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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1891-08-14 · Heft 33 (14.8.1891) · p. [Seite]

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
55 (1891)
Issue
Heft 33 (14.8.1891)
Date
1891-08-14
Page
[Seite] (sequence 13)
Language
German
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55. Jahrgang. Ar. 33.!j^| ♦ ®er^n' 14‘ ^"Sust Weikage zur „Atkgemernen Zeitung des IuöenLHurns". Korresponderyrn und Nachrichten. Deutschland. 4L Berlin, 12. August. Vor längerer Zeit hat eine nur auf Sensation berechnete Schrift des sattsam bekannten Rektors Ahlwardt, „Der Eid eines Inden", viel von sich reden gemacht. Wir haben keine Notiz von derselben genommen, weil die darin verhandelte schnrutzige Wäsche das Judenthum als solche auch nicht im Entferntesten berührt. Wenn wir heute gleichwohl darauf zurückkommen, so geschieht es nur, um eine vortreffliche, in ihren Ausführungen wahrhaft schlagende Antwort anzuzeigen, die ein sehr begabter junger Schriftsteller. Herr Dr. Ludwig Jacobowski, dem sensationslüsternen Rektor gegeben hat und die an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig läßt. Der Titel lautet: „Offene Antwort eine,s Juden auf Herrn Ahlwardts „Der Eid eines Juden" (Berlin, Karl Küchenmeister 1891). Auch I. geht nicht weiter auf die häßlichen Geschichten ein, in denen Herr Ahlwardt mit Behagen herumrudert, er ist genau derselben Ansicht, wie wir oben ausgesprochen haben, aber er geht dem Rektor a. D. scharf und mit guten Gründen zu Leibe, weil dieser es wagt, das Judenthum für jedes einzelne Mitglied der Stammesgenossenschaft und dessen Thaten verantwortlich zu machen. Wir empfehlen die geistvoll geschriebene Broschüre allen Lesern auf das Wärmste. * Berlin, 9. August. Das deutsche Centralkomitee für die russischen Jllden in Berlin hatte sich an den Minister der öffentlichen Arbeiterl mit der Bitte um Fahr Preisermäßigung für die Auswanderertransporte der ausgewiesenen russischen Juden gewendet. Die an der Grenze errichteten Sichtungs-Komitees sollen die zur Auswanderung geeigneter! Persönlichkeiten auswählen und für deren Weiterbeförderung unter Zurückweisung der nicht Ausgewählten Sorge tragen. Der Minister hat nun, wie die „Dzg. Ztg." meldet, mit Rücksicht darauf, daß für die thunlichst baldige Weiterbeförderung dieser Auswanderer öffentliche Interessen und namentlich gesundheitliche Rücksichten in Frage kommen, genehmigt, daß den Auswanderern bei Benutzung der vierten Wagenktasse aus den preußischen Staatseisenbahnen diejenige Vergünstigung zu Theil werde, welche für Arbeiteriransporte, bei denen ein öffentliches Interesse vorliegt, gewährt wird, das ist eine Ermäßigung von 25 Prozent des normalen Fahrpreises. * Berlin, 10. August. Die „Kreuz-Ztg." hat mit ihrer abermaligen E rfindung ein es Ritualm ordes, von der wir in Nr. 31 berichteten, noch größeres Malheur gehabt, als mit dem Corfuer Fall. Dem „Berliner Tageblatt" ist von seinem Koustantinopeler Korrespondenten nunmehr der aktenmäßige Bestand mitgetheilt worden. Daraus ergiebt sich zunächst die überraschende Thatsache, daß ein „Mädchenmord" (wie ihll die „Kreuz-Ztg." für ihre Hetzzwecke brauchte und darum erzählte) überhaupt nicht vorgekommen ist. Das geschlachtete achtjährige Mädchen entpuppt sich als — ein ertrunkener oder sonst wie um's Leben gekommener Mann. Im Einzelnen entnehmen wir bem Berichte des „B. T." Folgendes: Die Redaktionen der angeseheneren Konstantinopeler Blätter wußten von gar nichts. Erst durch langwierige Nachforschungen bei Konsulaten, Behörden und Gerichten konnte unser Korrespondent auf Grund der vorhandenen Akten den Thatbestand folgendermaßen feststellen: „An einem Montag Vormittag wurde in der Nähe von Mustapha-Pascha die Leiche eines dort ansässigen Bulgaren, Namens Stephan, am User des Maritza-Flusses aufgefnnden. Eine lange Leibbinde (seine eigene) war mit dem einen Ende dem Tobten um den Hals geschnürt und das andere Ende derselben an seinem Fuße festgebunden. Man benachrichtigte die Behörde, die sich einfand und gleichzeitig einen Arzt mitbrachte. Dieser gab sein Votum dahin ab, daß der betreffende Mann ermordet worden sei. Irgend welche Wunden oder sonstige Spuren eines vorhergegangenen Kampfes waren an der Leiche nicht vorhanden. — Die „Kreuz-Ztg." berichtete seiner Zeit, daß er erstochen wurde. Die gerichtliche Untersuchung wurde eingeleitet. Da meldete sich ein Bulgare und gab an. daß er an demselben Morgen einen anderen Bulgaren, Namens Uanni, gesehen habe, wie dieser einen Sack, dessen Inhalt seiner Form nach ein menschlicher Körper sein mochte, nach dem Flusse schleppte. Uanni war vorher einmal bei einem gewissen David, zur Zeit des Vorfalles bei einem andern Juden, Namens Mardochai Baruch, bedienstet. Er ward verhaftet und stellte beim Verhör jedwede Kenntniß von der Angelegenheit in Abrede. Nach drei Tagen legte er spontan das Geständniß ab, daß er an jenem Morgen von fünf Juden aufgefordert worden sei, nach dem Hause des Schlächters David zu kommen, allwo er den Bulgaren Stephan bereits anwesend fand. Dann seien die Anderen über diesen hergefallen und hätten ihn erdrosselt. Er selbst, Uanni, sei dann beauftragt worden, die Leiche nach dem Flusse zu schaffen, was er auch besorgt habe. In Folge dieser seiner Aussage wurden die von ihm bezeichneten fünf Juden verhaftet. Diese ganze Geschichte klingt zunächst etwas unwahrscheinlich. Wenn die Juden es einmal fertig brachten, den Mann zu erdrosseln, so hätten sie wohl den leichteren Theil der Arbeit, die Fortschaffung des Leichnams, auch füglich noch selbst besorgen können, statt ihr Geheimniß einem Menschen anzuvertrauen, der einer andern Nationalität angehörte, der ebenso wie der Ermordete, ein Vulgare war. Die Bulgaren aber standen zu jener Zeit zu den Juden und Mustapha Pascha im Allgemeinen nicht gerade in sonderlich freundschaftlichen Beziehungen. Außerdem hätten sie dann doch wohl hierzu auch einen günstigeren Zeitpunkt wählen müssen, denn es wäre einfach eine undurchführbare Thorheit, die Leiche eines Ermordeten in solch mangelhafter Emballage am helllichten Tage durch die Straßen zu schleppen! Fünf Tage später sagte Uanni aus, daß noch weitere fünf Juden an dem Morde betheiligt gewesen seien, darunter auch sein Dienstgeber Mardochai Baruch. Und zwar wäre dieser es gewesen, der ihm die Fortschaffung der Leiche nach dem Flusse anbefohlen habe. Diese Leute wurden gleichfalls verhaftet, um einem Verhör unterzogen zu werden. Uanni war hierbei anwesend und wendete sich zunächst an seinen Dienstherrn mit den Worten: „Bist nicht Du es gewesen, der mir befohlen hat, die Leiche des Stephan nach dem Flusse zu tragen?! Herr Mardochai Baruch scheint indeß ein recht „schneidiger" Herr zu sein. Er stand zuerst über diese ihn von seinem Diener ins Gesicht geschleuderte Anschuldigung einen Augenblick sprachlos da, verabfolgte ihm aber dann vor dem Untersuchungsrichter ein paar mächtige Ohrfeigen. Diese „schlagende" Beweisführung half ihm jedoch nichts, das Verhör ward unterbrochen ititb auch er ward nun mit seinen vier Genossen ins Loch gesteckt. Später kam noch ein Anderer dazu, so daß sich dermalen im Ganzen elf Juden in Untersuchungshaft befinden. Das Haus Davids, wo der Mord stattgefunden haben soll, ward behördlich untersucht, aber es wurden keinerlei Anzeichen der That darin vorgefunden. Die Lage und sonstige Beschaffenheit des Gebäudes lassen es auch zur Verübung eines Mordes sehr wenig geeignet erscheinen. Die zwei Räume der Hütte befinden sich parterre nach der Straße zu und besitzen kein fest verschließbares Fenster, so daß jeder Vorübergehende mit Leichtigkeit Alles sehen und hören kann, was drinnen vorgeht. Der weitere Verlauf der Untersuchung wird den Sachverhalt wohl klären. Im Ganzen liegt eigentlich wenig daran, ob die zur Zeit des Mordes verdächtigen Juden auch wirklich das Verbrechen begangen haben oder unschuldig darin sindindeß liegen mehrere gewichtige Momente für die Annahme vor, daß der Bulgare Stephan einen Selbstmord begangen hat: Er stand nahe am Bankerott, wurde von seinen Gläubigern in den letzten Tagen hart bedrängt und versprach ihnen allen Zahlung für Montag Mittag, jenen Montag, an dem er Vormittags als Leiche aufgefunden wurde. Ungefähr eine Woche vorher nahm Stephan eine Regulirung seiner Geschäftsbücher vor, indem er sämmtliche Kundenrechnungen in ein neues Buch übertrug, ohne darin irgend einen Raum für weiter folgende Notirungen zu lassen. Von einer Person darauf aufmerksam gemacht, antwortete er: Ich gedenke, mein Geschäft nicht weiter mehr fortzuführen. An dem Tage seines Todes verließ Stephan früh Morgens in Begleitung seines Sohnes, der die jüdische Schule zu Mustapha- Pascha besucht, sein Haus, übergab seinem Sohne die Schlüssel zu seinem Geschäftslokal und sagte ihm, er möge auf dasselbe Acht haben, bis er zurückkehre; er habe im Stationsgebäude der Eisenbahn ein

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