Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 55 (1891)
- Issue
- Heft 34 (21.8.1891)
- Date
- 1891-08-21
- Page
- Seite 399 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3224737-3227877-3227912--48172-3270678- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
399 Kerrn % Uerenbourg zum 21. August 1891. Von Professor Dr. H. Steinthal. Hochverehrter Herr! Obwohl ich nicht den Anspruch erheben darf, unter den Männern der Wissenschaft des Judenthums zu zählen, so hege ich doch das Verlangen, Ihnen zu Ihrem 80. Geburtstage meine Theilnahme zu beweisen, möchte aber dem einfachen Ausdruck derselben eine kleine Darbringung beifügen. Zu diesem Behufe wähle ich eine Betrachtung des 92. Psalmes. Unsere Bibel bietet ja für jede Gelegenheit und jedes Gefühl den klassischen Ausdruck; und glaubt man das eigentliche Wort an der einen Stelle gefunden zu haben, so zeigt bald eine andere Stelle einen nicht minder treffenden Spruch. Denkt man z. B. daran, wie das Alter Moses gezeichnet wird, so wird man wohl bald an das erinnert, was Kaleb von sich sagt (Jos. 14, 10 f.). Und ist wohl jemals ein Jubiläum gefeiert worden, bei welchem nicht die Verse 13—15 unseres Psalmes citirt worden wären? Aber nicht blos diese Verse, der ganze Psalm ist ja das echte Jubiläumslied, und Ihrer gedenkend, habe ich mir denselben durchlesen, durchdacht. Er ist, nach der Ueberschrift, der Sabbath-Psalm. Das Jubiläum aber ist ja der große Sabbath. Man muß nur nicht meinen, der Sabbath sei die müßige Ruhe, das Stillstehen des Lebens; sondern er ist, wie ihn die Bibel nennt, der JJJJ, die gottinnige Lust, das Paradies auf Erden, das Leben des Geistes im Genüsse seiner Selbstbethätigung als der reinen Gottesgabe. Nun würde ich gern diesen Psalm übersetzen, wenn ich es zu erreichen vermöchte, daß aus der Uebersetzung wie aus dem Original der Jubel des 33$ ertönte. Indessen, wenn alle Uebersetzung matt bleibt, so gewiß die der Bibel. Das Hebräische ist nun einmal die Sprache der Religion, und ihre Wörter sind vieldeutig nicht in dem Sinne, daß dieselben bald diese und bald jene Bedeutung haben lönnen; sondern sie sind vielsagend, gedankenreich; ihren Sinn umschwebt immer die religiös-ethische Atmosphäre, welche denselben eine nähere Bestimmung gibt; und vieles ist im naiven Geiste des Hebräers noch nngeschieden, was wir auseinander zu halten gewohnt sind. Daher muß man nicht selten ein hebräisches Wort durch mehrere ersetzen und so gewiffermaßen definiren. So müßte ich mm sogleich im ersten Verse unseres Psalmes thun und etwa sagen: „Es ist recht und schön, Gott zu danken und deinen Namen, Höchster, zu singen, am Morgen deine Gnade zu preisen und des Nachts deine Treue. Denn du erfreust mich durch dein Wirken und Walten; ob deiner Schöpfungen und Thaten jubele ich." Es scheint mir, daß dieses Verses wegen unser Psalm zum Sabbath-Liede geworden. Der Tempelsänger hatte den Vers so verstanden, daß darin der Sinn der Schöpfung und des Sabbath ausgesprochen werde, nämlich daß Gott das All geschaffen habe, damit der Mensch sich daran erfreue. Laffe ich diese traditionelle Auffaffung einstweilen gelten, so erinnert sie mich an die hellenische Weltanschauung. Auch der Grieche freut sich der Welt: das Leben ist ihm nach Pythagoras das große Festschauspiel (Panegyris). Diese Sonne und die Gestirne am Himmel hinziehen sehen, die Flüsse und das Feuer auf Erden, und dann schnell sterben: das ist der Sinn seines Lebens, wie er es selbst ausgesprochen hat. Der Jude denkt ebenso, aber anders. Dieses Schauspiel seheil und Gottes Größe, Güte und Treue bewundern und laut preisen: das ist die jüdische Stimmung. So ist das lebensvolle Weltbild, das der 104. Psalm zeichnet, ein einziger, aber doppelter Jubellaut: „Gott freut sich seiner Werke" (V. 31), und der Sänger „freut sich Gottes" (V. 34). Obwohl ich nun diese Beziehung unseres Verses auf die Schöpfung für nicht falsch und sogar geboten halte, so meine ich doch, daß wir die Bemerkung unserer modernen Interpreten zu beachten haben, welche daran erinnern, daß das übliche Wort für Gottes Walten in der Geschichte sei, "pT Wö dagegen die Weltschöpfung bedeute. Danach habe ich meine Uebersetzung eingerichtet, indem ich der Ansicht bin, daß sowohl der letztere Ausdruck auch das geschichtliche Walten Gottes in sich schließt, wie aus Ps. 143, 5. 64, 10 hervorgeht, als auch der erstere sich zuweilen auf die Schöpfung bezieht, wie Jes. 45, 9.11. Ps. 111, 3. Prov. 8, 22 beweisen. Im einfachen Bewußtsein des frommen Dichters stehen nicht wie bei uns Welt-Schöpfung und Welt-Regierung als zwei klar gesonderte Begriffe; sondern beide sind Eins, wie z. B. auch aus Jes. 45, 11—13 klar hervorgeht; und durchweg läßt sich ans Jes. c. 40 ff. erkennen, daß der Schöpfer zugleich der Lenker der Geschicke der Menschheit ist, weil nur Er den Plan erdacht haben kann, und nur Er auch die Kraft hat, denselben auszuführen. Demnach muß ich die Annahme zurückweisen, als wäre unser Psalm auf einen bestimmten Sieg Israels über gewisse Feinde zu beziehen. Die herrschende Neigung unter unseren Interpreten, Propheten und Psalmen „historisch" zu erklären, die Gelegenheit aufzusuchen, bei welcher jedes Stück verfaßt sein müsse, führt von der Hauptsache ab, nämlich, sich in den Inhalt zu versenken. Infolge deffen wird die Deutung schlecht historisch. Weil in irgend einem Verse des ersten Maccabäer-Buches ein Vers unseres Psalms citirt wird: darum soll derselbe bei Gelegenheit des dort erzählten Sieges gedichtet sein! Ich zweifle gar nicht, daß alle echte Poesie Gelegenheitsdichtung ist; aber ich denke auch, daß der echte, namentlich der lyrische Dichter von der Gelegenheit, die seinen Gesang veranlaßt, alles Irdische derartig tilgt, daß nur das reine ethische Bild, die ideelle Gestalt davon übrig bleibt: dann kann aber der historische Verlauf nicht mehr erkennbar sein. Es muß also ein völlig ergebnißloses Bemühen bleiben, die geschichtliche Thatsache bestimmen zu wollen, welche einen Psalm habe entstehen lassen; und nicht blos uns heute kann es allein darum zu thun sein, den ewigen Inhalt der Dichtung zu erfassen, sondern auch der Dichter wollte wesentlich nur diesen Inhalt aussprechen. Kein Psalm und kein Prophetenstück gehört blos zur politischen und historischen Lyrik; hier ist alles religiös-ethisch. Wenn man das historische Faktum mehr betont, als unabwcislich ist. so geräth man leicht dazu, den Wortlaut falsch aufzufassen. So ist es, wie mir scheint, ganz falsch, unfern 8. Vers zu übersetzen: „Als Frevler wie Kraut sproßten und alle Uebelthäter blühten ..." (nun ergänzt man: NN'N AKT da geschah solches) „damit sie vertilgt würden für immer". Der erste Theil des Verses, meint man, solle den geschichtlichen Zustand darstellen, der dem Siege voranging, und im zweiten Theil solle die allgemeine Wahrheit liegen! Dann findet man aber auffallend, daß der Schluß sehr abgekürzt sei und außerhalb des Parallelismus stehe, und Vers 9 nur ein Glied enthalte. So schließt man endlich auf eine Entstellung des ursprünglichen Textes, welche aber nur in der Allsfassung jener Interpreten selbst liegt. Was in aller Welt zwingt denn, dem ersten Theil, dem Vordersätze, des 8. Verses ein spezielles Faktum aus der dem Liede vorangegangenen jüngsten Zeit zu entnehmen? Der Nachsatz gestattet cs nicht, und auch das des Vordersatzes wäre inipaffend. Man übersetze nur wörtlich und bedenke, daß der Prophet und der Psalmist hofft, wie sehr auch seine Zeit der Hoffnung widersprechen möge, daß