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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1891-08-07 · Heft 32 (7.8.1891) · p. [Seite]

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
55 (1891)
Issue
Heft 32 (7.8.1891)
Date
1891-08-07
Page
[Seite] (sequence 13)
Language
German
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55. Jahrgang. Nr. 32. Berlin, 7. August 1891. Wetlage zur „Allgemeinen Zeitung des Iuöenthurns". Korrespondenzen und Nachrichten. Deutschland. * Berlin, 4. August. Ueber die Fortführung des Hilsswerks zu Gunsten der russischen Inden berichten Wiener Blätter: „In einer Berathung, welche am Donnerstag zwischen Baron Hirsch und den Vorstandsmitgliedern des Deutschen Centralkomitees, demKommerzienrath L. M. Goldberger-Berlin und Rechtsanwalt Breslauer-Berlin, in Karlsbad-stattfand, wurden folgende Beschlüsse gefaßt: 1. Um der Aktion des Baron Hirsch den gehörigen Nachdruck zu geben, sollen die israelitischen Hauptgemeinden Europas und Amerikas dem Emigrationswerke ihre Patronage sichern. Die einleitenden Schritte hierzu sind bereits erfolgt. 2. Die außerhalb Rußlands bereits bestehenden Exekutivkomitees werden durch geeignete Elemente verstärkt, damit dieselben ihrer schwierigen Aufgabe Herr werden können. 3. Baron Hirsch entsendet unter Mitwirkung der obengenannten Korporationen Herrn Arnold White eventuell mit einem zweiten Delegirten nach Rußland, mu daselbst unter Genehmigung der russischen Negierung die Koustituirung eines Lokalkomitees in Petersburg und mehrerer Lokalkomitees in der Provinz vorzunehmen. Diese russischen Komitees sollen die nothweudigen Maßnahmen treffen, um an die Stelle des jetzigen planlosen Scheidens der russischen Juden aus ihrer Heimath eine regelmäßige, wenn auch vielleicht minder rasche Auswanderung zu setzen. Es wird durch offizielle Mittheilung nachdrücklichst hervorgehdben werden, daß diejenigen Emigranten, welche ohne Genehmigung ihres Lokalkomitees und des Centralkomitees in Petersburg ihre Heimath verlassen und sich den von diesen festgesetzten Maßnahmen entziehen, dies auf eigenes Risiko thun und auf beit Schutz des Emigrantenkomitees nicht zu rechnen haben. Man hofft, daß auf diese Weise die vielen Klager: und Leiden, welche der gegenwärtige Zustand zur Folge hat, vermieden werden, besonders wenn die russische Regierung, den Ernst des Werkes sehend, die vielen Unglücklichen, welche durch die bekannten behördlichen Maßnahmen dem Elende preisgegeben werden, bis auf Weiteres unbehelligt läßt." — Hiesigen Blättern wird ferner mitgetheilt: „Sicherem Vernehmen nach unterhandelt das Berliner Hilfskomitee für die aus Rußland ausgewiesenen Juden gegenwärtig mit der italienischen Regierung, um ihnen dort, wo noch große Stecken fruchtbaren Landes unbebaut liegen, Ansiedelungen zu ermöglichen. Baron Rothschild in London scheint der Urheber des Projekts zu sein. Derselbe erklärte sich in einem an den Exminister Ruggiero Bonghi gerichteten Schreiben bereit, für dasselbe bedeutende Geldopfer zu bringen, und der Finanzminister Luzzatti hat Letzterem seine Unterstützung zugesagt. Der Ausweisungsbefehl gegen dreißig russische Juden, welche in Genua landen wollten, soll bereits zurückgenommen sein." X Berlin, 5. August. Aus Wien geht uns die Trauerkunde zu, daß dort am 3. d. M. Leopold Dukes im 82. Lebensjahre nach kurzer Krankheit verschieden ist. Wir haben bereits im vorigen Jahre (Nr. 4) anläßlich seines achtzigsten Geburtstages die Bedeutung dieses Mannes hervorgehoben und können uns darauf beschränken, das dort Gesagte zu wiederholen. Leopold Dukes, ein geborener Preßburger, war fast vierzig Jahre lang einer der fleißigsten Bearbeiter der jüdischen Literaturgeschichte. Er war nach Zunz, Nappaport, Luzzato der Erste, der sich an den Aufbau des arg verwüsteten Tempels der jüdischen Wissenschaft heranwagte; mit seltenem Fleiß und nie ermüdender Ausdauer hat er Jahrzehnte lang die kleinsten Steinchen herbeigetragen, um diesen Ausbau zu vollenden. Als ein litterarischer Wanderer zog er von Stadt zu Stadt, von Land zu Land, um im Staube der Bibliotheken nach den verschütteten Schätzen der jüdischen Litteratur zu graben, und was er auf diesen Wanderungen gefunden, das hat er dann mit Geist und . Scharfsinn, mit tiefem Wissen und eindringendem Verständniß der allgemeinen Wissenschaft erschlossen. Die Poesie und Geschichte, die Philosophie und Sprachkunde der Juden im Mittelalter verdanken ihm die werthvollsten Aufschlüsse, die interessantesten Mittheilungen. Von seinen zahlreichen Schriften nennen wir nur die folgenden: „Ehrensäulen und Denksteine zu einem künftigen Pantheon hebräischer Dichter" (Wien 1837), „Moses ben Esra aus Granada" (Altona 1889), „Zur Kenntniß der neuhebräisch-religiösen Poesie" (Frankfurt a. M. 1842), „Rabbinische Blumenlese" (Leipzig 1844), „Beiträge zur Geschichte der ältesten Auslegung und Spracherkläruug des A. T." (Stuttgart 1844, zusammen mit H. Ewald herausgegeben), „Nachbiblische Geschichte der hebräischeil Sprache" (Eßlingen 1846), „Ginse Oxford" (Londoll 1850), „Nachal Kedumim" (Hannover 1853). „Schire Schelomo", hebräische Gedichte von Salonlo b. Gabirol (Hannover 1858), „Zur rabbinischen Spruchkunde" (Wien 1858), Salomo b. Gabirol und seine ethischen Werke" (Hannover 1860), „Philosophisches aus dem zehnten Jahrhundert" (Kassel 1868). Mit dieseil Publikationen ist aber Dukes' litterarische Wirksamkeit nicht abgeschlossen. Alle jüdischen Zeitschriften der vierziger und fünfziger Jahre enthalten die werthvollsten Beiträge aus seiner Feder. Mit Dukes ist einer der Letzten aus der großen Zeit der Renaissance der jüdischen Wissenschaft dahingegangen. Sein Leben war eilt armes, mühevolles, möge ihm die Erde leicht sein! * Berlin, 5. August. Am Montag habilitirte sich an der hiesigen Universität Herr Dr. Georg Hnth für Tibetisch, Mongolisch und Geschichte des Buddhismus. Das Studium des Sanskrit und der centralasiatischen Sprachen betrieb derselbe hier von 1885--89. Seine erste wissenschaftliche Arbeit „De Kfiüdäsae aetate et scriptis" wurde von der hiesigen philosophischen Fakultät preisgekrönt; eine darauffolgende märchenvergleichende Studie „Die Reisen der drei Söhne des Königs von Serendippo" trug dem Verfasser das Stipendium der Mendelssohn-Stiftung ein. Seine Doktor-Dissertation behandelte „Die Zeit des Kalidasa". Seine weiteren Arbeiten sind Untersuchungen auf dem Gebiete der tibetischen Litteratur in ihrer Beziehung zum Sanskrit llnd zum Buddhismus, so .,The Chendoratnäkara of Ratnäkara^änti. Sanskrit text with a Tibetan trauslation", sowie ferner „Die tibetische Version der Nachsargika-prägaccittika-dharmäs. Buddhistische Sühnregeln aus den Pratimoksha-sütram." Wie seiner Zeit berichtet wurde, erhielt Dr. Huth von der hiesigen Akademie der Wissenschaften zur Förderung seiner tibetisch-sanskritischen Studien eine Beihilfe aus der Bopp-Stiftung. Auch feine Habilitationsarbeiten betreffen die Bedeutung der tibetischen Sprache und Litteratur für die Sanskritforschung und die Geschichte des Buddhismus, während seine Antrittsvorlesung „Die Litteratur der mongolischen Stämme und ihren Werth für die Geschichtsforschung mit) Volkskunde" behandelte. Dr. Huth ist 1867 geboren und entstammt einer hiesigen jüdischen Lehrerfamilie. * Berlin, 4. August. Das im Statistischen Amt der Stadt Berlin unlängst festgestellte endgiltige Ergebniß der Volkszählung vom 1. Dezember 1890 hat in Berlin eine ortsanwesende Bevölkerung von 1,578,794 Personen ergeben, das ist 20 Prozent mehr als am 1. Dezember 1885. Der Konfession noch wurden ermittelt: Evangelische 1,352,558, Römisch-Katholische 135,032, Griechisch-Katholische 378, andere Christen: 10,673, Juden: 79,236, andere Religion und unbestimmt: 867. Gegen die Vorzählung hat demnach gegenüber der Durchschnittszunahme von 20 Prozent die jüdische Bevölkerung um 23, die katholische (einschließlich griechisch-katholische) um 36 Prozent zugenommen, und es entfielen auf 1000 Einwohner überhaupt 50 Juden und 85 Katholiken gegen 49 bezw. 76 im Jahre 1885. * Berlin, 3. August. Zur Charakterisirung der Heuchelei, welche die antisemitische Partei zur Schau trägt, indem sie sich als Schutzherrin der Religiösität aufzuspielen die Keckheit hat, möge folgende Stelle aus einer „Berichtigung" dienen, welche Herr Lic. Graebner gegenüber den Angriffen des Antisemiten Liebermann von Sonnenberg veröffentlicht: „Die Bemerkung, wegen deren man mich der „wissentlichen Unwahrheit", „Lügen", >,Verleumdung" rc. geziehen hat, ist vom Konsistorialrath Dr. Schöpf in Salzburg im „Salzburger Volksblatt" veröffentlicht und lautet: „Die Antisemiten Amerikas, wo man den wohlfeilen Muth haben kann, von allen Dingen die letzten Konsequenzen zu ziehen, haben sich geradezu in einer Resolution vom Christenthum losgesagt, weil Christus und die Apostel semitischer Herkunft seien. Die „Deutsche Wacht", neben den „Brennenden Fragen" ein Hauptorgan der Antisemiten, sagt: „Wir wollen die Juden nicht länger durch das

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