Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 55 (1891)
- Issue
- Heft 33 (14.8.1891)
- Date
- 1891-08-14
- Page
- Seite 393 (sequence 9)
- Language
- German
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393 Als Rebekkas Schmerz um die Mutter den Höhepunkt erreicht hatte, war es Manuela, der sie zu ihrer Pflicht zurückführte. Bei dem Kondolenzbesuch, den er im Hause „Signor Giacomos" machte, sprach er ihr Muth zu: „Sei stark, Rebekka, und ergieb Dich nicht Deinem Schmerze. Du bist noch jung und hast Pflichten zu erfüllen." „Ich kann nichts als weinen/ Manuela,- ich bin nur ein schwaches Weib!" (Schluß folgt.) * Nie Grschichtr rrnrs GfMersburschrn. Ich will meinen geneigten freiwilligen und unfreiwilligen Lesern (zu diesen rechne ich die Herren Antisemiten) heute einmal zur Abwechselung die Geschichte eines braven jüdischen Osfiziersburschen erzählen. Diese Geschichte entnehme ich einem kürzlich erschienenen sehrhübschen und anziehenden Buche, „Feldpostbriefe" betitelt. Dieses Buch besteht aus Briefen, die der verstorbene Unterstaatssekretär im Justizministerium Heinrich Rindfleisch während des Krieges 1870 an seine Gattin geschrieben hat. Rindfleisch war ein sehr begabter, gewissenhafter und gerechter Mann, ein übergroßer Freund der Juden war er nicht. Um so schwerer fällt sein Urtheil in die Wagschale, wenn er von seinem Offiziersburschen und dessen Heldentod in der Schlacht berichtet. Schon in einem seiner ersten Briefe aus Charly vom 5. Oktober berichtet der Premierlieutenant Rindfleisch seiner Gattin nach Celle von diesem Burschen Namens Löwenstein als einem Menschen, den er „ihrer besonderen Zuneigung" empfehle. Er schreibt: „In diesen kleinen Fatalitäten kann mich Niemand treuer pflegen als Löwenstein! Juden sind doch sonderbare Leute, wenn man sich ihr Herz durch offene Freundlichkeit einmal gewonnen hat." Ueber diese Sonderbarkeit der Juden wäre Manches zu sagen, aber ich möchte mich auch nicht einmal mit dem todten Unterstaatssekretär in eine Polemik einlaffen, zumal er es ja entschieden gut gemeint hat, und fahre deshalb in meinen Citatrn fort. Am 25. Oktober schreibt Rindfleisch aus dem Bivouac bei Ouchy an seine Gattin: „Wenn Löwenstein nicht ein ganz wohlhabender Kaufmann wäre, möchte ich ihn wohl zu meinem „Diener" haben. Er sorgt sür mich wie für einen nahen Verwandten, und zwar immer mit der feinen Initiative, die so wohlthut; wenn ich durchnäßt nach Hause komme, ist auf der Stelle trockenes Zeug da, und nichts ist ihm lieber, als wenn er mir etwas extra, womöglich vor den Andern voraus, machen kann." In einem nächsten Brief schildert der Premier das Französisch seines Burschen in ergötzlicher Weise. „Löwenstein spricht auch ein komisches Französisch. „Mutter, Mutter peure!" oder „Mutter te l’eau!" oder „Mutter lait!"; wenn sich dann aber als Antwort eine unermeßliche Fluth aus dem Munde der Mutter ergießt, so hakt er schnell zuriick und bringt mir die Alte mit der stereotypen Redensart: „Herr Leutnant, ich kann ihr nicht verstehen, sagen Sie ihr nur mal, sie soll mir einen Topf gebeit — das Volk schwätzt hier so schnell." Dem frohen Scherz folgte nur zu bald blutiger Ernst. In dem Kampf bei Beaune la Rolande am 29. November war die Kompagnie, der Rindfleisch und sein Bursche angehörte, um Vordertreffen. Ein Leichenfeld, wie selbst dieser blutige Krieg deren wenige gesehen, bezeichnet am Abend rings um Beaune die Wahlstatt, auf welcher 40,000 Franzosen acht volle Stunden lang, vergeblich gegen kauni 4000 Preußen gekämpft hatten. Der Verlust betrug auf .deutscher Seite 30 Offiziere und 930 Mann, unter den Letztem unfern braven Löwenstein! „Auch mein armer Löwenstein", schreibt R. am folgenden Tage nach Hause, „ist mir fast unter den Händen erschossen, zwei Schüsse in den Kopf, ich habe fast geweint um den ehrlichen, guten Kerl!" Und wenige Tage später: „Ich schrieb Dir schon neulich, daß nur damals auch mein guter Löwenstein erschossen worden ist. Er bekam erst einen Schuß durch den Mund, schien aber noch Bewußtsein zu haben, denn er streckte die Hand wie flehend nach mir aus. Ich gab ihm die Hand und legte ihn eben still auf die Erde, weil ich sah, daß er zu Tode getroffen war — da traf ihn ein zweiter Schuß gerade zwischen die Augen, und nun rutschte er lautlos in sich zusammen. Meine liebe Tilla, das sind ernste und schwere Bilder! Der arme Kerl hätte seine Pflicht so gern mit Dienstleistungen aller Art gethan, nur das eigentliche Fechten war gewiß seine schwächste Seite; dennoch legte er sich so still und resignirt neben mich nieder und schoß, wie ich ihn anwies, ruhig und pflichttreu, bis ihn der Tod ereilte. Als wir am andern Tage auf der Chaussee an der Kanipfstätte vorüberzogen und die Nußbaumkronen aus dem Abendnebel so wehmüthig herübersahen, hätte es mir fast das Herz abdrücken mögen, so weh that mir der arme Mensch, der dort die fremde Erde mit seinem Blute färbte: — Vorbei! vorbei! das ist das Motto des Krieges, wenn die Dinge erst in Fluß gekommen sind!" — Die Erinnerung an den braven Burschen begleitet seinen Premier noch lange. „Deine Theilnahme für den armen Löwenstein," schreibt er am 22. Dezember der Gattin, „finde ich rührend, aber erklärlich. Einen wirklichen Ersatz für ihn habe ich nicht, bekomme ihn auch wohl so leicht nicht. . . . Uebrigens hat Löwenstein nur noch eine alte, ziemlich hilflose Mutter, die sich aber in der Pflege seiner — so viel ich weiß, ganz wohlhabenden — Geschwister befindet. Wenn Du also auch keinen Gebrauch von einem Shawle machen kannst, so würdest Du doch Freude mit einem Briefe oder mit einer andern paffenden Aufmerksainkeit bereiten können. (Adresse: Kaufmann I. Löwenstein in Hagen.)" Und noch einmal kommt Rindfleisch in seinen Feldpostbriefen auf den armen Burschen zurück; indem er seiner Gattin den Rückweg über die historischen Schlachtfelder schildert, schreibt er: „Das Grab meines armen Löwen sie in ist längst überarbeitet. Ein Bauer, der mit beim Einscharren gewesen, gab die Stelle und die Wunde ganz genau an. Der gute Kamerad ist unter dem Baume eingescharrt, wo er für seine Pflicht gefallen. Da aber seine Verwandten zu schlicht denken, als daß sie außer der Thatsache seines Verlustes noch eine besondere Feststellung und Celebration des Ortes u. s. w. verlangen niöchten, so habe ich die Sache so gelassen, wie sie ist. Er theilt das Schicksal von Hunderten, Preußen und Franzosen, die dort herumliegen, ohne daß auch nur noch eine Spur von dem kleinen Erdhaufen zu sehen wäre, der sie am 29. November zudeckte. Ueberhaupt wächst über solch einem Schlachtfelde ungeheuer schnell das Gras — ich meine im bildlichen Sinne . . . Wenn auch nur die innern Lücken so schnell zu schließen wären, welche die Kugeln eines solchen Schlachttages reißen." Das ist die Geschichte vom braven Löwenstein, ein wahres Idyll mitten im männermordenden Kriege. Es wäre falsch, dieser Geschichte noch eine Moral zuzufügen. Die Nutzanwendung mögen die Leser selbst machen, die geneigten wie die ungeneigten. Für letztere bemerke ich nur noch, daß der Nachdruck dieser kleinen Kriegsgeschichte aus dem großen Jahr in den ihnen zu Gebote stehenden Zeitungen mit Vergnügen und ohne Honorar gestattet ist. G. K. 9