Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1891-08-21 · Heft 34 (21.8.1891) · p. Seite 402

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
55 (1891)
Issue
Heft 34 (21.8.1891)
Date
1891-08-21
Page
Seite 402 (sequence 6)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3224737-3227877-3227912--48175-3270681
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Der Mönch aber, oder vielleicht richtiger die Mönche haben bei solcher Umdichtung der Eliasage als Priester der Religion der Liebe zweierlei vergessen: 1. daß auf dem Wege nach Golgatha, wo er das herbste Leid geduldig wie ein Lamm sollte über sich ergehen lassen, Christus unmöglich einen Fluch aussprechen konnte; 2. daß Christus, die höchste richterliche Autorität des Christenthums, durch seinen Ausruf am Kreuze: '„Herr, vergieb ihnen, denn sie wissen nicht, was sie thun!" seinen Gegnern und Verfolgern vergeben, und wenn sie Missethäter waren, sie amnestirt hat. Wie wollen nun die Erfinder der Sage vom ewigen Juden und mit ihnen viele gelehrte Theologen die Behauptung rechtfertigen, Gott habe das jüdische Volk unter Druck und Leiden nur so lange erhalten, um ein lebendes Beispiel jenes Strafgerichts aufzustellen? Indem sie also den christlichen Staat zum Exekutor eines nach ihrem Ermessen verdienten, aber nirgends erweislich gefällten Urtheils an einem erweislich Begnadigten machen, sprechen sie den einfachsten Prinzipien des Rechts Hohn. Der Name Cartophilus, unter welchem der ewige Jude zum ersten Male vorkommt, zeigt, daß derselbe ein Geschöpf des Mittelalters, und zwar der Gelehrten des Mittelalters sei, da sich Letztere nicht wenig im Latinisiren und Gräcisiren von Namen gefielen. Das Wort Cartophilus wird auch in einem von dein berühmten Orientalisten Letteris mitgetheilten alten Manuskripte erwähnt und ist da keineswegs als nomen proprium, sondern als Gemeinname einer Gelehrtenklaffe in Jerusalem gebraucht; es wird von Letteris „Archivar" übersetzt. Wahrscheinlich sollte bei dem Erfinden der Sage vom ewigen Inden der Name Cartophilus die gelehrten, dem Christenthume so verhaßten Pharisäer kennzeichnen, und wie charakteristisch lautet da der dem Cartophilus in den Mund gelegte Ruf „Geh schneller!" d. h. „Geh doch endlich aus der Passivität in Aktivität über!" Ganz passend ist dann auch die Antwort Jesu: „Ich will gehen, du aber sollst warten, bis ich wiederkommen werde!" wodurch das mächtige Anwachsen des Christenthums und die seither fast ununterbrochene Leidensgeschichte des jüdischen Stammes, dessen scheinbarer Stillstand und die Beharrlichkeit in der Jndividlialitüt verkündigt werden soll. Erst die spätere, die Refvrmationszeit, in welcher die biblischen Namen mehr in die Mode kamen, hat auch den ewigen Juden mit einem biblischen Namen belegt; und da man billig Bedenken hegte, dem Popanz einen der gefeiertsten Namen des heiligen Buches beizulegen, erhielt er den des kuriosesten Helden der biblischen Erzählung, den des närrischen Perserkönigs Ahasver, einen Namen, der nie als bei den Juden besonders geachtet, nie bei den Juden als Personenname in Gebrauch gekommen erscheint. In der Art, wie die Sage vom ewigen Juden in den Alpenländern anftritt, wo aus den Thränen Ahasvers ein frischer Alpenbach entstanden, und in der Weise, wie Eugen Sue ihn in seinem Roman auftreten läßt, zeigt sich wieder etwas von der wohlthätigen Natur des Elia. Die im Vorhergehenden enthaltenen Andeutungen mögen genügen, dem Leser die wahrscheinliche Entstehung der Ahasverussage klar zu machen und Forscher zu weiterem Quellenstudium anzuregen. Der Verfasser dieses Aufsatzes hat, um Weitschweifigkeit zu vermeiden, die biblische Erzählung überall nur kurz angedeutet, die verschiedenen Bearbeitungen der Sage aber, als außerhalb des Rahmens dieser Besprechung liegend, völlig außer Acht gelassen. Nicht um eine Kritik mehr oder minder gelungener schriftstellerischer Werke sollte es hier sich handeln, sondern um Kennzeichnung des Geistes, dem ein Mythus seine Entstehung verdankt, der so viele begabte Denker und Poeten angeregt hat. Uns aber sei es gestattet, in dem mildern Geiste, wie es unserer Zeit geziemt, den Worten der Sage, wie sie auf uns gekommen ist, eine mildere als die bisher übliche Deutung zu geben. In den Worten, welche die Sage Christo in den Mund legt, findet sich kein Ausdruck, der geradezu einen Fluch andeutet. Es heißt nur: „Du sollst warten, du sollst wandern!" Die Zukunftsform des Zeitwortes hat im Hebräischen, welches doch Christus in Jerusalem wahrscheinlich gesprochen hat, sowohl die schlichte Bedeutung des Futurums (der Zukunftsform) wie in anderen Sprachen, aber auch die des Imperativs (der Befehlsform) mit „Sollen", als „du sollst", „ihr sollt". Erlauben wir uns nun die Anrede Christi an Ahasver, wie sie das Volksbuch erzählt, in die Ursprache, das Hebräische, zurückzuübersetzen, dann heißt es einfach: „Du wirst warten, du wirst wandern", und aus dem: „Nicht sterben können" wird auch ganz wohl: „Nicht sterben müssen". Da erscheint nun in den Worten: „warten" und „wandern" dem jüdischen Stamme das Schicksal vorhergesagt, durch Jahrtausende langes Leiden die läuternde Kraft der Passion, des Martyriums an sich selbst kennen zu lernen. Zurückgedrängt, fern dem Getriebe der Aktion der Weltgeschichte, soll der jüdische Stannn in Treue aushalten, bis das Prinzip der Humanität, welches die Ideale des thätigen Strebens und des. geduldigen Leidens in sich vereinigt, allmülig zum endlichen Siege gelangt sein wird. , U FEUILLETON -*&- Rebekka. Von Bertha Kätscher. (Schluß.) „Nein, das bist Du nicht, oder ich müßte mich sehr in Dir getäuscht haben. Der erste gewaltige Schicksalsschlag, der Dich getroffen, hat Dich niedergebeugt, aber nicht gebrochen. Weine, weine, Rebekka, diese heißen Thränen sind der Zoll, den Deine dankbare Kindesseele dem Andenken einer zärtlichen Mutter weiht! Den geliebten Todten sollen wir stets einen Platz in unserm Herzen einräumen, aber nicht weniger den Lebenden, die uns nahe stehen. Du hast einen Vater, Rebekka, einen Vater, dem Du jetzt Eins und Alles auf der Welt bist! Sieh doch, der alte Mann bricht fast zusammen unter der Last seines Grams; Deine jungen Schultern könnten ihn stützen, Deine Liebe würde ihn aufrichten. Thue Deine Pflicht; versuche, im Unglück groß zu sein!" Ein krampfhaftes Schluchzen war die Antwort auf diese Ermahnung. „Jacobo ben Moiscs," wandte Manuela sich nun an den Alten, „ich bin zwar nur ein kranker Krüppel und verstehe mich nicht auf Weiberherzen, aber Rebekka glaube ich zu kennen; sie wird Euch eine gute Tochter sein, die Freude Eures Alters." Noch immer sprach Rebekka kein Wort, aber ein Blick aus ihren wunderbaren Augen traf den Jüngling und sagte ihm, daß er seine Mission erfüllt habe. Schweigend und ohne Gruß — so fordert es die Sitte Trauernden gegenüber — verließ er das Gemach. Jetzt umschlang das Mädchen den Vater mit beiden Armen, drückte heiße Küsse auf seine welken Wangen und Hände und sagte: „Kannst Du mir jemals verzeihen, daß erst Manmlo — Gott segne ihn — mich zu meiner Pflicht zurückführen mußte?! ... Ich hatte die Mutter so unendlich lieb! Aber auch Dich liebe ich innig, und ich will Dir eine gute Tochter sein, wie sie Dir eine gute Gattin gewesen."

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.