Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 55 (1891)
- Issue
- Heft 32 (7.8.1891)
- Date
- 1891-08-07
- Page
- Seite 4 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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Häuslgen Schwanken der Preise, bei dem Wechsel der Mode u. s. w. solche Reisen wenigstens drei- bis viermal im Jahre machen. Würden den Juden des Westgebiets solche Reisen nach Moskau hin unmöglich gemacht, so würden die jüdischen Händler zum Schaden des Moskauer Industrie-Rayons gezwungen, sich llach Lodz. Sosnowice u. s. w. zu wenden. Es wäre daher zweckentsprechend, das Gesetz dahin zu ändern, daß den Juden des Westgebiets erlaubt würde, viermal im Jahre llach Moskau zu kommen, insgesammt ans die Zeit von zwei Monaten. Weiter macht das Blatt darauf aufmerksam, daß die hastigen Judenallsweisungen aus Moskau es sehr vielen Moskowitern unmöglich gemacht hätten, Schuldfordernngen von den ausgewiesenen Juden bezahlt zu erhaltell. So hätte jetzt Moskau für die frühere Konnivenz, mit der man nicht zum Aufenthalt berechtigten Juden das Wohnen in Moskau gestattet, ullschuldiger Weise bluten müssen. Daß die „Moskowskija Wjedomosti" diesen Artikel bringen dürfen, ist ein symptomatisches Zeichen für eine mildere Handhabung der Judengesetze. Türkei. * Jerusalem, im Juli. In der Kolonie Rosch Pinah baut mau ein größeres Halts für den zweiten Verwalter des Ortes und eine Herberge. Unlängst wllrde ein 80 Hektar umfassender Weingarten allgelegt, welcher 20,000 Reben enthält. Ebellso wurden Oelbäume ll. f. w. gepflanzt. Gegenwärtig wird hinter ben Häusern der Kolonie eilt großer Lnstgartell im europäischen Sinlle allgelegt. Die Ansiedler der Kolonie Jesod hamalali versorgte Baron Rothschild mit Häusern; in llächster Zeit wird er ihllen eilt Badehaus unb ein großes Haus für die Arbeiter errichten lassen unb wird für eine Apotheke und einen Apotheker, sür Lehrer, Schächter u. s. w. sorgeil. Abgesehell aber davon, beziehen die Kolonisten keine Unterstützung mib leben von dem Ertrage ihres Bodens und dem Lohne für die in dem großen durch den Baron errichteten Garten geleisteten Arbeiten. Der Baron hat letzthin zwei große Streckell Landes gekallft. Die eine, bei Rosch Pinah umfaßt 4000 Dunam, die aildere bei Jesod hamalah 1000 Dunam. Herr Schub in Rosch Pinah hat eine Gesellschaft unter dem Namen „Die Galiläer" gegründet. Mitglieder sind Arbeiter aus ben Kolonien, Einwohner von Safed, unb einige Ausländer. Jedes Mitglied zahlt durch eine Reihe von Jahrell fünf Frailcs monatlich ltitb erhält dadurch die Anwartschaft auf zehll oder mehr Dullam mit Wein oder Fruchtbällmen bepstanzteil Bodens. Bekanntlich ilimlnt die Zahl von Vereinen dieser Art, namentlich auch ill Hillsicht voll Häliserbau in der Stadt hierzulande bedeutend zu. Vor zwei Jahren scholl machte Herr Manasse Meirowitz in der Kolonie Rischon Fzion die erstell Versuche mit Seidenzucht. Dieselben glückten, und der Baron ließ ill allen unter seinem Protektorate stehenden Kolonien die Bäume zur Nahrung für die Seidenwürmer pflanzen. Im berfXoffenen Jahre wurde nun ein wellig Seide nach Paris geschickt wld erwies sich als ausgezeichnet. Demgemäß gab jüngsthin Baroll Rothschild den Auftrag, die Seidengewinnnng den Kolonistenkilidern zu lehren, und wurde Herr Meirowitz mit diesem Unterrichte mld der Leitung der Seidenzucht betraut. Voll dem genialen Gedallken des Herrn Meirowitz ist viel Segen für das heilige Land zu erwarten. Amerika. * Washington, 29. Juli. Die von London aus verbreitete Washingtoner Meldung, daß Rußland in Folge von Vorstellungen der Vereinigten Staaten die Maßregeln gegen die Juden gemildert habe, ist vollständig unbegründet. Das hiesige Staatsdepartement erklärt, keine bezügliche Nachricht erhalten zu haben.? Von Nah und Fern. — Der Historiker Prof. Dr. Martin Philippson, der wegen des Konflikts mit den Studirenden aus seinem Brüsseler Lehramt ausgeschieden ist, wird zum Herbst nach Berlin übersiedeln. — Der Arzt Dr. Schirling in Rotenburg a F. feierte jüngst sein 50jähriges Doktor-Jubiläum. Von Sr. Majestät dem Kaiser erhielt derselbe den Rothen Adlerorden IV. Klasse mit der Zahl 50. Die Universität Marburg erneuerte das Doktor-Diplom, unb der Niederhessische Aerzte-Verein ehrte den Jubilar durch eine Adresse, die während der Festlichkeit im Saale der Abendgesellschaft überreicht wurde. — Dem Herrn Distriktsrabbiner Grünbaum in Ansbach wurde anläßlich der Feier seines 50jährigen Amtsjubiläums, das er am 12. Jmli beging, das Verdienstkreuz vom hl. Michael verliehen. — Der Stadtvorstand von Bensheim faßte einstimmig den Beschluß, 1000 Mk. der israelitischen Gemeinde zur Erbauung einer Synagoge beizusteuern und überdies ca. 1600 Kubikmeter Grund auf Kosten der Stadt von der Baustelle absahren zu lassen, wodurch der Gemeinde auch ca. 1000 Mk. erspart werden. — Am 5. August d. I., am ersten Tage der Versammlung des württembergischen Volksschullehrervereins, halten auch die israelitischen Lehrer im „Württemberger Hof" zu Heilbroun ihre jährliche Versammlung. Außer verschiedenen Vereinsangelegenheiten werden die Leitsätze über „die religiöse Fortbildung der Israeliten" lRef. Lehrer Schmal - Ludwigsburg) zur Berathung kommen. — Herr Rabbiner Dr. Poznanski, bisher in Reichenberg, ist, wie uns mitgetheilt wird, nach Pilsen berufen worden. — Anläßlich der jüngsten Anwesenheit des Bischofs Dr. Bauer von Brünn in Gr.'Meseritsch wurde, derselbe, wie von der städtischen Gemeindevertretung, so auch vom israelitischen Kultusvorstand und vom Rabbiner begrüßt. Der Bischof dankte sür den herzlichen Empfang und betonte sein stetes und eifriges Bestreben, den konfessionellen Frieden zu wahren und zu befestigen, gemäß der Lehre der Nächstenliebe, welche einen Grundsatz der katholischen Religion bildet. „Halten wir," so schloß er, „an unseren Geboten fest, dann wird sich schon in Zukunft das Band finden, das uns vereinen wird." — Miß Florence Menk-Meyer, die berühmte australische Komponistin unb Klaviervirtuosin, wurde am 17. Juli im Thalia-Theater zu Mailand durch einen enthusiastischen Empfang ausgezeichnet. Ihre Kompositionen erfreuten sich des größten Beifalls bei den ersten Musikern Mailands, und hat Miß Menk-Meyer ein Engagement für eine lange Tour durch Italien und die Schweiz angenommen — Miß Alice de Rothschild langte vor einer Woche in Windsor Castle an und hatte die Ehre, von der Königin empfangen zu werden. Miß Rothschild hat seinerzeit ihre Villa in Grasse der Königin ganz zur Verfügung gestellt, als Ihre Majestät dort weilte. — Der Pariser Gelehrte Josef Derenbourg hat in Anbetracht seines hohen Alters seine Entlassung als Professor der alten Sprachen gegeben. Muthmaßlicher Nachfolger dürfte Isidor Löb oder Mayer Lambert, Professoren des Rabbinerseminars, sein. — Unter den jüngst zu Rittern der Ehrenlegion ernannten Franzosen befindet sich auch der Rabbiner von Dijon, Aron genannt Gerson. — Im Monat April d. I. hatte in Helsingfors das geheimnißvolle Verschwinden eines dortigen jüdischen Mädchens, Namens Chawa Slavatitzki, aus ihrem Elternhause allgemeines Aufsehen erregt. Die Bemühungen der Behörden zur Ernirung des Mädchens blieben erfolglos, dasselbe blieb seither verschollen. Nun ist es aber in der jüngsten Zeit doch gelungen, das Räthsel zu lösen, indem in Erfahrung gebracht wurde, daß weibliche Mitglieder der Heilsarmee das Mädchen nach Stockholm entführt haben. Seitens der Behörden wurden sofort Schritte eingeleitet, um die Auslieferung des unmündigen Mädchens zu erlangen. — Auf Kosten des Baron Hirsch-Fonds wurde unter Leitung von Mr. B. B. Hoffmann eine Handelsschule in New-Uork eröffnet.— Dr. Henry M. Leipziger wurde zum Unterinspektor der öffentlichen Schulen in New-Uork ernannt. Derselbe war bisher Direktor der israelitischen technischen Schule in New-Uork. — Ein Telegramm aus Washington meldet: Der Sekretär des Schatzes, Foster, beantwortete eine Eingabe der amerikanischen Jüdischen Gesellschaften, betreffend die Einwanderung russischer Juden, dahin, daß die Bestrebungen, eine Auswanderung mittelloser Personen nach den Vereinigten Staaten hervorzurnfen, offenkundig mit dem Geist des Gesetzes in Widerspruch stünden, welches die Regierung zu beobachten entschlossen sei! — Nicht weit von Tripolis liegt das Dorf Amruz, welches ausschließlich von Juden bewohnt wird. Sämmtliche Juden nun, vom Rabbiner bis hinab zum Tempeldiener, sind merkwürdigerweise Schmiede. Diejenigen, die schon zu alt sind, um den Hammer zu schwingen, werden beim Blasebalg verwendet. Hauptsächlich liefern sie Waffen für die arabischen Stämme in der Sahara, von denen sie ihrer ausgezeichneten Arbeitskraft wegen sehr geschätzt werden. Die Juden siedelten sich zuerst kurz nach der Zer^ störung des zweiten Tempels in Amruz an. Druck und Verlag von Rudolf Mosfe in Berlin. Verantwortlich für bte Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.