben! Welcher Mann würde mich auch so verwöhnen und mich so lieb haben, wie mein Väterchen? Sage Mutter Luna, daß ich bei Dir bleibe und damit basta!" Ein schallender Kuß und fort war Rebekka. Sie eilte zu Manuelo, um ihm mit fliegendem Athen: zu erzählen, daß sie sich wieder einen Freier vom Halse geschafft. Hütte das Mädchen ahnen können, was in seiner Seele vorging, und wäre sie sich selbst klar geworden, weshalb sie so viele Körbe austheilte — ihr Verkehr mit Manuelo wäre ein anderer gewesen. Er liebte Rebekka mit der ganzen Innigkeit und Tiefe seines Wesens und dachte mit Entsetzen an die Stunde, wo er sie für immer verlieren würde, denn daß sie das Weib eines Andern werden müffe, stand für ihn fest. Er, ein halber Krüppel, durfte ja nicht die Hand nach dieser prächtigen Blume ausstrecken; fühlte er doch nur zu gut, daß es mit seiner Gesundheit immer mehr abwärts ging. In all den schlaflosen Nächten und schmerzensreichen Tagen kam nie ein Klagelaut über seine Lippen. Daß die Krankheit, an der er litt, in vielen Fällen Blindheit zur Folge hat, wußte er nicht, und deshalb beunruhigte es ihn anfangs gar nicht, als er bemerkte, daß sein Augenlicht schwächer wurde. So lange er sich von seinen geliebten Büchern nicht zu trennen brauchte, war er mit seiner Lage zufrieden. Aber sein Zustand verschlimmerte sich von Monat zu Monat, und Rebekka drai:g schließlich in ihn, seinen Gönner zu befragen. Dieser beruhigte ihn, wünschte mit der Mutter zu sprechen und theilte ihr die traurige Thatsache mit, daß ihr einziger Sohn schon in nächster Zeit mit Blindheit geschlagen sein werde. „Und giebt es keine Hilfe?" „Nur dann, wenn Ihr Euren Sohn von einem der berühmten Augenärzte in Wien operiren lasset." „Das kostet wohl viel Geld?" „Nicht mehr, als Ihr um Eure Stirne tragt; opfert Eurem Kinde die Goldstücke Eures Kopfputzes und es ist vielleicht gerettet!" „Höre Israel, Gott meiner Väter, welche Schmach deiner Tochter zugefügt wird! Ich soll mich von meinem Stirnband trennen, ich, die ich zeitlebens alle deine Satzungen treu befolgt habe! Strafe den Frevler, der mir so Unerhörtes zumuthet!" Die entsetzliche Mittheilung, daß ihr Sohn erblindet sei, hatte die Frau nicht so sehr aus der Fassung gebracht, wie die Zumuthung, ihre Goldstücke für ihn zu opfern. Sie mußte sofort ihrem Herzen Luft machen, und so eilte sie denn zu Rebekka, der sie das Schreckliche erzählte. Der Arzt war zwar selbst Jude, aber kein spanischer, er wußte daher nicht, wie zäh seine spanischen Glaubensgenossen an den althergebrachten Sitten hingen. Das Stirnband, welches sich von der Mutter auf die Tochter vererbte und ein kleines Vermögen repräsentirt, zu opfern, war rein undenkbar! In Rebekkas Augen stand das Entsetzen geschrieben; nur ein Gedanke kreiste in ihrem Hirn: Manuelo blind! Manuelo, den sie mit jeder Faser ihres Herzens liebte, ihr Manuelo blind, und es gab eine Möglichkeit, ihn zu retten! Seine in Vorurtheilen und Aberglauben alt gewordene Mutter wollte lieber ihr eigenes Kind erblinden lassen, als ihr Stirnband opfern, aber sie, Rebekka, sie mußte ihn retten! Aber wie, wie?! Vor Allein nahm sie Luna das Versprechen ab, dem Patienten nicht zu verrathen, was der Arzt gesagt hatte; sie selbst wollte ihn nach und nach vorbereiten und eilte sofort zu ihm. Mit eiserner Willenskraft zwang sie ein Lächeln auf ihre Lippen, scherzte mit ihm und las ihm aus einem seiner Lieblingsbücher vor, während sie nur daran dachte, ihn vor dem schrecklichen Schicksal zu bewahren! Sie war sich voll bewußt, daß Frau Luna sich niemals von ihrem Aberglauben bekehren lasten würde, und wenn auch — wer sollte Manuelo begleiten? Ein Blinder konnte eine so beschwerliche Reise nicht allein unternehnien. Wenn sie doch nur ein Mann wäre! Auch auf dem Heimwege beschäftigte sie nur der Gedanke: „Manuelo muß gerettet werden; wenn es nicht anders geht, begleite ich ihn." Ihr Vater war an diesem Abend ungewöhnlich guter Laune. Kaum hatte er nach dem Essen sein Dankgebet gesprochen, als er Rebekka bat, an seiner Seite Platz zu nehmen und ihn anzuhören. „Sag', Rebekka, willst Du wirklich keinem Mann gestatten, Dich glücklich zu machen?" Ein schwerer Seufzer bildete die Antwort. „Weißt Du, wer heute bei mir um Deine Hand angehalten hat?" „Nein, und ich will es gar nicht wissen; ich heirathe nicht!" Ein heftiges Schluchzen erschütterte ihren Körper. „Aber Kind, Kind, was fehlt Dir? Beruhige Dich doch!" „Ach, ich bin so unglücklich, so grenzenlos unglücklich." Diese Worte schnitten Jacobo ins Herz. Sein Kind unglücklich! Sein Kind, das er wie seinen Augapfel gehütet, das ihm den Lebensabend verschönt, unglücklich! „Was ist geschehen, Rebekka? Noch heute morgens sangst Du wie eine Lerche und triebst allerlei Possen mit den Kunden im Laden, und jetzt findet Dich Dein Vater vo>: Kuinmer niedergebeugt! Steht cs in meiner Macht, Dir zu helfen, so soll's geschehen; nur weine nicht mehr, mein Kind." Bei diesen tröstenden Worten durchzuckte sie plötzlich ein Gedanke; sie erhob ihr thränenüberströmtes Gesicht und sagte festen Tones: „Ja, Vater, Du kannst mir helfen und ich will auch einen Mann!" „Wie soll ich das verstehen? Soeben brachst Du in Thrünen aus, weil ich von einer Werbung sprach, und jetzt erklärst Du wieder, Du wollest einen Mann .... Du sollst ihn haben, ja, noch heute muß Jsaac ben Jsai . . ." „O Vater, Du folterst mich! Ich denke nicht an Jsaac, denn ich liebe Manuelo!" rief das Mädchen erregt. „Manuelo? Nein, nein, das ist nicht möglich, daß mein blühendes Kind an diesem —" „Unglücklichen, vom Himmel schwer Geprüften Gefallen finde, meinst Du? Doch, Vater! Welcher andere Mensch hätte so viel unverschuldetes Leid mit solcher Geduld und Sanftmuth ertragen? Ihr nanntet ihn einen Abtrünnigen, und doch hält keiner in unserer Gemeinde fester an unserem Glauben als Manuelo. Nur der Glaube an die Gerechtigkeit und Güte Gottes, der seinen Geschöpfen Leiden auferlegt, um sie zu prüfen, nur dieser Glaube ließ Manuelo ohne Murren sein Schicksal ertragen. O, Vater, Du kennst Manuelo nicht,

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