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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1891-08-14 · Heft 33 (14.8.1891) · p. Seite 392

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
55 (1891)
Issue
Heft 33 (14.8.1891)
Date
1891-08-14
Page
Seite 392 (sequence 8)
Language
German
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392 | die Leinwand zaubern! Vor Allem den ernsten, schönen Greis Jacobo k den Maises (oder „Signor Giacomo", wie er im Bazar allgemein f genannt wurde) und seine Tochter Rebekka. Eine Feder vermag | nicht den eigenartigen Liebreiz dieses Mädchens zu schildern. Sie war! ein echtes Kind des Orients und als solches schon mit fünfzehn Jahren f. ein Weib. Was erzählten nicht Alles diese dunkeln, feuchtschimmernden f Augen, die bald mit dem ganzen Weh einer seit Jahrhunderten verf achteten Rasse in die Welt blickten, bald mit jenem schelmischen, allen I Männern das Blut in die Wangen treibenden Ausdruck, der da zu i sagen schien: „Nicht wahr, ich bin schön? Werbt, ringt um mich!" 1 Gar mancher Jude und Muselmann hatte schon beim Anblick dieser Mädchenblume sein Herz verloren. Und wie dieser krausköpfige Kobold es verstand, Kunden heranzuziehen! Neben ihrem Vater, der keine! Minute ohne seinen Liebling sein wollte, am Boden kauernd, blickte | sie in die hin- und herwogende Menschenmenge und errieth bald, wer die Absicht hatte, Edelsteine zu kaufen. Sie kannte alle Welt, Jederc nmnn kannte sie, und nicht Wenige fürchteten die spitze Zunge der - kleinen Hexe, die bis auf den Grund der Seele zu schauen vermochte, jp Verlangte man diesen oder jenen Edelstein, ei, welch' reizende f Geschichten wußte sie dann von der geheimen Kraft desselben zu bej richten! I Trotz ihrer Jugend kannte sie die Schwächen der Menschen und übte ihren Witz an ihnen! Dennoch war sie nicht boshaft; im Ghetto s nannte man sie sogar einen „Engel Gottes", denn überall, wo es | Elend zu lindern gab, war man sicher, Rebekka anzutreffen; sie f pflegte die Kranken und nahm sich der Verlaffenen an. Mit welch' z liebevoller Zärtlichkeit wußte sie den alten Vater über den Verlust! seines angebeteten Weibes hinwegzuhelfen! In den ersten Tagen, nachs dem man die geliebte Todte hinausgetragen auf jenen schrecklichen \ Ort, dessen Name schon das lebenskräftige Kind erbeben machte, < glaubte auch sie den Schmerz nicht überleben zu können. Ihr leiden- ( schaftliches Herz hing mit jeder Faser an der Mutter. In ihr hatte \ sie alles Schöne und Gute dieser Erde verkörpert gesehen, und all - das hatte man mit ihr zu Grabe getragen. Was wollte sie noch auf f der Welt? Es war ihr ja nichts als der brennende Schmerz geblieben, i der sich von Tag zu Tag vergrößern mußte! Nichts und Niemand i vermochte das verzweifelnde Mädchen zu trösten. Als die Klageweiber zum Zeichen der Trauer Asche auf ihr Haupt streuten, ihr Kleid zerrissen ' und ihr zuredeten, an der Seite ihres Vaters auf den Boden niederzukauern, entrang sich ihrer Kehle ein markerschütternder Schrei, sie raufte ihr Haar und bat zu Gott, sie doch auch sterben zu lassen oder ihr die Mutter wiederzugeben. Kein Zureden half, sie wies Speise und Trank zurück und starrte stundenlang schmerzlich vor sich hin. Ihre ) nächsten Verwandten fürchteten für ihren Verstand und wandten sich an den Chacham um Rath. Dieser suchte ihr begreiflich zu machen, « daß eine gläubige Seele sich gegen den Willen Gottes nicht auflehnen l dürfe und man sich dessen weisem Rathschluß fügen müsse. Er las j ihr Stellen aus dem Talmud vor, die ihr Trost bringen sollten, j. doch sie schüttelte zu Allem das Haupt und flüsterte: „Gebt mir meine j Mutter! Ich mag ohne sie nicht leben." ss So waren bereits drei Tage vergangen. Der alte Jacobo drohte | trotz seiner Glaubensstärke unter der schweren Last, die ihm Gott j, geschickt, zusammenzubrechen; aber in ihrem eigenen Schmerz bemerkte l Rebekka nicht, wie schwer ihr Vater litt. Manuelo, ihrem Freunde [ und Lehrer, blieb es Vorbehalten, ihr die Augen zu öffnen. Dieser I schmächtige, zarte Jüngling mit dem eingefallenen Brustkasten und den bleichen Wangen war von jeher der Einzige gewesen, der die l kleine Wilde zu zähmen verstand. Wie oft hatte sie als Kind mit i den Straßenjungen um die Wette umhergetollt, des Nachbars Feigen-! bäume plündernd oder sonstigen Unfug treibend; weder die sanften L Mahnungen der Mutter, noch die Haselgerte des Vaters vermochten ihren Uebermuth zu bändigen; ertappte sie aber einmal der stille, sanfte, nur um drei Jahre ältere Manuelo, der sich keinein andern Kinde anschloß und sich stets in einem versteckten Winkel des Ghetto sonnte, und blickte er sie vorwurfsvoll an, so brach Rebekka in Schluchzen aus und bat ihn, ihr nicht zu grollen. „O Manuelo, sei mir nicht böse! Ich weiß, daß ich eip schlechtes, ungezogenes Ding bin, das Niemandem Freude bereitet und alle, Welt kränkt! Mein Gott, könnte ich doch ein einziges Mal so gut sein wie Du!" „Du bist nicht schlecht, Rebekka. Weist Du noch, wie mich schwachen, kranken Knaben ein kleiner Muselmann verspottete und wie Du mich vertheidigt und beschützt hast? Die lange Narbe da an Deiner linken Schläfe wird mich stets daran erinnern, was ich Dir zu danken habe." Derartige Worte ihres Freundes veranlaßten Rebekka, so lauge gegen alle Leute ihrer Umgebung rücksichtsvoll zu sein, bis wieder die Versuchung an sie herantrat, ihre Kräfte mit Altersgenossen zu messen. Und als sie heranwuchs, war es wieder der stille Manuelo, zu dem sie mit ihren kleinen und großen Sorgen flüchtete. Er hatte stets Ohr und Herz für das lebhafte Mädchen, das ihm ihr Bestes, ihre geistige Entwicklung verdankte. Ein weibliches Wesen, welches lesen und schreiben konnte, gehörte in der Türkei zu jener Zeit noch zu den blauen Wundern. Und Rebekka konnte lesen und schreiben! Manuelo, in dessen siechem Körper eine starke Seele und ein feuriger Geist wohnten, hatte sich, ohne daß Jemand im Ghetto es ahnte, große Kenntnisse angeeignet. Alle guten Eigenschaften seiner verachteten und verfolgten Rasse verkörperten sich in ihm: ein eiserner Wille, ein heißer Wissensdurst, ein scharfer -Geist und dabei eine unendliche Herzensgüte und Milde. Das Land seiner Träume war Spanien, wo die Wiege seiner Vorfahren gestanden. Wenn er schon fern von dieser seiner eigentlichen Heimath leben müßte, so wollte er wenigstens ihre Litteratur kennen lernen. Ein glücklicher Zufall führte ihm einen menschenfreundlichen Arzt in den Weg, der sich des begabten Knaben annahm und ihm Mittel und Wege an die Hand gab, seinen Wissensdurst wenigstens theilweise zu befriedigen. Welche Welt eröffnete sich jetzt Manuelo! Wie sich ein Verdurstender gierig auf die lebenspendende Quelle stürzt, so warf er sich auf die Lektüre; er lernte Sprachen, um seinem nimmer rastenden Geiste neue Nahrung zuzuführen. Aber je mehr sich dieser entwickelte, desto hinfälliger wurde sein Körper. Seine Mutter, eine arme Wittwe, die durch Ehevermittlungen ihr Dasein fristete, ließ ihn gewähren. Man hielt ihn im Ghetto allgemein für einen Sonderling und Neuerer, Rebekka mußte ihn gar oft in Schutz nehmen, wie sie es schon als Kind gethan. War er es doch, der sie lesen und schreiben gelehrt, sie in seine Geisteswelt eingeführt hatte! Ja wohl, er war ein Sonderling, d. h. er war so ganz anders, als alle Anderen — viel besser, edler. So oft sie sich unauffällig vom Hause wegschleichen konnte, suchte sie ihn in seinem Versteck auf, und er las ihr dann vor. Wie Perlen flössen die herrlichen Verse Calderons von seinen Lippen — sie hätte ihm bis in alle Ewigkeit zuhören mögen! Wenn sie bei Manuelo weilte, versteckten sich all die kleinen Kobolde in ihrem Herzen und machten guten Geistern Platz. Kürzlich hatte ihn selbst der Chacham einen Abtrünnigen, einen Ketzer genannt, weil er ein philosophisches Werk bei ihm gefunden. Und doch hielt Manuelo treu zu seinem Volke und hätte gern sein Herzblut hingegeben, um es wieder einig und groß zu sehen. Er träumte von einer Zeit, in welcher man es nicht mehr verachten, in welcher es frei und gleichberechtigt neben anderen Völkern leben würde!

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