Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 55 (1891)
- Issue
- Heft 33 (14.8.1891)
- Date
- 1891-08-14
- Page
- Seite 386 (sequence 2)
- Language
- German
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««WWWMWWWWWWMWM 386 Mas soll das Zaudern? Von Bernhard Traubenberg. Ueber den fürstlichen Wohlthätigkeitsakten des Baron Hirsch schwebt ein eigenes Geschick. Kaum je wurden einem Rettung und Hilfe im Herzen tragenden edlen Menschen so viel Hemmnisse und Schwierigkeiten wie ihm bei der Verwirklichung seiner menschenbeglückenden weitreichenden Pläne bereitet. Wie leicht wird ihm das Geben und wie merkwürdig schwer ist die zweckgemäße Verwendung seiner Opfer! Verursacht Andern die großherzige Entschließung zu großen Schenkungen schwere Herzenskämpfe, so beginnen bei diesem Fürsten uneigennützigen Wohlthuns die eigentlichen Sorgen und Kämpfe erst mit der Realisirung der philanthropischen Unternehmungen, für die er seine schenkungsfrohe Hand immer von Neuem aufthut. Wie viel Wasser mußte in das Meer rinnen, ehe es unserm großen Menschenfreunde gelingen wollte, der für Galizien bestimmten Spende die Sanktionirung der österreichischen Behörden zu verschaffen, obwohl sie gerade in dem Rufe stehen, die Aufrechterhaltung der Parität unter den Konfessionen zu wahren. Welche Berge von Hinderniffen thürmten sich nicht gegen seine rein und allein dem Menschenwohl geweihten Absichten auf, seitdem er mit seinen philanthropischen Gedanken, die russischen Juden betreffend, vor die Oeffentlichkeit getreten ist. Ins Endlose zogen sich die Unterhandlungen mit der russischen Regierung wegen der Unterbringung jener 50-Millionenstiftung hin. Aber man wußte ihm wenig Dank für die Einmischung in die der Landesregierung eigentlich obliegenden Pflichten, die er nicht blos zum Besten der Juden, sondern vielleicht noch mehr zum Wöhle der ganzen dortigen Bevölkerung dem Staate zum großen Theil aus der Hand nehmen wollte. Diese Gedanken von der unwilligen Entgegennahme der großen Opfer Baron Hirschs — die auch eine grelle Beleuchtung durch die eigenthümliche Haltung der den Ernst der Zeit gewiß nicht begriffen zu haben scheinenden Chicagoer Juden erfuhren — mögen hier nicht weiter fortgeführt werden. Aber wenn ähnliche Empfindungen des Mißtrauens in Bezug auf den guten Willen uns angesichts der abermals mit Rußland angeknüpftcn Verhandlungen beschleichen, wird Niemand uns darob schelten dürfen. Es ist ja kein Produkt einer heißblütigen, tollen Einbildungskraft, was die Blätter berichten über die regierungsseitig zu leitende Emigration, sondern die Schritte hierzu gehen vom Baron Hirsch selbst aus, und während die Behörden seinem Abgesandten die wohlwollendste Aufnahme bereiten und ihm die beruhigendsten Versicherungen machen, läßt man die unglücklichen Auswanderungslustigen von der Grenze zurückpeitschen, jedenfalls wohl nicht aus allzugroßer Besorgniß, die der obrigkeitlichen Fürsorge Entfliehenden möchten ohne ihren Schutz das gesteckte Ziel nicht erreichen. Wenn die Regierung und selbst der Vater all' jener Gräuel, die die Erde mit ihrem Wehegeschrei erzittern macht, Herr Pobedonoszew, gegen Herrn White von überströmender Höflichkeit und freundlicher Gesinnung übertrieften, so ist die Warnung gerechtfertigt, der höflichen Aufnahme eines englischen Unterhausmitgliedes keine übertriebene Bedeutung beizulegen, als ob etwa dieselbe aus besonderer Sympathie für die Mission dieses Herrn herrühre. Trotzdem halteir wir das angestrebte Einvernehmen mit der Regierung bei dieser Frage für durchaus berechtigt. So wenig Ersprießliches die Unterhandlungen zuwege bringen werden, so mögen doch diese Bemühungen Zeugniß oblegen für den guten Willen, der uns beseelte, Millionen unschuldig Leidender der Rettung zuzuftthren, selbst mit peinlicher Respektirung jener harten Gesetze, die alle diese Qualen verursacht haben, damit auch der Schein üngesetzlichen Handelns uns bei der befreienden Thätigkeit nicht nachgesagt werden kann. Während man aber, auf russischer Seite wenigstens, die Unterhandlungen mit behaglichem Gleichmuth Pflegt, geht viel edle, köstliche Zeit zum eigentlichen Rettungswerk verloren. Wir begreifen nicht, warum man der Worte nicht schon genug sein läßt und zur erlösenden That nun kräftig schreitet. Wir glauben, daß kein Verzug gestattet sei und die Inangriffnahme des Ansiedlungswerkes ganz unabhängig von den seitens der russischen Regierung zu fastenden Entschlüssen ohne Zeitverlust geschehen müffe. Da heißt es nun freilich, es solle mit den Behörden zusammen das zu Kolonisationszwecken paffende Menschenmaterial ausgesucht werden. Daß dem maffenhaften Zuströmen ganz ungeeigneter und unfähiger Leute zur Landwirthschaft ein Riegel vorgeschoben werden soll, halten auch wir für eine nothwendige Voraussetzung für jedes Gedeihen des Planes. Aber das passende Material läßt sich mit großer Leichtigkeit vor den wer weiß wann beendeten Verhandlungen beschaffen. Eine gar zu scharfe Prüfung bei der Auslese geeigneter Mannschaften ist schon aus dem Grunde unzulästig, weil sonst gar kein Material zu finden sein wird, während andererseits in Wind und Wetter gestählte Arbeiter und Handwerker, die ein großes Kontingent zu den Auswanderern stellen, hinlänglich denjenigen Anforderungen an die körperliche Rüstigkeit entsprechen, die man an Landbauern stellen mag. Selbst schwächere Konstitutionen mit ausreichender Gesundheit können unbedenklich eine paffende Verwendung beim Landbau finden und an dem richtigen Ort ihre Stelle ausfüllen. Es ist nichts unrichtiger, als von einer Entnervung und Entartung der russischen Juden zu reden, wo die Verkümmerung nur auf den öden, ungesunden Boden, auf dem er steht, zurückzuführen ist, wo es an den eigentlichsten Bedingungen für das Wachsthum der Menschenpflanze fehlt, an dem rosigen Licht, der Sonne goldigem Schein und kräftigender, freier Himmelsluft. Jeder gesunde Mensch hat wohl das Zeug in sich, als passendes Material „in die Hand des Baron Hirsch als verwendbar für seine Pläne" geliefert zu werden. An tausend Juden verlassen seit der verschärften Handhabung der Judengesetze täglich das ungastliche Vaterland mit beflügeltem Fuß und eilfertiger Hast, ohne sich des Reiseziels bewußt zu sein, ohne an die Zukunft, ja an die Ihrigen zu denken. Welches ist das Geschick der der Heimath, des Lebensunterhalts Beraubten? Soll es dem blinden Zufall, dem unsicheren Gewoge einer fremden, fühllos zuschauenden, unbekannten Welt preisgegeben werden, während wir mit naivem Sinn uns nach dem „passenden Menschenmaterial" umschauen? Wir dürfen und können nicht mit kaltem Blut und philosophischer Ruhe zusehen, wie der hin- und hergehetzte Menschenknäuel, der nur die eine Rettungsparole „Amerika" kennt, sich in einen Ozean von Gefahren stürzt, in denen er mit unfehlbarer Sicherheit untergehen muß. Warum wird denn nicht rührig, ungesäumt die Hand ans Werk gelegt? An Menschen, auch an geeigneten fehlt es nicht. Das Komitee thut durchaus nicht genug, ja blutwenig mit der Weiterbeförderung; an Ort und Stelle der Ankunft beginnt erst die eigentliche Hilfsthätigkeit. Das ist die rechte Hilfe nicht, die Menschen auf einem fremden Boden aussetzt und sie dem Schicksal überläßt. Als 1882 jüdische Hochherzigkeit Tausende und Tausende hinüberbeförderte nach dem goldenen Lande unbegrenzter, von konfessionellen Fesseln uneingeschränkter Freiheit, sahen sich Tausende getäuscht und, am Ziel ihrer Wünsche, in ihren Hoffnungen betrogen, so daß sie es vorzogen, mit Unterstützung ihrer Glaubensgenossen ihre Heimath, die sie in die Fremde getrieben, wiederzugewinnen, um lieber im gewohnten Elend fortzuvegetiren, als durch schmählichen Hungertod unterzugehen.