Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 55 (1891)
- Issue
- Heft 34 (21.8.1891)
- Date
- 1891-08-21
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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55. Jahrgang. Ur. 34. Allgemeine Berlin» 21. August 1891. ettung des Audenthums. Gin unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements-Preis: Durch Buchhandel, Post oder direkt von der Expedition inBerlin unter Streifband bezogen vierteljährl. 3 M. Redactenr: Gustav Karpeles. Begründet von Nabbrner 0C- Ludwig PHMpPson-Konn Verlags-Crpedition: Berlin, Lerufalemerstr. 48/49 Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der »Allgem. Zeitung des Judenthums", Berlin SW., Jerusalemer Straße 48/49 zu richten. Verlag von Rudolf Masse, Berlin. Inhalt. Leitartikelr Zur Naturgeschichte des Antisemitismus. — Zur russischen Auswanderung. Von Dr. Albert Levv. — Deren I. Derenbourg zum 21. August 1891. Von Professor Dr. H. Steinthal. — Wissenschaft und Litteratur: Ueber den Ursprung der Sage vom „Ewigen Juden". Von D. Meudl in Prag (Schluß). — Feuittetorr: Rebekka. VonBertha Kätscher (Schluß). — Litterarische Mittheilungen. — Barkochba. Von Dr. M. Lev in. Der Gemeindebote. Korrespondenzen nnd Nachrichten r Berlin, Samter, Kassel. Wien. Karlsbad i. B., Prag, Brüssel. Paris. London, Moskau. — Bon Nay und Fern. — Sprechsaal. — MisceUen. — Geschäftliche Notizen. Zur Naturgeschichte des Antisemitismus. Berlin, 18. August. Wir haben neulich die Frage „Wohin ftihrt der Antisemitismus?" an einem lebendigen Exemplar dieser Menschengattung zu beantworten versucht. Aber nicht minder wichtig ist die Frage: Woher kam der Antisemitismus? Eine kürzlich erschienene Schrift von Gerhard Krause: „Zur Naturgeschichte der antisemitischen Bewegung in Deutschland", giebt darüber eine sachlich sehr belehrende Auskunft, und gern folgen wir diesem uns sonst unbekannten Autor in seinen trefflichen Auseinandersetzungen. Es verschlägt dabei nichts, daß diese Schrift eines der rothen Hefte der „Berliner Arbeiterbibliothek" bildet, daß sie also von sozialdemokratischer Seite ausgeht, von einer Seite, die dem Judenthum so fern und feindlich wie möglich gegenübersteht; man muß das Gute eben nehmen, woher es kommt. Der Autor der kleinen Schrift sieht es als einen Grundirrthum an, die antisemitische Bewegung mit der Thatsache zu identifiziren, daß von jeher eine gewisse Abneigung gegen die Juden vorgeherrscht habe. Die Abneigung hätte nicht in politischen Gegensätzen ihren Grund gehabt. „Bis in das 13. Jahrhundert haben die Juden in Deutschland eine gleichberechtigte gesellschaftliche und übergeordnete wirthschastliche Stellung eingenommen." So meint Gerhard Krause. Wir können darauf nur antworten: „Geschichte — schwach". Eher können wir uns schon mit dem einschränkenden Satz einverstanden erklären, daß die Juden jener Zeit eine eminent nützliche Rollen im wirthschaftlichen Leben der Deutschen gespielt haben. Aber allmählich entwickelte sich in den Städten ein deutschnationaler Kaufmannsstand, welchem die jüdische Konkurrenz anfing unangenehm zu werden. Je höher der Einfluß des deutschen Kaufmanns in den Städten stieg, desto mehr wurde der Jude wirthschaftlich und politisch zurückgedrängt, bis ihm kaum etwas Anderes übrig blieb als der — Schacher und der Wucher. Aber alich die Begeisterung für die Juden-Emanzipation in diesem Jahrhundert schreibt der sozialistische Autor weniger idealen als praktischen Gründen zu. „Der Ruf nach Befreiung der Juden von dem auf ihnen lastenden Druck entsprach der Entwicklungsphase der wirthschaftlichen Faktoren. Die am Anfänge unseres Jahrhunderts erblühende Industrie bedurfte eines starken Goldregens, unter dem sie tausendfältige Früchte tragen konnte. Der allgemeine Kampf des Bürgerthums gegen die mittelalterlichen Geburtsprivilegien ist der Vater, das Bedürfniß der erblühenden Industrie nach neuen Kapitalien und Talenten die Mutter der Judenemanzipation." Das Vorurtheil lebte aber noch immer in den Herzen. Es kain von Neuem zum Ausdruck, als die wirthschaftlichen Ursachen, welche der Judenemanzipation ursprünglich zu Grunde lagen, überwunden waren. Der deutsche Kapitalist bedarf nicht mehr der Kapitalien und des kaufmännischen Talents der Juden, darum hält er jetzt die Judenemanzipation für einen Jrrthum, begangen in der unklaren Gedankenwelt seiner Jugendjahre, und hierin liegt die Quelle, aus welcher der Antisemitismus gefloffen ist; seine Vertreter sind zugleich die Herolde mittelalterlicher, sozialpolitischer Anschauungen. So eröffnet sich vor unseren Blicken eine ähnliche Situation, wie sie nach des Autors Meinung das 12. Jahrhundert geboten hat. Aber die „christlich-germanischen Kapitalisten" sind nur die freundlichen Zuschauer bei diesem Schauspiel. Die Rolle der Akteurs hat die Handwerkerklaffe übernommen, die in dem Judenthum den Kampf mit dem Großkapital zu führen glaubt, durch welches sie in das große Heer des Proletariats hinabgestoßen wurde. Sie verkennt dabei, daß sie gegen die ganze moderne Entwicklung, gegen die große Epoche der Maschine vergeblich ankämpft. In solcher Unklarheit über die wirthschaftlichen Ursachen des Verfalls sieht sie im Antisemitismus allein das befreiende Heil. Sie verwechselt die Sache mit der Person, sie sieht in der Sache nur den Ausfluß der Personen, anstatt in der Person das Produkt der Sachen zu sehen. Dazu kam eine geistige Strömung, welche namentlich in Deutschland Wurzel gefaßt, nämlich die nationale Begeisterung. Mit Hochmuth übersah man, daß die Juden an allen nationalen Kämpfen des deutschen Volkes sich freudig betheiligt haben; der übertriebene Nationalitätsgedanke nahm zuerst gegen das Judenthum eine feindselige Stellung ein. So sind „der wirthschastliche Konkurrenzneid, die soziale Noth des Kleinbürgerthums, die reaktionären Reminiszenzen aus mittelalterlicher Vergangenheit durch den Kitt nationalen Dünkels zu einer einheitlichen Antipathie gegen die Juden vereinigt worden." Und das ist die Naturgeschichte des Antisemitismus. Es ist natürlich, daß der Autor unserer Schrift das einzige Heil in dem sozialdemokratischen Gesellschaftsgedanken sieht. Der Antisemitismus erscheint ihm als ein Januskopf mit doppeltem Antlitz: