Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 55 (1891)
- Issue
- Heft 32 (7.8.1891)
- Date
- 1891-08-07
- Page
- Seite 3 (sequence 15)
- Language
- German
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Lehrervereins von Rheinland nnd Westfalen wird diese Frage in den jüdischen Blättern wieder mehr besprochen. Ein Moment wird aber meiner Ansicht nach dabei zu wenig beachtet, nämlich daß die Simultanschulen wesentlich dazu beigetragen haben, den streng kirchlich gefiunteu Theil unserer christlichen Mitbürger antisemitisch zu beeinflussen. Es ist in den Simultanschulen kaum möglichirgend etwas Religiöses, z. B. Gebet und Andacht, zu treiben, ohne daß dasselbe eine religiöse Färbung erhält. Der Religionsunterricht durch den Konfessionsgeistlichen des Schülers genügt eben nicht; es treten besonders in den Volksschulen noch ganz andere Momente hervor, die nicht religiös-indifferent sind. Wenn dann einem christlich gesinnten Lehrer im Interesse seiner Konfession manchmal ein verletzendes Wort entfährt, so werden oft von den Angehörigen der anderen Konfessionen öffentlich darüber Klagen laut, die die Gegensätze verschärfen und bei Lehrern und Eltern den Wunsch rege machen, daß die Minorität anderer Konfession, welche den ungern aufgelegten Zwang verursacht, lieber der Schule fern geblieben wäre. Daher rühren die Klagen über „die Entchristlichung der Schule und des Volkes". - Jede Klage unsererseits über zu starkes Hervortreten des Christlich-Konfessionellen in den Simultanschulen, jeder Zwang in Gebet und Unterricht, den die jüdische Minorität verursacht, giebt beu Anklagen der Konservativen mehr Nahrung. Diese Erfahrung wurde in mir bestärkt durch eine Mittheilung, welche katholische wie protestantische pädagogische Blätter streng religiöser Richtung in den letzten Wochen brachten: Wieder ist ein übereifrig liberaler Schuldirektor zu Gunsten der Juden über das Vaterunser hinweggegangen. Die neue Mädchenschule zu Zachau in Böhmen zählt 60 Schülerinnen, darunter 15 Juden, und mit Rücksicht auf die Letzteren richtete Direktor Lipphardt an den K. K. Bezirksschulrath folgendes Schreiben: „Da der ergebenst Unterzeichnete Direktor die Wahrnehmung gemacht hat, daß an der Mädchenbürgerschule noch kein besonderes Schulgebet eingeführt ist, die bedeutende Minorität israelitischer Schülerinnen aber das „Vaterunser" nicht mitbeten darf, so erlaubt er sich, ein allgemein gehaltenes Schulgebet, welches auch in Braunau eingeführt ist, zur Prüfung und Genehmigung vorzulegen." (Das Gebet ist nun abgedruckt.) Diesem Gesuche wurde anstandslos entsprochen und das allgemein gehaltene Gebet eingeführt. Wer es weiß, wie wichtig dem Katholiken die kirchlich vorgeschriebenen Gebete, besonders das Vaterunser ist, wird sich nicht verhehlen, daß solcher Gewissenszwang heimlichen Grimm und Haß gegen die jüdische Minorität erregen muß. Und schon aus diesem Grunde sollten unsere Glaubensgenossen jedes Opfer bringen, ihre jüdischen Volksschulen zu erhallen, und neue Gemeinden in den Städten sollten lieber eigene Knaben- und Mädchenschulen gründen, als in christlichen Anstalten zu hospitiren. es wird dadurch mancher unangenehmen Erfahrung vorgebeugt. Oesterreich - Ungarn. K Wien, 2. August. Ihr „gelegentlicher Korrespondent .von der Donaustadt" hat mit seinen kritischen Bemerkungen zur Neukonstituirung der israelitischen Kultusgemeinden in Oesterreich beweisen wollen, daß in der Wiener Jsraelitengemeinde thalsächlich noch so Vieles anders werden muß, bevor es dieser größten Gemeinde des Kontinents gelingen wird, eine wirkliche „Mustergemeinde" genannt zu werden. Gestatten Sie mir, verehrter Herr Redakteur, nur zwei Punkte zu beleuchten, die unserer Gemeinde zu keiner großen Ehre gereichen. Es find dies die kleinen Bethausvereine und das Bibliothekswesen in Wien. Die beiden Gemeindetempel liegen wohl im Centrum der Residenz, aber die Mitglieder der Wiener Jsraelitengemeinde wohnen von diesem Centrum so entfernt, daß nur wenige Juden Gelegenheit finden, diese herrlichen Institutionen unserer Gemeinde zu besuchen. Für die hohen Festtage reichen diese beiden Gemeindetempel auch nicht aus, und deshalb sah man sich in früheren Jahren genöthigt, in den verschiedenen Wiener Bezirken Bethausvereine zu gründen, die thatsächlich nur von den Jahresbeiträgen und spärlichen Spenden ihrer Mitglieder erhalten werden und fast unerschwingliche Lasten und Ausgaben für die Instandhaltung von Bethäusern, Kantoren, Predigern und Dienern sich aufhalsen mußten. Manchem dieser zahlreichen Bethausvereine ist es durch 'die Opferwilligkeit seiner Mitglieder gelungen, unbedeutende Reserven zu sammeln und. mit der Zeit einen kleinen Fonds zu bilden. Die Majorität dieser Bethausvereine aber lebt „von der Hand in den Mund", d. h. die schlecht bezahlten Tempelsitze und die schuldig gebliebenen Milgliedsbeiträge ermöglichen das fernere Vegetiren eines solchen an Defizit laborirenden Beihausvereines, dessen Vorstandsmitglieder sich aber trotz alledem so geberden, als wenn sie die „Kultusrepräsentanten" unserer Großgemeinde wären. Wie viele tüchtige Kultnsbeamte wurden durch Konkurse solcher Vereine nach Wien gelockt und mußten nach und nach bedauernd eingestehen, daß die kleinste Kultusgemeinde in der Provinz ihnen mehr bieten konnte, als ihre jetzigen Brodherren, die wohl äußerlich als wohlhabende, leistungsfähige „Wiener Kultusrepräsentanten" gelten wollen, in Wirklichkeit aber besser thäten, sich um ihre Familienangelegenheiten als um Kultusangelegenheiten zu kümmern. Die Wiener Bethausvereine stehen mit der Kultusgemeinde in fast gar keiner Verbindung. Sie find Privatvereine, die von der Kultusgemeinde mit kaum nennenswerthen Beträgen subventionirt werden, und um deren Beamte oder Institution sich die Kultusgemeinde gar nicht kümmert. Hier liegt die wundeste Stelle des Wiener Kultuszustandes. Diese Vereine müssen von der Kultusgemeinde aufgelöst, deren Beamte, Diener und Bethänser von der Kultusgemeinde erhalten werden; denn sie gefährden den Bestand und den guten Ruf unseres hochachtbaren Kultusvorstandes. — Bezüglich des Bibliothekswesens sei für heute nur hervorgehoben, daß wir momentan in Wien „Bibliotheksferien" haben. Die während des Jahres dreimal wöchentlich auf zwei Stunden geöffnete Kultusgemeinde-'Bibliothek, die ohnedies durch diese geschmackvolle Einrichtung fast gar nicht benutzt werden kann, und die Vereinsbibliothek des Bethamidrasch haben ihre gastlichen Pforten gesperrt. Die Hof- und Universitätsbibliothek wird, vom 1. August angefangen, auf sechs Wochen geschloffen. Ein besonderer Zufall läßt die Archive und deren Bibliotheken offen, sonst müßte man thatsächlich bei Privatleuten die nothwendigen Bücher erbetteln! O du arme Wissenschaft des Judenthums! * Wien, 3. August. Die Büste des Professors und Reformators Joseph von Sonnenfels wurde am 17. v. unter den Arkaden der Wiener Universität in feierlicher Weise enthüllt. Seine Statue schmückt bereits die Elisabeth-Brücke, ein Beweis, wie populär und anerkannt die Verdienste dieses ausgezeichneten Mannes in Oesterreich sind. Unter denselben heben wir besonders seine Bemühungen um die Abschaffung der Folter hervor, deren Verwerflichkeit er in einer an die Kaiserin Maria Theresia gerichteten Denkschrift auseinandersetzte. Hierin bekundete er, daß seine Wiege in Nikolsburg stand und sein Baker ein Jude war. Die jüdische Gerichtsordnung kannte keine Folter als Beweismittel und das jüdische Herz zuckt zusammen, well ein Menschenkind gequält oder gemartert werden soll. Rumänien. * Bukarest, 1. August. Die von dem „Dep.-Bür. Hirsch" gebrachte Nachricht von einer angeblichen Konzentrirung rumänischer Truppen an der russischen Grenze behufs Verhinderung der Einwanderung von russischen Juden ist, wie das Wölfische Tel.-B. depeschirt, unrichtig. An der Grenze ist nur ein gewöhnlicher Militärkordon zur Ueberwachung der Grenze, sowie zur Hintanhaltung des Eindringens von russischen Juden gezogen. (Dieses Dementi sieht einer Bestätigung so ähnlich, wie ein Ei dem andern. Red.) Rußland. * Petersburg, 1. August. Wenn auch im Augenblick die Härte der Judenverfolgungen in der Praxis nachgelassen zu haben scheint, so stehen doch der „Now. Wremja" zufolge, eine ganze Reihe lieuer Ausnahmemaßregeln in nicht allzu ferner Zeit bevor. So erfährt dieses Blatt, daß die Regierung beschlossen hat, die Selbstverwaltung der Korobken- (Schlacht-) und Lichtsteuer, zu welchem Behufs eigene Steuerbezirke gebildet und Steuereinnehmer gewählt worden, aufzuheben, soweit sie nicht rein rituellen Charakters ist. Nach dem Projekt der neuen Städteordnung geht diese Verwaltung in die Hände der allgemeinen Kommunalinstitutionen lmd Beamten über. Ferner sei die Bestimmullg getroffen worden, daß Kinder ausländischer Hebräer, welche nicht zum Aufenthalte'in Rußland berechtigt sind, vom nächsten Schuljahre ab nicht in russische höhere und mittlere Lehranstalten ausgenommen werden sollen!! * Moskau, 2. August. Die „Moskowskija Wjedomosti" bringen einen Aufsehen erregenden Artikel zu Gunsten der russischen Juden. Es existire das Gesetz, daß die Juden aus dem Westgebiet nur einmal im Jahre5 auf zwei Monate nach Moskau reisen dürsten. Dieses Gesetz wäre zur Zeit, da es noch keine Eisenbahnen gab, zweckentsprechend gewesen; damals wären die Händler ihre tausend Werst allerdings nur einmal im Jahre gereist und hätten sich für das ganze Jahr mit Maaren versehen, jetzt aber müßte der Händler bei dem