Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 55 (1891)
- Issue
- Heft 33 (14.8.1891)
- Date
- 1891-08-14
- Page
- Seite 396 (sequence 12)
- Language
- German
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396 Josua. Ich heiße Josua. Ein Judäer. Uns ist er Meister. Friede sei mit ihm! Hadrian. Schon oft zog ich die Frage in Erwägung: Wie hält ein Lamm unter siebzig Wölfen Stand? Josua. O nicht das Lamm erscheint bewnndernswerth — Der Herr ist groß, der gnädig es beschützt. Ha drian. Wie gelangt ihr zum Urtheil in streit'gen Fällen? Josua. Wir richten uns nach der Majorität. Hadrian. Sehr wohl. Wir bilden nun einmal die Mehrheit, Warum dann fträubt ihr euch so zäh', Die Götter Griechenlands zu ehren? Josua. Gestatte Eine Gegenfrage mir. H a drian. Und diese wäre? Josua. Hat auch mit Kindern dich der Herr gesegnet? Hadrian. Sie sind mir theuer. Josua. Beherrscht e i u Sinn sie Alle? Hadrian. Durchalls nicht; nur zu oft befehden sie sich. Josua. Siehst du, o mächt'ger Kaiser! eigne Kinder Vermagst du nicht zll einer Meinung führen, Und du verlangst, daß ein Volk der Religion, Die mehr als ein Jahrtauseild es gepflegt, So leichten Sinnes sich entäußern soll? Hadrian. Allein es scheint, als ob ihr Quell versiegte. Hat nicht der Christen Sekte sich gebildet? Josua. Sie will der Heidenwelt die Lehre bringeli. Hadrian. Uild darum muß sie vom Gesetz eutbiitbeu? Josua. Blos von den Ceremonien befreit sie Heiden. Ha drian. Warum dann nehmt ihr Proselyten auf? Josua. Nur mit Widerstreben. Unser Grundsatz lautet: Den Tllgendhaften aller Nationen Wird ew'ges Heil! Hadrian. Wen nennst du tugendhaft? Josua. Der Obrigkeit gehorchell. Gott nicht lästern, Abgötterei vermeiden, Unzucht, Mord Und Raub, wie auch Thierquälerei — Mer so verfährt, erscheint uns tugendhaft. Hadrian. Wie haltet's ihr im Lande mit den Fremden? Genießen sie das Recht des Eingebornen? Josua. Ein Recht für Alle! Nicht blos Stammgenossen, Die Fremden auch zu lieben, wie uns selbst, Ist uns Gesetz. Hadrian. Wenn das bei euch der Fall, Danll hat wohl freier Antrieb euren Kult erwählt? Es ist mir lln begreiflich, wie so Viele Zn euren Bräuchen sich entschließen konnten. Das galrze Königshaus voll Adiabene, Die Frauen von Damaskus, Domitilla, Fulvia, die vielen, vielen Senatoren — Poppäa ließ als Jüdin sich begrabeil — Es ist mir unbegreiflich, räthselhaft. Viel schneller faßt' ich noch das Christenthum. Josua. Und wirklich nahen ihm die Massen jetzt, Nachdem den eig'nell Thron wir eingebüßt. Hadrian. Jndeß, ihr hoffet ja auf den Messias. Josua. O fromme Hoffnung, die nur all Gott wir knüpfen. Wir denken nicht an Selbstbefreiung mehr. So lang dein väterliches Zepter waltet, Bist du ulls der Gesalbte, der Messias. Hadrian. Ihr gebt ihm nur die staatliche Bedeutung — Was ist's dauil mit dem Reich des Welterlösers? Josua. Für Heidell hätte niemals der Messias Als König von Judäa einen Sinn: Er mußte Heiland werden der gesammten Welt, Ter sie von Erdenschuld erlöst. Hadrian. Das ist's. Zwei Feinde drohen mir, unscheinbar zwar; Der eine zielt, Judäa frei zu machen, Der andre auf des Griechenthnms Vernichtung. Weil Hab' ich mehr zu fürchten? Fast die Christen. Erfuhr ich's doch m meinem eignen Haus. Der Träumer Akylas ging zu den Juden, Und sein Beruf verblieb die stille Forschung, Der Heidenbote Paulus bailnte Rom. Akylas. Ich bin der Akylas, von dem du sprachst. Hadrian. Du, Akylas, meines Bruders Sohn? Akylas! Wer faßt der Götter Rath? Ein Mann, so sillnig, Kehrt holdem Lebensreiz den Rücken! Akylas. Das Gute ging mir allzeit über das Schöne. Hadrian. Und bist du glücklich? sag's mir, Akylas. Aky.las. Wenll Ruhe des Gemüthes Glück bedeutet, Dann bin ich glücklich, doch ist vom Glück die Rede. Muß ich auch der gedenken, die meinem Daseill Erst Glanz und Duft verleiht. Schau dieses Weib! Hadrian. Es ist dein Weib? Akylas. Dem Himmel dank' ich es! Hadrian (sie betrachtend). Null wird dein Uebertritt mir klar. Hulda. O Kaiser! Den Mann, dem Ueberzeugllng nicht das Höchste, Würd' ich verachten, von mir stoßen! Bei Gott! Verächtlich ist, wer die Gesillnnlig opfert, Und trieb ihn Liebe selbst, er ist verächtlich, Dem Manne gleich, beit Stellung, Rang und Amt Bei feinem schnellen Glaubenswechsel leitet. Hadrian (für sich). * Ein eignes Volk! (311 Akylas leutselig) Ein Grieche bleibst du doch, Der Schönheit seine Göttin nennt. Akylas (schnell einfallend). In ihr Vereinigt sich das Schöne mit dem Guten! Hadrian. Ich muß gesteh'n, ihr wecket meine Gunst Auf ganz besoudre Weife. Nichts befürcht' ich, Wenn Männer in Judäa stehn', wie ihr! Und daß ich euch vertrau', sollt ihr erfahren: Euren Tempel will ich wieder auferbaun! (Volk in Bewegung.) Und Akylas, er sei des Baues Leiter! Judäer. Heil Hadrian! Heil dir. 0 Kaiser! Hadrian. Doch jeden Groll verzehre dieser Tempel, Und für das Wohl der Römer betet drin! Josn a. Ein Haus für alle Völker sei der Tempel! Hadrian. So haltet Wort und dienet eurem Kaiser! Lebt wohl, ihr Männer Judas, lebt wohl! (ab mit Gefolge) Judäer. Heil, Heil dem Kaiser Hadrian! Fitterarische Mittheilungen. ----- D.' S. Gelbhaus: Die Offenbarung. Rede, gehalten am Wochenfeste 5651. Frankfurt a. M. 1891. I. Kauffmann. Eine vortreffliche Predigt, logisch im Aufbau, geschickt in der Ausführung des Gedankens. Mit Wärme tritt der Redner auch für die unglücklichen russischen Inden bei diesem Anlaß ein. Für ihre Zwecke ist der Ertrag der Rede bestimmt. Möge dieselbe überall gelesen werden und den verdienten Allklang finbeu! $ N. I. Weinstein: Geschichtliche Entwickelung des Gebotes der Nächstenliebe innerhalb des Judenthums. Berlin 1891, Druck von H. Jtzkowski. Es war eine glückliche Idee des scharfsinnigen und belesenen Verfassers, der sich durch diese seine Erstlingsschrift in bester Weise in die jüdische Litteratur eiuführt, einmal die Frage der geschichtlichen Entwickelung des Gebots der Nächstenliebe, auf Grund der Quellen, kritisch zu beleuchten und so vielen Vorurtheilen entgegenzutreten und die Sagenbildung auf diesem Gebiete zu zerstören. Man muß sagen, daß der Verfasser seine Aufgabe gut gelöst hat. Wissenschaftlicher Ernst, gründliche Kenntniß des jüdischen Schriftthums imb unbefangener Sinn zeichnen ihn vortheilhaft aus und lassen für die Zukunft noch manche edle Gabe von ihm erhoffen. Es wäre zu wünschen, wenn alle Antisemiten und Pharisäer die)e Schrift über das Wesen der Liebe im Judenthum lesen und beherzigen möchten! Wir empfehlen die interessante und verdienstliche Arbeit angelegentlichst. Dr. Ad. Ko Hut. Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin. — Verantwortlich für die Redaktion Max Bauchwitz in Berlin.