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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1891-08-21 · Heft 34 (21.8.1891) · p. Seite 401

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
55 (1891)
Issue
Heft 34 (21.8.1891)
Date
1891-08-21
Page
Seite 401 (sequence 5)
Language
German
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WM - 401meinen nur, das Lied enthalte Gedanken, die sich besonders für ein Gemüth, voll der Sabbath-Weihe, eignen. Sie erinnern aber an den oben erwähnten Gegensatz, ob hier an die Schöpfung oder an die Regierung der Welt zu denken sei. Sie stellen denselben in der theologischen Form auf, ob der erste Sabbath der Schöpfung oder der Sabbath des Gottesreiches gemeint sei. Auch in dieser Gestalt muß ich den Gegensatz leugnen, und es scheint mir eine schöne und tiefe Mystik in dem Ausspruche eines Alten zu liegen, der Anfangs- Sabbath selbst habe diesen Psalm gesungen zum Preise des Schluß- Sabbath, welcher die vollkommene und ewige Seligkeit sein wird. Hier wird Ausgang und Ziel der Weltgeschichte zusammengefaßt. — In der That, unser Psalm ist eine Theodicee. Ich komme zum Schluß. Kann man die ethische Bestimmung des Menschen und zugleich sein Glück und seine Sicherheit in dieser Bestimmung anschaulicher vorführen, als in diesem kurzen Ausdruck geschieht: „gepflanzt im Hause Gottes"? Und weil dort gepflanzt, darum „sprossen die Gerechten noch im Greisenalter, bleiben frisch und saftig". So sind sie als Thatsachen Zeugen dafür, „daß Gott, mein Fels, gerecht ist und ohne Fehl" — Worte, welche sichtlich an das alte Zeugelied (3. Mos. e. 32) erinnern sollten. Auch Sie, hochverehrter Herr, gehören zu diesen Zeugen. Gott erhalte Sie noch lange in Gesundheit zum Heile Israels! Ihr ergebenster Steinthal. 9 Mtbtx den Ursprung der Sage vom „Ewigen Juden". Von D. Men dl in Prag. (Schluß.) Auf dem Gebiete geistiger Thätigkeit repräsentirt Elia das unermüdliche Forschen, den stetcn Fortschritt, dem einst in künftiger Zeit die Lösung der Fragen gelingen wird, die bisher noch ungelöst sind; und darum meint der Talmud bei solchen ungelösten Fragen: „Das bleibe vertagt, bis einst Elia kommt." So lebt Elia ewig, und Viele wollen in ihm die Personifikation der unverwüstlichen Existenz des jüdischen Volkes erblicken, einer Unverwüstlichkeit, die bereits in einer talmudischen Sage prophezeit ist. „Als nämlich," so erzählt die Sage, „die Israeliten am Berge Sinai dem Mose auf dessen Anrede mit dem Zuruf erwiederten: .Alles, was der Ewige spricht, wollen wir thun und hören!' da sprach der Herr zum Engel des Todes: .lieber alle Völker reiche deine Gewalt, nur über dieses Volk sollst du keine Gewalt haben!'" „Jede Sage," meint Gervinus, „ist lokal gebunden, während Mythus und Märchen vagabundiren. Die Sage wandert wohl auch und manchmal wundersam weit, aber immer hat sie die Tendenz, ihr Dasein an einen Ort zu knüpfen und Heimathrecht zu erwerben. Sagen sind die Vögel, die man nicht eher zum Schuß bekommt, als bis sie sich irgendwo niedergelassen haben." Die Sage aber von dem unstätcn, ewig dahin und dorthin, ohne Ziel, ohne Rast wandernden Juden ist nichts weniger als lokal, also eigentlich keine Sage, keine Voklssage im Sinne des Wortes, sondern ein Mythus, der erst von oben herab in das Volk hinein getragen wurde; sie ist da, wo sie ihren Ursprung genommen haben sollte, im Orient, ganz fremd. Wohl erwähnt ein Litteraturhistoriker, daß im Jahre 16 der Hegira (638 n. Ehr.) einem arabischen Feldherrn ein Mann begegnet sei, uralt nach seinem Aussehen, der erzählte, er heiße Zarib bar Elia, habe bereits zu Zeiten Jesu Christi gelebt und sei von diesem angewiesen worden, im Gebirge zu leben und Christi Wiederkunft zu erwarten, aber von einer Schuld, die Zarib bar Elia zu büßen habe, oder sonst dergleichen ist in dieser Sage gar nichts erwähnt, ja der angeführte Mann weist unverkennbar auf Elia hin. Ueberdies scheint nach dem Zeugniffe des Evangeliums der Ewigwandernde, Elia, als Helfender schon zur Zeit Christi bekannt gewesen zu sein, keineswegs aber als Schuldbeladener, als Büßer. Als nämlich, erzählt das neue Testament, Christus am Kreuze in den Schmerzensruf ausbrach: LU, eli, lomoazabtani! Mein Gott, mein Gott! warum hast du mich verlassen, da sagten die des Hebräischen unkundigen römischen Soldaten von dem Gleichklange des Wortes „Eli", „mein Gott", irregeführt: „Hört, er ruft den Elia, daß er ihm helfe!" Die Sage vom „ewigen Juden" aber, wie wir sie keimen, kam erst im Abendlande auf. Von derselben giebt Mathäus Paris in derUistoria anglica für die Jahre 1228 und 1252 die erste Kunde. Er nennt den „ewigen Juden" „Cartophilus" und erzählt, dieser sei des Pilatus Thürsteher gewesen und habe Jesu bei seinem schweren Gange nach Golgatha spöttisch auf die Achsel geklopft und zugerufen: „Geh schneller!" worauf Jesus antwortete: „Ich will gehen, du aber sollst warten, bis ich wiederkommen werde." Seitdem nun habe der Jude nicht sterben können, irre unstät durch die Welt und warte auf den jüngsten Tag, an dem Christus als Richte; über die Todten und Lebendigen wiederkommen wird. Dieselbe Sage wiederholt sich in Moeskens flandrischer Reimchronik, und im Jahre 1547 gab Daduläus in Hamburg eine „Rewe Zeitung vom Juden Ahasverus" heraus, worin es heißt, derselbe sei zu Danzig erschienen als ein langer uralter, sehr schlecht gekleideter Mann mit Trauern und Seufzen und habe gesagt, er sei ein Schuster in Jerusalem gewesen. Seitdem will man denselben ewigen Juden auch an anderen Orten gesehen haben, unter anderen Namen, z. B. „Gregorius, Bettadäus." Nach Wolfs niederländischen Sagen wurde der ewige Jude unter dem Namen „Jsak Laquedem" in Brüssel gesehen. Ein Münchener Volksbiichlein von Auerbacher 1837 erzählt: Christus, mit dem Kreuz belastet, will vor Ahasverus Thür einen Augenblick ruhen; der Jude stößt ihn zurück, und Christus spricht: „Weil du des Menschen Sohn keine Rast vergönntest, so sei auch dir fortan keine Ruhe vergönnt, und du sollst wandeln und wandern, bis ich wiedcrkommen werde." Dieser Fluch geht nun in Erfüllung, und der Jude müsse wandern und fliehen und könne nirgends rasten und nicht sterben. Die Geschichte erzählt nun seine Wanderungen und stellt ihn in einer Menge von Situationen dar. Unter Anderem war er in der Kaiserzeit in Rom zur Zeit einer Christenverfolgung. So findet sich die Sage in deutschen, englischen, dänischen, holländischen und französischen Volksbüchern, aber, was wohl zu beachten ist, in keinem Volksbuch-, das in was immer für einem orientalischen Idiom geschrieben wäre. Demnach war die Sage dem Orient fremd und unbekannt, und cs drängt sich demjenigen, der die Sage von dem ewig lebenden, ewig wandernden Elia kennt, folgende Vermuthung auf: Der spintisirende Geist irgend eines mittelalterlichen Mönches hat in einerder damals häufigen spitzfindigen Disputationen zwischen Mönch und Rabbi oder sonstwo die Eliasage kennen gelernt und diese in derselben Weise umgcwandelt, wie die christlichen Missionäre überall die heidnischen Götter, die sie aus dem Volksbewußtsein nicht ausreißen konnten, in Teufel umgeschaffen haben. Der Mönch mochte wohl in Elia eine Personifikation des unstäten, aber durch keine Gewalt zu vernichtenden jüdischen Stammes erkannt haben, des jüdischen Stammes, der alle seine Dränger und auch die mächtigen Römer, und noch dazu in ungeschwächter Individualität, überdauerte. Ließ sich nun die Eigenthümlichkeit, die Zähigkeit der Existenz dem jüdischen Stamm nicht absprechen, so erkannte man dieselbe an, erklärte sie jedoch als eine Strafe für das an Christo begangene Verbrechen.

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