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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1891-08-21 · Heft 34 (21.8.1891) · p. Seite 400

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
55 (1891)
Issue
Heft 34 (21.8.1891)
Date
1891-08-21
Page
Seite 400 (sequence 4)
Language
German
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—r— »WWW 4Ö0 er hofft, ohne zu sehen, ja im Gegensatz zu dem, was er sieht, und man wird auch die Form des Ausdruckes, gerade ihre Unregelmäßigkeit künstlerisch begründet finden, man wird sie malerisch finden: „Wenn Frevler wie Kraut sprießen — es blühen alle Uebelthäter: damit sie vernichtet werden für immer!" Wer wird hier ein Wort vermisien? Der Dichter geht aus von der Annahme der Möglichkeit, ja dem Zugeständniß der Wirklichkeit, um letztere mit einem plötzlichen und entscheidenden Schlage, der keiner parallelen Wiederholung bedarf, ins Nichts zu Verkehren. Und so hebt sich nun auch der folgende einzige Gegensatz: „Du aber bist erhaben auf ewig, Gott!" gerade durch den Mangel des Parallelismus in bezeichnendster Weise ab. Auch an dem Worte aiNk2 hat man Anstoß genommen und hat daraus auf Entstellung des Textes geschloffen: denn es sei kein Adjektiv „erhaben", sondern ein Substantiv. Eine solche Redeweise kehre nirgends wieder. Aber man hat übersehen, daß sie Hesekiel 16, 7 in voller Analogie wiederkehrt; und verstanden muß sie genau so werden, wie wir im Deutschen von Jemandem, den wir „sehr gut" nennen wollen, vielmehr sagen, er sei „die Güte selbst". Der Psalm sagt: Gott ist die Erhabenheit selbst. Wir müffen also die Bcrstärkung übersetzen: „hocherhaben, allerhaben" und in Hesekiel: „Du warst ganz und gar nackt." Solche Kunst der Form ist gerade nur der echten Natur zu eigen. Unser Dichter ist aber seiner Hoffnung so sicher, daß er, ohne zu sehen, im folgenden Verse dennoch schon auf den Untergang der Feinde Gottes wie mit dem Finger hinweist: „Denn siehe, deine Feinde, Gott, denn siehe, deine Feinde kommen um, alle Uebelthäter werden umhergestreut." Wenn es nun richtig ist, in V. 5 u. 8 keine Anspielung auf ein besonderes Ereignis; zu sehen und in *]bpa und "pT 'ffjia, in jedem dieser beiden Ausdrücke zugleich sowohl die Schöpfung als die Regierung der Welt durch Gott zu erkennen, so ist in B. 6 der Uebergang von der Größe, d. h. der Allmacht und Allweisheit, welche sich in der Schöpfung offenbart, zur Weisheit, Gerechtigkeit und Güte, welche sich in dem Regierungsplan kundgiebt, durchaus natürlich; es ist gar kein Uebergang, sondern beides wird unmittelbar neben oder in einander gestellt. Der selbstsüchtige Thor freilich begreift Gottes Gedanken nicht, nur der Fromme erkennt sie in Demuth: „Du Gott bist erhaben in Ewigkeit." Gott läßt die Bosheit eine Zeit lang gewähren, bis ihre Blüthe plötzlich abgeschnitten wird; aber er schützt die Frommen in Ewigkeit. „Der Gerechte blüht wie die Palme, wächst hoch wie die Ceder des Libanon; gepflanzt im Hause Gottes, blühen sie in den Höfen unseres Gottes." — Wie viel Worte müßte man haben, um den Sinn dieses Bildes „gepflanzt im Hause Gottes" zu erschöpfen! und dann müßte man alle diese Worte streichen, um den Sinn des Bildes zu fühlen. Der Vergleich des Menschen mit Bäumen, Blättern und Blüthen zum Ausdruck der Kraft, Schönheit und auch Hinfälligkeit deffelben fehlt wohl in der Dichtung keines Volkes und ist namentlich für die heidnischen Semiten bedeutsam. Aber auch den Hellenen ist er geläufig, und eng mit unserm Verse berührt sich der homerische (06. 6, 182 1.), wo die Schönheit der Nausikaa mit folgenden Worten gepriesen wird: „Ja, auf Delos einmal, da sah ich am Altar Apollons Dir gleich jugendlich frisch aufsteigend den Schößling der Palme;" und bei uns gehören Ausdrücke, wie: „stark wie die Eiche, schlank wie die Tanne", schon dem gewöhnlichen Leben an und haben den poetischen Charakter schon völlig verloren. Der Psalmvers aber (ganz verschieden von Ps. 1, 3) ist in einer durchaus anderen Weltanschauung entstanden. Das Bild ist nicht der sinnlichen Wirklichkeit entlehnt; und sucht man sich dasselbe konkreter auszugestaltrn, so denkt man etwa an Samuel „den Rufer" (Ps. 99, 6), nicht „im Streit", sondern im Gebet, welcher als junger Knabe in den Tempel versetzt war, um hier unter der Obhut des Priesters vor dem Antlitz Gottes aufzuwachsen. Nicht Naturkraft ist die Stärke des Frommen, nicht die feuchte Erde und warme Sonne bedingen sein Wachsthum; er lebt durch das Wort Gottes, das er deutet und verkündet, das er erfüllt und das ihn segnet. Wie ich den Gegensatz zwischen Welt-Schöpfung und -Regierung im Bewußtsein des Psalmdichters nicht zugestehe, so leugne ich nun zweitens auch einen anderen Gegensatz, welcher den Interpreten in Verlegenheit bringen kann, ob man nämlich in den Psalmen nur die individuelle Lage des Dichters oder die allgemeine des Volkes erkennen solle. Denn ich meine, daß die Auslösung des individuellen Bewußtseins aus dem allgemeinen vom hebräischen Dichter noch gar nicht vollzogen sei. Selbst wo sich der Prophet im Gegensatz zum Volke nach dessen wirklichem Bestände weiß, auch da denkt er sich innerhalb dieses Volkes, aber nach dessen idealer Bestimmung. Daher trägt er dessen Sünden, leidet er dessen Leiden und erhofft er dessen Glück. Vor Gottes Walten und dem Sittengesetz hat der Unterschied zwischen Völkern (die ja auch nur „ein Tropfen am Eimer" sind) und Einzelnen keine Bedeutung. Frevler können diese wie jene sein, und danach wird Gott diese wie jene züchtigen. Dennoch wird anzunehmen sein, daß mindestens am häufigsten im Gedanken des Psalmisten das Volk im Vordergründe stehe. Nicht für sich klagt, bittet und hofft er, sondern für sein Volk, wenn er auch „ich" sagt. In dem 8. und 10. Verse unseres Psalmes könnten, abstrakt genommen, „die Frevler" Einzelne wie Völker sein; aber der Schluß: „um für immer vernichtet zu werden" kann sich nur auf die Gesammlheit aller Gottlosen, also auf die Völker beziehen; der Dichter mag an das schon vernichtete Assur, oder Babylon, oder an die Nachbar-Völker Israels gedacht haben in der sichern Hoffnung, daß es denr gottlosen Dränger Israels zu des Dichters Zeit ebenso ergehen werde. — Und wie? woran denn denken wir heute Alle bei jenem Verse? Sicherlich daran, daß der Richter der Welt auch jene gräuelvolle Regierung im Osten, deren Unthaten zum Himmel schreien, bald vernichten werde für immer, daß sich „der Stein losreißen werde ohne Menschenhände", der den Koloß auf „thönernen Füßen" zertrümmert. Und mit ruhigem Gewissen bete ich die Verse: „Gieße deinen Grimm und deine Zornesgluth über jene Fürsten, die, deiner Lehre uneingedenk, Jacob verschlingen, ja ihn verschlingen und aufrciben, und die seine Wohnung verwüstet haben; verfolge sie in Zorn und vertilge sie unter dem Himmel Gottes", damit nicht nur Jakob erlöst, sondern jenes große Volk von vielen Myriaden, „die meist noch nicht zu unterscheiden wissen zwischen rechts und links", frei werde von seinen Raubfürsten, p-n fibüöö. Wenn es also im 11. Verse heißt: „Und du läflest hochwachsen mein Horn, wie das des Büffels." so ist doch wohl dieses Horn nur als Horp des Volkes Israel, ^*02?' pp, 'ZV1? pp zu denken und danach auch der 12. Vers zu deuten. So bestimmt aber auch hier an das Volk zu denken ist, so fest steht doch in den Versen 13—15 vor der Phantasie des Dichters der einzelne Gerechte innerhalb des gerechten Volkes; denn, fallen auch beide zusammen, so drängt sich doch in der poetischen Phantasie die konkrete Person lebhaft hervor. So kommt der Dichter ohne Sprung vom Volke (V. 11. 12) zum Einzelnen (V. 13—15). Der Dichter selbst hat gewiß nicht gemeint, mit unserem Psalm ein Lied zur Verherrlichung des Sabbath zu geben; er gedenkt ja des Sabbath nirgends. Auch unsere mittelalterlichen Interpreten

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