Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 55 (1891)
- Issue
- Heft 32 (7.8.1891)
- Date
- 1891-08-07
- Page
- Seite 2 (sequence 14)
- Language
- German
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2 Lesen ihrer Bibel ermuthigen. Wir verwerfen das alte Testament, wir versprechen,- heule leine Kirche mehr zu besuchen, in welcher der Name Jesus Christus erwähnt wird." — Das sind die Parteigenossen der Herren Stöcker und Rohling. Colberg, 2. August. Zur Feier des Stiftungsfestes des jüdischen Kurhospitals versammelten sich heute die zur Zeit hier weilenden Freunde und Gönner der Anstalt in dem reich geschmückten Betsaale. Nach einem von dem Kantor Herrn Zadckow vorgetragenen einleitenden Gesänge bestieg Herr Rabbiner Dr. Goldschmidt, der zu den Mitbegründern der Anstalt gehört und seither als Mitglied des Vorstandes für ihren Fortbestand und weitere Entwickelung mit opfervoller, unermüdlicher Hingebung thätig ist, die Kanzel zu einer eindrucksvollen. zu Herzen gehenden Ansprache. An die Rede schloß sich die eigentliche Gedächtnißfeier für die Wohlthäter. Die stimmungsvolle Feier hinterließ bei allen Theilnehmenden einen erhebenden Eindruck. Memel, im August. Das ständige Hilfskomitee für die Nothstände russischer Israeliten versendet den ersten Bericht über seine Thätigkeit seit Anfang dieses Jahres. Wir entnehmen demselben folgende Stellen: „Ende November vorigen Jahres veröffentlichten wir den ersteil Aufruf zu Gunsten unserer schwerbedrängten russischen Glaubensgenossen, nicht ohne auf den elltschiedensten Widerspruch ängstlicher Gemüther zu stoßen. Wir durften uns hierdurch nicht beirren lassen. Erstlich hatten wir die sichersten Nachrichten, daß die Ortsausweisungen in größtem Umfange festbeschlossene Sache seien, und zweitens wollten wir den im größten Elende schmachtenden, vom Hungertode bedrohten, zahllosen Frauen und Kindern, deren Ernährer und Versorger bereits früher ansgewandert waren, Hilfe zu bieten suchen. Selbst mitten im Winter, während eines Kältegrades, welcher dem Bewohner milderer Klimate fast unerträglich scheint, waren wir in der Lage, einer großen Anzahl solcher Frauen, noch dazu mit reicher Kinderschaar gesegnet, helfen zu können. Diese scheuen selbst die Reise mitten im Winter nicht, weil der Hullger ein noch größerer Despot ist, als — der Frost. Bis Mitte Mai kamen die Hilfesuchenden immer noch vereinzelt, so daß bis dahill nur 421 Personen unterstützt und befördert worden waren. Bon da an kamen sie in größeren Schaaren; so zählt alleill der 31. Mai bereits 121 mit Unterstützungen abgefertigte Personen. Bis zu dieser Stunde hat der Zustrom von Auswanderern stetig zugenommen; allein infolge eigenen Vorgehens und Uebereinkommens, einerseits mit dem „Deutschen Centralkomitee" in Berlin, andererseits mit dem „Provinzial- Komitee" in Königsberg, hat die Gewährung von Unterstützungen und Beförderungen' große Einschränkungen erfahren, so daß jetzt trotz des weit größeren Zustroms täglich im Durchschnitt doch nur 80 bis 90 Personen der Beförderung für würdig erachtet werden. Das hiesige Komitee unterstützt nach seiner schon zu Anfang dieses Jahres angenommenen Unterstützungsordnung: „Frauen, welche zu ihren Männern, Kinder, welche zu ihren Eltern, Eltern, welche zu ihren Kindern und weibliche Personen, welche zu ihren Anverwandten reisen" und von diesen entweder mit Schiffskarten oder mit Geld zu Schiffskarten versehen, sonst aber erwiesenermaßen mittellos sind und ohne unsere Beihilfe nicht bis zum Orte ihrer Einschiffung nach überseeischen Ländern gelangen könnten. Das hiesige Komitee unterstützt ferner Personen des Handwerker- und Arbeiterstaudes, welche mit knappen Mitteln die Auswanderung unternommen haben und denen mit einer Unterstützung bis höchstens 15 bis 20 Mark pro Person geholfen ist. Ausnahmefälle mit weit höherer Unterstützung sind nicht ausgeschlossen. Auf zahlreichen kleineren und größeren Wagen bringen die russisch-jüdischen Fuhrleute die Auswanderer in den buntesten Schaaren täglich und stündlich nach unserem Orte. Wie sie bis an die Grenze, wie sie über die Grenze gekommen, wie sie dabei mißhandelt, ausgesogen und ausgezogen worden sind, soll hier nicht näher berührt werden. Gebe Gott, daß mit dieser letzten Leidensstation alles Leid der Unglücklichen beschlossen und abgethan sein möge. Anfangs waren dieselben auch an unserem Orte in den „Stanzten" (Herbergen) allerlei Erpressungen ausgesetzt. Da wurde denn vom Komitee ein großer Speicher mit drei Geschossen gemiethet und zum Logirhaus eingerichtet; damit wurde auch dem Komitee die Unterstützungsarbeit sehr erleichtert. Bei Ankunft wird eine jede Person mit allen wissensnöthigen Daten notirt, und die so entstehende Liste wird alsdann bei der Personalprüfung zu Grunde gelegt. Zur bestimmten Stunde sammeln sich die Unterstütznngsuchenden vor dem Sitzungslokale des Komitees, und der eben bezeichneten Liste folgend wird einer nach dem andern vorgerufen und seinen Angaben und Legitimationen gemäß, wobei auf das Strengste verfahren wird, abgefertigt. Bis zur Stunde sind nahezu 4000 Personen mit voller Quote unterstützt und befördert worden. Die Zahl derer, welche nur ganz kleine oder gar keine Reiseuuterstützung erhielten, theilweise auch wieder nach Rußland zurückgeschickt werden mußten, ist ganz gewiß ebenso groß. Nur die Zahl der erstgenannten Personen kann in die wohlrubrizirte Liste eingetragen werden. Anfangs, als unser Komitee das Unrerstützungswerk noch ganz allein betrieb, waren die Quoten etwas höher bemessen. Als aber das Deutsche Centralkomitee in Berlin die Angelegenheit in die Hand genommen und organisirt hatte, als das Kartell zwischen den einzelnen Komitees zu Stande gekommen war, konnten die Quoten in etwas verringert werden. Es erübrigt für diesesmal, nur noch über den weiteren Verlauf der Unterstützungsthätigkeit einige Bemerkilngen anzufügen- Dieselbe muß mit Anspannung aller Kräfte weiter geführt werden, zumal die große Masse der Ortsverwiesenen, zu deren Gunsten das Hilfswerk hauptsächlich unternommen wurde, wie sichere Nachrichten verlauten lassen, erst im Anzuge ist. Der russische Winter bringt mit Nothwendigkeit eine Unterbrechung in die Sache. Ob im kommenden Frühjahr die Thätigkeit der verschiedenen Komitees wieder ausgenommen werden muß, mag der Zukunft anheimgestellt bleiben." * Thorn, 3.August. Der Zuzug von jüdischen Auswanderern aus Rußland dauert ungeschwächt fort. Gegenwärtig lagern hier im Landes-Polizeigefängniß siebzehn arme Auswanderer, die pro Kopf täglich 80 Pfennige Unterstützung erhalten und so lange hier bleiben müssen, bis die Rückbeförderung nach Rußland erfolgt, was aber erst tiad) Wochen geschehen kann. CjEb Würzbttrg, 4. August. Montag den 20. Juli hielt der israelitische Lehrerverein für das Königreich Bayern hier seine jährliche Generalversammlung ab. An die Begrüßungs- und Eröffnungsrede des Vorsitzenden Herrn Seminarlehrers S chlenker, die mit einem Hoch auf den Landesfürsten endigte, schloß sich der geschäftliche Theil an, der den Vormittag in Anspruch nahm und hauptsächlich Berathung über Anträge von Vereinsinteresse zum Zweck hatte. Nach einer Unterbrechung von einer Stunde folgten des Nachmittags zwei Vorträge. Nußbaum-Wiesenfeld hatte bei der vorjährigen Konferenz die Aufgabe übernommen, einen Lehrplan für die israelitische Religionsschule auszuarbeiten und ist der übernommenen Verpflichtung in einer wohldurchdachten Rede gerecht geworden. Zum Schluffe seiner Rede stellte er 10 Thesen auf, die zur Berathung hinlänglich Stoff gaben. Hierauf sprach Mannheimer- Harburg über die Ausgabe der N el igionssch ule und die Vor- und Fortbildung der Religionslehrer. Der Beifall der zahlreich besuchten Versammlung lohnte ihn für die gelungene Bearbeitung des gestellten Themas. Der Verein verfügt z. Z. über ein Vermögen von circa 20,000 Mk. Im letzten Jahre kamen 940 Mk. als Unterstützung zur Vertheilung. Eine Wittwe hat während der sechs Jahre, in denen der Verein sein Unterstützungswerk bethätigte, schon über 1000 Mk. erhalten. Die Beiträge von 126 ordentlichen und sehr vielen außerordentlichen Mitgliedern bilden die Haupteinnahmequelle des Vereins, wozu noch Unterstützungen von Gemeinden und Privaten kommen. 3E Oldenburg i. Gr., 3. August. Nach einem fast ein Jahr dauernden Interregnum ist es unserm Lande endlich wieder beschieden, ein geistliches Oberhaupt in Herrn Rabbiner Dr. Mannheimer, bisher in Lauenburg in Pommern, dem schon ein guter Ruf voraufgegangen war, gefunden zu haben. Demselben wurde bei seinem Antritt der neuen Stelle, welcher am Montag den 20. d. M. erfolgte, ein glänzender Empfang bereitet. In Bremen wurde er öoit einer Deputation des Großherzogl. Landesgemeinderaths begrüßt und hierher geleitet. Am darauffolgenden Tage fand seine Vereidigung im Staatsministerium statt. Imposant gestaltete sich besonders die Amtseinführung, die am gestrigen Sonnabend stattfand. Die Synagoge war auf das Herrlichste geschmückt. Nachdem Herr Dr. M. von den Beisitzern hineingeleitet worden, wurde er von dem ersten Vorsteher im Namen des Landesgemeinderaths mit wenigen aber markigen Worten begrüßt und ihm im Namen Sr. Königl. Hoheit des Großherzogs in Abwesenheit des Staatsministers das Grobherzogliche Landesrabbinat in Oldenburg übertragen. Dann hielt Herr Dr. M. seine Antrittsrede, eine Rede, die sichtbarlich auf jeden Zuhörer den tiefsten Eindruck machte. Um der Landbevölkerung die Rede zugänglich zu machen, haben die Vorstände beschlossen, sie dem Druck zu übergeben. B. Aus Württemberg, 4. August. Konfessions- oder Simultanschule? Anläßlich der Verhandlungen des israelitischen