Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 55 (1891)
- Issue
- Heft 34 (21.8.1891)
- Date
- 1891-08-21
- Page
- Seite 398 (sequence 2)
- Language
- German
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898 dem Bürgerthum sollte er die nationale, dem Arbeiter die soziale Seite zeigen. Das Bürgerthum soll durch den nationalen Gedanken gegen die „Fremdlinge" auf deutschem Boden, die Arbeiterklasse durch die soziale Frage gegen das Großkapital gehetzt werden. Als die Jncarnation dieses Großkapitals werden aber — wenn auch ohne jede Berechtigung — die Juden angesehen oder vielmehr ausgcgeben. Bis dahin sind wir mit unserm Autor einverstanden. Seine Ausführungen über die Entstehungsgeschichte des Antisemitismus erscheinen uns zum Theil vortrefflich und wahr, mit seinen Hoffnungen für die Zukunft können wir uns nicht einverstanden erklären. Hier scheiden sich unsere Wege. Wir hoffen vielmehr auf den gesunden Sinn des deutschen Volkes, von dem ja nur ein kleiner Bruchtheil der antisemitischen Bewegung verfallen ist, und auch dieser wird sicher, wenn er die Ursachen und Ziele der Bewegung erkannt, sich mit Entrüstung von derselben abwenden. Aber wie weit wir auch von den Anschauungen der sozialistischen Partei entfernt sind, wir begrüßen es doch mit Genugthuung, daß auch die Arbeiterklasse den Menschheitsgedanken auf ihre Fahne geschrieben und als Ziel ihrer Kämpfe, als die Erlösung bezeichnet: Gleichheit alles deffen, was Menschenantlitz trägt. d Zur russischen Auswanderung. Von Dr. phil. Albert Sie Ul). Von der Hilfsthätigkeit für die russischen Juden am Charlottenburger Bahnhofe, wie sie geübt wurde, bevor die vom deutschen Central-Komitee geschaffene Organisation der Grenz-Komitees, die ja jetzt schon seit mehreren Wochen funktionirt, einen Ersatz dafür schuf, wird vielfach behauptet, es sei damals etwas zu viel geschehen. In einzelnen Fällen mag das auch wirklich der Fall gewesen sein, denn man befand sich einer Reihe von Umständen gegenüber, welche eine genaue Untersuchung der Hilfsbedürftigkeit nicht immer ermöglichten. Es sei nur daran erinnert, daß die Schnelligkeit der Weiterbeförderung, welche von den Behörden verlangt wurde, im umgekehrten Verhältniffe zu der Masse der von allen Grenzübergängen her in Charlottenburg zusammenströmenden Auswanderer stand. Auch war ja in der Erwartung der oben erwähnten vom deutschen Central-Komitee zu treffenden definitiven Gesammtorganisation die Organisation der am Charlottenburger Bahnhofe das Hilfswerk Ausübenden — zuerst unter der Leitung eines Charlottenburger Hilfskomitees, dann unter der des Berlin-Charlottenburger Lokal-Komitees für die russischen Juden — eine provisorische, welche in Ermangelung ganz bestimmter, durchgängig gütiger Normen für ihre Thätigkeit oft an dem einen Tage anordnen mußte, was sie an dem folgenden verbot. Kann man also in dieser Beziehung zugeben, daß Fehler vorgekommen sind, so ist doch nachdrücklich und bei Zeiten einer jetzt vielfach verbreiteten und geäußerten Anschauung entgegenzutrcten, nach welcher die Maffenauswanderung, wie sie nun schon seit ungefähr drei Monaten über Deutschland ihren Weg nimmt, durch das Hilfswerk, wie es am Bahnhofe in Charlottenburg geübt wurde, verstärkt oder gar hervorgerufen worden sei. Diese Auswanderung wird in der Kultur- und Wirthschaflsgeschichte unseres Jahrhunderts leider eine große Rolle spielen, aber eine kritische Darstellung derselben wird von ihr dereinst nicht erzählen können, daß eine ruhig fluthende Bewegung dadurch zum Strome angewachsen sei, vaß man ihr eine Beachtung schenkte, die sie nicht verdiente. Wahr ist — die Beweisstücke dafür befinden sich in den Händen des deutschen Central-Komitees —, daß von einzelnen Auswanderern Briefe in die Heimath gelangt sind, welche Mittheilungen an zurückgebliebene Freunde oder Verwandte enthielten, daß hier in Charlottenburg Geld vertheilt würde, und in welchen auch die Aufforderung nicht fehlte, davon Gebrauch zu machen. Aber abgesehen davon, daß solche Fälle nur vereinzelt vorliegcn, können sie doch auch sicherlich nicht zur Erklärung einer Bewegung dienen, deren wahre Ursachen Jedermann kennt. Sicher ist die Auswanderung durch das Bekanntwerden der Hilfsthätigkeit in Charlottenburg nicht irgendwie wesentlich verstärkt worden. Wie falsch aber gar die Annahme ist, daß erst durch die Kunde von deni Charlottenburger Hilfswerke die Auswanderungsbewegung jene Stärke angenommen hätte, welche die Bildung des deutschen Central-Komitees und im Anschlüsse daran die großartige Hilfsthätigkeit, die jetzt entfaltet wird, hervorrief, zeigt am klarsten eine kurze Darstellung der Ereigniffe, wie sie sich aneinanderreihten. Die Auswandererbewegung aus Rußland dauert bekanntlich schon viele Jahre. Erst in diesem Jahre aber machte sich die bedeutsame Erscheinung geltend, daß in Folge der verschärften, speziell gegen die Juden gerichteten Maßregeln der russischen Regierung die Zahl der jüdischen Glaubensgenossen unter den Auswandernden sehr wesentlich zunahm und daß sie schließlich die großeMehrzahl derselben bildeten. Die große Zahl und der überaus elende Zustand Pies er neuen Ankömmlinge am Charlottenburger Bahnhofe erregte erst die Aufmerksamkeit der Charlottenburger Glaubensgenossen und veranlaßte sie, nach besten Kräften Hilfe zu spenden. Als am 28. Mai in Berlin die Versammlung angesehener jüdischer Männer zusammentrat, in welcher sich die Bildung des deutschen Central-Komitees vollzog, hatte die Hilfsthätigkeit am Bahnhofe Charlottenburg erst ganz wenige Wochen gedauert, und in dieser Zeit hatte die Auswandererbewegung auch durchaus keine weiteren Dimensionen angenommen, als sie zu Anfang gehabt hatte. Wie hätte sich aber auch in so kurzer Zeit eine derartige Veränderung vollziehen sollen! - Man bedenke nur, daß die Kunde doch erst nach Rußland dringen, sich dort hätte verbreiten müssen, daß sich dann erst die zur Auswanderung Angeregten hätten sammeln und aufbrechen und endlich die nicht kurze Reise bis hierher hätten zurücklegen müssen, bevor man die Wirkung der vermeintlichen Ursache hätte spüren können. Haben sich in so kurzer Zeit all diese Vorgänge vollziehen können?! Nein, die Entwickelung der Ereignisse ist ganz einfach: Zunahme der Auswanderung russischer Juden — Zusammenströmen derselben auf dem Bahnhofe in Charlottenburg als der Verladungsstation für die Züge nach Hamburg und Bremen, den Zielpunkten fast aller Auswandernden — Aufmerksamwerden der Charlottenburger Glaubensgenoffen, provisorische Hilfeleistung durch dieselben und Bildung des deutschen Central-Komitees für die russischen Juden, welches die Hilfeleistung in umfaffendster Weise in die Hand nimmt. Daß es in unmittelbarer Nähe der Reichshauptstadt war, wo die gewaltige Auswanderungsbewegung zuerst in erhöhtem Maße die Aufmerksamkeit auf sich lenkte, kann man als einen glücklichen Zufall bezeichnen. Hier, in Berlin, war der geeignete Boden, wo eine Hilfsbewegung erwachsen konnte, welche jetzt bereits fast alle Kulturländer umfaßt und welche sich nach Anregung des ausgezeichneten Menschenfreundes, des Baron Hirsch, eben anschickt, eines der großartigsten Probleme zu lösen, welche die Geschichte kennt. U