Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 55 (1891)
- Issue
- Heft 33 (14.8.1891)
- Date
- 1891-08-14
- Page
- Seite 391 (sequence 7)
- Language
- German
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9PR MNDWWWWMMWxM 391 berge, die Raben, welche später den Elias ernähren sollten, um die verborgene Höhle geschwebt haben, wo Pineas von seinem eifer- und thatenvollen Leben für das noch thatenreichere des Elias ausruhte. Und dieser Elias ist ganz der Mann, wie die Sage ihn am besten zu gebrauchen vermag. Nachdem er in einem neuen Lebensgange seine Mission erfüllt, nachdem er den Geist des Volkes wieder belebt und seinem Jünger Elischa das eigene Streben in gesteigerter Potenz als Erbe hinterlaffen, entschwindet er in einer geheimnißvollen Weise,' die eine Wiederkehr hoffen, ja sogar erwarten läßt. Die Prophetenjünger glauben auch den Entschwundenen suchen und finden zu können; und nur Elischa versteht es, daß der Zeitpunkt eben nicht die eifervolle Thätigkeit eines Pineas-Elias, sondern ein ruhigeres und beruhigendes Streben verlange. Außer einer momentanen Schmerzensäußerung Elischas findet sich beim Scheiden des Elias nicht die geringste Erwähnung von sieben- oder dreißigtägiger Trauer, wie sie bei den Israeliten nach dem Hinscheiden ihrer großen Männer üblich war. Ja, was noch auffälliger ist, mit dem Scheiden des Elias schließt keine Periode, nicht einmal ein Kapitel der biblischen Erzählung; dagegen lassen die Umstände, daß Elias in der Wüste, im Wunsche zu sterben, in den Ruf ausbricht: „Was bin ich denn besser als meine Väter", und daß lange nach dem Scheiden des Ellas von demselben ein Schreiben an den König Jehoram von Jehuda abgegeben wird (Chronik II, 21, 12), gar sonderbare Kombinationen zu. In Elias ist das Prinzip der Aktion personifizirt, das in seinem Jünger Elischa gemildert fortwirkt, und das, nach den Worten des Propheten Maleachi, berufen ist, die Erlösung, nicht die spezielle Erlösung Israels allein, sondern die der ganzen Menschheit anzubahnen! Der Midrasch und noch mehr die mündliche Sage haben aus Elias geradezu einen oft humoristischen Sendboten der Vorsehung gemacht. Die Auffassung der Eliassage unter den Juden möge hier durch einige anekdotenartige Erzählungen charakterisirt sein. Zunächst durch die vom „Becher des Propheten": „Oeffnet weit des Hauses Thüren, Lasset Jedermann herein, Wer zum Feste heute nahet, Soll uns froh willkommen sein." Also spricht des Hauses Vater, Sitzet er beim Peßachmahl, Und die Hausfrau in die Runde Füllt geschäftig den Pokal. In des Tisches Mitte stellet Einen Becher sie voll Wein, Daß er Jedem, der da komme, Möge zubereitet sein. Und des Volkes fromme Sage Spricht: In ein recht gastlich Haus Geht zu dieser heil'gen Stunde Der Prophet oft ein und aus. Elias, des Heils, Verkünder Nippt vom Becher ungeseh'n, Und die Fromnien fühlen, daß sie Engelfittige umweh'n. Theilt mit Andern eure Freuden, Nehmt an Andrer Schmerzen theil, Lastet Thür und Fenster offen, Untzersehens kommt das Heil. Einst kam Elias in eine Stadt, deren Einwohner unabläffig über die Zerstörung Jerusalems trauerten und das traurige Schicksal der Verödung von der heiligen Stadt durch Buße und Kasteiung abwenden wollten. Nur zwei Brüder lebten hier, unbekümmert um verwundene Leiden, und förderten fröhlich und guter Dinge ihr Tagewerk. Der Prophet antwortete hier auf die Frage, was man zu thun habe, um endlich das Unglück zu beheben: „Wollt ihr Jerusalems einstigen Aufbau schon jetzt nach eueren Kräften fördern, so thut und strebet wie die beiden Brüder, euere muntern Nachbarn." Ein dürftiger Mann sprach gar oft den Wunsch aus, einmal doch dem Propheten Elias, dem Helfer, zu begegnen. Eines Tages, als er bekümmert seines Weges ging, bot ihm ein Vorbeigehender ein Paar Metallstangen zum Kauf an und überließ ihm dieselben um sehr geringe» Preis. „Da Hab' ich denn doch ein Geschäftchen gemacht," meinte der Arme bei sich, „die Stangen will ich morgen möglichst gut zu vcrwerthen streben. Aber warum drücken sie so schwer meine Schulter?" Nach einigen Schritten hielt er schnaufend an. „Meine Kraft dürfte kaum hinreichen, das schlechte, schwere Metall bis in meine ferne Behausung zu schleppen; ich will sehen, es los zu werden, bevor mich etwa die ungewohnte Ermattung aufs Krankenbett wirft." Gesagt, gethan! Er trat in den nahen Laden eines Eisenhändlers, dem er die Stangen gegen mäßigen Nutzen überließ. Wie erstaunte er aber, als er bald darauf erfuhr, der Eisenhändler habe von irgend wem zwei Metallstangen gekauft, deren besondere Schwere demselben aufsiel und die sich nach sorgfältigem Abreiben des darauf befindlichen Schmutzes als Goldbarren erwiesen. Nach einigen Tagen traf der Arme denselben Mann, von dem er die Metallsiangen erhandelt und fragte denselben, ob er nicht wieder etwas zu verkaufen habe. „O ja," entgegnete dieser, „so mancherlei; aber ich verkaufe jetzt dem Eisenhändler, der sich bester als Du auf Geschäfte mit dem Propheten Elias versteht." (Schluß folgt.) 9 FEUILLETON Nvtreklra. Von Bertha Kätscher. Unsere Erzählung spielt im Jahre 1870. Damals hatte die Hauptstadt der Herzegowina noch ein regelrechtes Ghetto, das fast ausschließlich von spanischen. Juden bewohnt war, die an ihren alten Sitten und Gebräuchen festhielten und ein patriarchalisches Leben führten. Das Oberhaupt der Gemeinde, der alte „Chacham", war der Einzige, der die altspanische Tracht seiner Vorfahren beibehalten hatte. Die übrigen Juden unterschieden sich nur durch ihr wallendes Haar von den Türken, die das ihrige glatt rasirten. Auch bei den Frauen bildete der Kopfputz das hauptsächlichste Unterscheidungszeichen. Der Fez der Jüdinnen war weit größer und von einem bunten, mit Goldmünzen dicht benähten Seidentuch umrahmt, das als Stirnband diente. Niemals, und hätte ihr Leben daran gehangen, würde die spanische Jüdin auch nur eine dieser Münzen vom Fez getrennt haben. Fragte man sie, weshalb sie lieber die größten Opfer bringe, Hunger und Durst leide, ihre Kinder zu Grunde gehen lasse, so war stets ihre Antwort: „Ich darf es ebenso wenig thun, wie ich das Fleisch von verbotenen Thieren essen darf — eins ist so gut verboten und daher sündhaft wie das andere; Gott ist ein strenger Richter, der die Sünden der Eltern bis ins vierte Geschlecht ahndet. Geheiligt sei sein Name in alle Ewigkeit, Amen!" Das Gewerbe der Geldwechsler und Juwelenhändler befand sich in Mostür in den Händen der Inden, die im Bazar ihre kleinen Läden hatten. Der freundliche Leser darf sich unter diesen keineswegs große, luftige Räume vorstellen, wie man sie in Großstädten zu sehen gewohnt ist. In den viereckigen, kastenartigen Verschlügen kauerte auf dem teppichbedeckten Fußboden der Besitzer mit unterschlagenen Beinen und bot mit monotoner Stimme seine Maaren aus. Um die Aufmerksamkeit des Publikums auf sich zu lenken, hantirten die Geldwechsler mit einer beträchtlichen Anzahl von Gold- und Silbermünzen, die sie mit einer äußerst geschickten Bewegung wie einen Goldregen von einer Hand in die andere gleiten ließen, was ein sehr .musikalisches Geräusch hervorrief. Wie oft, wenn ich staunend durch die Tscharschia (Bazar) schritt, habe ich es bedauert, kein Maler zu sein! Welche Gesichter und welch' herrliche Motive könnte man auf