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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1891-08-14 · Heft 33 (14.8.1891) · p. Seite 387

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
55 (1891)
Issue
Heft 33 (14.8.1891)
Date
1891-08-14
Page
Seite 387 (sequence 3)
Language
German
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1 Haben die maßgebenden Kreise so wenig aus dieseu schlimmen Erfahrungen gelernt, daß man dieselben Verkehrtheiten begeht, die sich durch schwere Opfer, mit denen man Großes hätte thun können, bitter rächen müssen? Von Tag zu Tag werden wir mit neuen unheilvollen Berichten überschüttet, immer neue betäubende Hiobsposten übermitteln uns das Elend der Hungernden und Verzweifelnden, der angesichts des gelobten Landes der Freiheit wieder in den Ozean Zuriickgestoßenen, denen Amerika, einst der Hort und die Zuflucht der Verfolgten, die Betretung seines Bodens versagt. Wenn nun wieder große Masten der alten Heimath zusegeln, in Brasilien Hunderte verhungern, in Palästina der Typhus und anderes Ungemach ausgebrochen ist, wird die Zurücktransportirung Unsummen verschlingen, die bei Weitem besser hätten angelegt werden können, wäre der Auswandererstrom dahin geleitet worden, wo er Gelegenheit zur Veriverthung seiner nun brach liegenden Kräfte gefunden hätte. Abgesehen von den besseren Handwerkern, denen in Nordamerika pastende Beschäftigung nachgewiesen werden müßte, wird das Gros am besten gleich der Bebauung des Bodens zugeführt. Wenigstens sollte man aus dem überreichen Material das in diesem Jahr zu bewältigende aussondern und die Bekanntmachung erlassen, daß die Anwerbung nach Argentinien nunmehr abgeschlossen und nur solche Auswanderer nach Amerika auf Beförderung rechnen dürfen, die Nachweisen, daß sie von Angehörigen in Empfang genommen werden. Außerdem dürften nur so viel hinttbergeschafft werden, als das New- Iorker Komitee mit muthmaßlicher Sicherheit glaubt unterbringen zu können. Also auf zur schleunigen That! * Der arische Ursprung der Juden und ihre welthistorische Bestimmung. Eine Reihe von Briefen.') Von Prof. Dr. G. M. Asher in London. II. Lieber W.! Ehe ich in meinen Erörterungen fortfahre, muß ich auf die in meinem ersten Briefe zu kurz berührten, obwohl dessen Ausgangspunkt bildenden sprachlichen Bewegungen im äußersten Westen und äußersten Osten Europas zurückkommen. Die Bauern in Irland, nach der üblichen Terminologie Kelten, d. h. abstammend von Leuten, die keltische Dialekte redeten, haben, ohne irgend von den Engländern zur Annahme ihrer Sprache gedrängt zu sein, dies fast sämmtlich aus freien Stücken gethan, so daß sich das Aussterben der irländisch-keltischen Dialekte als in nicht ferner Zeit bevorstehend Voraussagen läßt. Genau dasselbe gilt, in Bezug auf den Uebergang zur Sprache der Herrscher, von den Nachkommen finnisch redender Stämme im Osten Rußlands, namentlich den Abkömmlingen der einst in der Wolgagegend sehr mächtigen Mordwinen. Als M'Kenzie Wallace diese Leute besuchte, war er Augenzeuge der höchst charakteristischen Erscheinung, daß sie sich der mordwinischen Tracht — weiß mit geschmackvoller buntfarbiger Stickerei — entledigten und dieselbe an etwa sich bietende Käufer zu Spottpreisen veräußerten, um die triviale Gewandung russischer Bauern anzunehmen; aus rein eigenem Antrieb. Ebenso spontan ist die damit Hand in Hand gehende Annahme der russischen Sprache; und bald wird, gleich den keltisch-irischen Dialekten, der mordwinische verschwunden sein. Im Anschluß hieran beobachteten wir im ersten Brief, daß derartige Prozeffe überall der heutigen Herrschaft nationaler Sprachen zu Grunde liegen, und daß davon namentlich in den Ländern der sogenannten lateinischen Rassen die Erinnerung sich erhalten hat; woraus von selbst folgt, daß es ei» handgreiflicher Jrrthum ist, aus der Sprache einer Nation ihren Ursprung zu bestimmen. Schließen läßt sich in Wahrheit daraus nur auf das Vorhandensein (in früherer Zeit) einer solchen Gewalt und Autorität, wie derjenigen Roms über Gallien und die pyrenäische Halbinsel, Englands über Irland, Rußlands über die Nachkommen der Mordwinen. Wenden wir das auf die Juden an, deren heutige Redesprache ja einen instinktiven Rückschlag zur germanischen zeigt, so bedarf es zur Erklärung der Thatsache, daß die Juden in Palästina eine dem Arabischen nahe verwandte Sprache redeten, nur der durch der Juden poetische Ueberlieferung bekräftigten Annahme, daß, als die Voreltern Hebräisch zu reden anfingen, dieselben sich mit mächtigen, diese Sprache redenden Stämmen zu identifiziren suchten, ebenso wie wir heute die frischen Bauern und die Nachkommen der Mordwinen, und wie wir die Voreltern der heutigen Franzosen, Spanier und Portugiesen sich den Sprachen der sie beherrschenden Machthaber zuwenden sehen. Daß trotzdem die Juden arischen Ursprungs sind und die Quinteffenz arischen Geistes bewahren, sieht man aus der Bedeutung ihrer religiösen Poesie für das Geistesleben der europäischen Nationen, in dem Sinne, daß letztere, um ihren religiösen Bedürfnissen zu genügen, aus ihrem eigenen inneren Wesen geflossene Elemente den von den Juden empfangenen religiösen Ueberlieferungen beimischen; ein Phänomen, welches sich — wie in einem späteren Briefe gezeigt werden wird — durch Vergleichung einiger jener Beimischungen mit mongolischen Religionselementen auf seine Ursache zurückführen läßt. Die Juden sind in Wirklichkeit Stammesgenosseu der in historischer Zeit mit den Gegenden in der Nähe der Quellen des Euphrat und Tigris verknüpften arischen Nationalitäten; d. h. der Parsen lind Armenier. Mit Letztern stimmen sie sowohl im Gesichtstypus wie in der Geistesrichtung durchaus überein; und auf jene Gegend als diejenige des Ursprungs der Juden weisen deren sämmtliche älteste Sagen: die Paradiessage, die Sündfluthsage und die Abrahamsage. Was die Aaron - Moses - Sage angeht, so haben wir bereits die Identität der beiden Namen mit denen der arischen Stammgottheit Aura-Musa bemerkt. In der That verdanke ich selbst die Ueberzeugung, die sich in meinen Briefen über diesen Gegenstaild ausprägt, der sich mir in merkwürdiger Weise aufdrängenden Vergleichung armenischen Religionsbewußtseins mit dem ideal vollkommenen jüdischen der Umgebung meines Knabenalters. Du weißt, daß ich in den Jahren 1872 bis 1876 die deutschen Kolonien an der Wolga gründlich studirt habe. Häufiger Verkehr mit den dortigen Geistlichen, den einzigen gebildeten Leuten der Gegend, war durch die Sachlage gegeben; und ich gewann so einen Einblick in die Gedankenwelt sowohl der Pastoren als der katholischen Priester. Da ich noch viel intimer mit den Bauern verkehrte, konnte ich nicht umhin, zu sehen, daß die Beziehungen zwischen den Hirten und der Heerde rein äußerlich waren; obwohl die ganze Kraft des kolonistischen Gemeinwesens auf Sinn für die Kirchengemeinde beruhte. Erklärt wurde das. was die Pastoren angeht, durch das aufrichtige Gestündniß eines derselben, dem es besser als den übrigen glückte, Einfluß auf die Bauern zu erlangen. „Ich habe mich erst," sagte er, „dessen, was ich in Dorpat gelernt, entledigen müssen." Die theologische Fakultät in Dorpat zeichnet sich nänilich aus durch das große Gewicht, das sie auf dogmatische Weisheit legt, und diese Ladung niußte der Pastor über Bord werfen, um sich seiner Bauerugemeinde zu nähern. In scharfen Kontrast nun selbst mit jenem Manne und noch viel mehr mit den übrigen Pastoren, und in ') Vgl. Nr. 27 d. Bl.

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